Traumatisierte US-Soldaten Das Heer der kranken Köpfe

Die Gräuel des Krieges hinterlassen Spuren bei den US-Soldaten. Tausende leiden unter traumatischen Stresserkrankungen - möglicherweise auch der Amokläufer Robert Bales. Doch die Armee-Psychologen haben vor allem ein Ziel: Die Kämpfer rasch zurück in die Schlacht zu schicken.

AP

Von


Hamburg - Noch ist nicht klar, was Robert Bales getrieben hat, als er in der Nacht zum 11. März seine Militärbasis verließ und 16 afghanische Zivilisten tötete. Der US-Soldat sitzt schwer bewacht in einem Gefängnis im Bundesstaat Kansas - und schweigt offenbar bisher zu den Vorwürfen. Seine Verteidiger argumentieren jedoch schon jetzt, dass eine unentdeckte Trauma-Erkrankung den Entschluss zu der Bluttat beeinflusst haben könnte.

Posttraumatische Belastungserkrankungen, PTBS, hinter diesen vier Buchstaben verbirgt sich ein Teufelskreis aus Stress, Überlastung und unvorstellbarer Gewalt, in den jährlich Tausende US-Soldaten geraten. Es ist der Krieg nach dem Krieg. Eine Schlacht, die viele Soldaten lieber allein ausfechten. Und nicht selten verlieren.

Mehr als 200.000 Menschen haben sich seit Beginn der Kriege im Irak und in Afghanistan in Veteranen-Krankenhäusern behandeln lassen - alle wegen PTBS. Diese Zahl veröffentlichte die Tageszeitung "USA Today" im November 2011 unter Berufung auf eine Studie von Veteranen-Vereinigungen. Die Dunkelziffer der Erkrankungen dürfte aber deutlich höher liegen. Scham und Stolz halten noch immer viele Soldaten davon ab, sich professionelle Hilfe zu holen. Das Militär spricht dagegen offiziell von "nur" rund 50.000 PTBS-Fällen.

Welche Auswirkungen die Missionen in Afghanistan und dem Irak auf die mentale Gesundheit der Heimkehrer haben werden, ist noch nicht absehbar. Eine Studie aus dem Jahr 2003 hat jedoch ergeben, dass rund ein Drittel der Veteranen des Vietnam-Kriegs mit massiven psychischen Problemen aus Übersee zurückgekommen ist. 15 Prozent der Rückkehrer hatten demnach auch 15 Jahre nach ihrem Ausscheiden aus dem Militärdienst noch mit PTBS-Symptomen zu kämpfen.

Diese können sich in Angstzuständen äußern, in Schlaflosigkeit und Depression. Aber auch spontane Gewaltausbrüche, häusliche Dispute sowie Alkohol- und Drogenmissbrauch gehören zu den möglichen Folgen einer PTBS-Erkrankung. Seit Jahren beklagen Veteranen-Organisationen steigende Selbstmordraten unter Kriegsheimkehrern mit traumatischen Erfahrungen.

Nur widerwillig nach Afghanistan aufgebrochen

"Die Armee beharrt darauf, dass es sich um isolierte Einzelfälle handelt. Soldaten, die aus ganz individuellen Gründen außer Kontrolle geraten. Aber so ist es nicht", zitiert die "New York Times" den Psychologen Stephen Xenakis. Als ehemaliger Militärarzt beschäftigt er sich seit Jahren mit dem Problem PTBS.

Xenakis hat eine gefährliche Kombination ausgemacht. Immer längere Einsätze - Auslandsaufenthalte von einem Jahr und mehr sind die Regel -, treffen auf immer kürzere Pausen in der Heimat. Zudem werden Soldaten häufiger nach Übersee geschickt als in der Vergangenheit. Auch Robert Bales war bereits in seiner vierten Mission unterwegs. Freunde und Familie berichten, dass er sich nur widerwillig auf den Weg nach Afghanistan gemacht habe. Eigentlich habe er sich nach drei Einsätzen im Irak auf ein ruhigeres Leben in den USA eingestellt.

Hinzu kommt eine steigende Anzahl der Hirnverletzungen bei US-Soldaten im Kampfeinsatz. Laut Verteidigungsministerium und Veteranenverbänden betreffen rund 22 Prozent der im Irak und in Afghanistan gemeldeten Verletzungen das Gehirn. Eine Studie der Universität Los Angeles hatte im Februar 2012 erstmals eine direkte Verbindung von Hirnverletzungen und der Tendenz zu PTBS-Erkrankungen belegt. Auch der mutmaßliche Attentäter Bales hatte bei einer seiner Irak-Missionen ein Hirn-Trauma erlitten. Sein Militärfahrzeug hatte sich - offenbar durch eine Explosion - überschlagen.

Möglichst schnell zurück in die Schlacht

Zwar werden Soldaten schon jetzt intensiv psychologisch betreut - auch im Kriegsgebiet. In sogenannten Combat Stress Control Units arbeiten Armee-Psychologen im Irak und in Afghanistan mit auffällig gewordenen Einheiten zusammen. Dabei, so Jan Haaken, verfolgen sie jedoch eine widersprüchliche Strategie. Die Psychologin und Filmemacherin hat mehrere dieser Einheiten bei ihrer Arbeit begleitet, auch auf der Joint Base Lewis-McChord, von der Robert Bales in seine Afghanistan-Mission geschickt wurde. "Die Psychologen sollen natürlich versuchen, psychische Langzeitschäden zu verhindern. Ihre wichtigste Aufgabe ist jedoch eine andere: Die Soldaten möglichst schnell wieder gefechtsbereit zu machen", erklärt Haaken.

In ihrem Dokumentarfilm "Mind Zone" kommen mehrere solcher Seelsorger im Feld zu Wort. Der Tenor ist eindeutig: Man sei nicht im Einsatz, um die Stärke der Truppe zu verringern. Im Zweifelsfall würden Soldaten für tauglich erklärt, solange sie "den Job erledigen können".

Derzeit laufen interne Ermittlungen der US-Armee, nachdem auf der Joint Base Lewis-McChord offenbar reihenweise PTBS-Fälle falsch oder gar nicht diagnostiziert wurden. Nach Informationen der "Washington Times" werden demnach rund 1500 Fälle überprüft, bisher wurde 285 Soldaten eine erneute Untersuchung auf PTBS-Hinweise nahegelegt. Ob sich auch der mutmaßliche Attentäter Robert Bales in dieser Gruppe befindet, ist bisher nicht bekannt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass die US-Streitkräfte noch in den internationalen Einsatzgebieten Irak und Afghanistan in Bewegung seien. Dies ist nicht richtig. Die USA haben ihre Irak-Mission im Dezember 2011 offiziell beendet. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.

insgesamt 152 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
wika 19.03.2012
1. Wahnsinn bleibt Wahnsinn …
… und da solle man sich dann am Ende auch nicht wundern wenn tatsächlich nur wieder Wahnsinn das Ergebnis ist. Es ist kein Normalzustand, dass sich die Leute gegenseitig umbringen müssen, es ist tatsächlich krankhaft. Wenn aber dieses Krankhafte irgendwann zur Routine oder gar zum "normalen Geschäft" wird, dann hat der Mensch bereits verloren. Kriege werden befohlen von Leuten die sich kennen und hassen und ausgeführt von Menschen die sich weder kennen noch hassen. Braucht es noch deutlichere Worte um diesen Wahnsinn zu beschreiben? Ok, dann nehmen sie diesen noch daher: *"Moderne Kriegsführung"* (http://qpress.de/2010/07/02/moderne-kriegsfuhrung/) … ein schwarzer Aufsatz der diesen Wahnsinn normalisiert, alles versachlicht und dafür plädiert im Rahmen des "Kriegshandwerks" wieder zu den alten Tugenden zurückzukehren, sich wieder gegenseitig und händisch die Schädel zu spalten (arg schwarz), aber dicht genug am Wahnsinn.
tiit 19.03.2012
2. Naja, lieber Freigeist1964
Diese Aussage ist nun wohl mehr als unqualifiziert. Soldaten sind also Idioten in ihren Augen? Dann gehören Sie sicher zu der Fraktiion, die Bürgerkrieg und Völkermord in anderen Ländern als "innere Angelegenheit" der jeweiligen Länder (Diktatoren) betrachten und diesen freie Hand lassen, richtig? Oder wollen Sie in solche Krisenherde ziehen und mit Wattebäuschen schmeissen?
Demokratischer_Beobachter 19.03.2012
3. Kriegszitterer
Von jenen Soldaten, die aus dem 2. Weltkrieg nach Deutschland heimkehrten, wird vielfach berichtet, daß sie über ihre Erlebnisse nie sprachen. "Amokläufe" sind von ihnen indes nicht bekannt.
testthewest 19.03.2012
4.
Na, wenns danach geht, dann sind so einige selbst Schuld. Jeder Raucher, jeder Radfahrer, jeder Feuerwehrmann. Aber wenn man mal sein Hirn anstrengt, dann wird einem vielleicht auffallen, dass der gemeine US-Soldat meist von Hause aus recht armen Verhältnissen kommt, und seinen Sold (=/=Ehrensold wie bei unseren feinen Ex-BP) verdient um seine Familie zu ernähren. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass jeder von denen lieber in seiner Heimatkaserne wäre, als in Afghanistan im Krieg. Und ihr Satz "sich freiwillig in einen Krieg hereinziehen" muss wohl ein schlechter Scherz sein...
frubi 19.03.2012
5. .
Soldaten werden ja auch nicht vor den Türen von Havard rekrutiert. Allerdings sollte man auch nicht vergessen, dass es in Amerika viele Familien gibt, in denen eine militärische Ausbildung und ggf. ein Kriegseinsatz als perfekter Eintrag im Lebenslauf gilt. Hier stellt sich mir die Frage des freien Willens junger Soldaten aber ansonsten liegen Sie richtig: Soldaten verdienen kein Mittleid. Es wird niemand mit einer Knarre am Kopf gezwungen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.