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Amoklauf in Najib Yan Afghanistan will US-Soldat hart bestrafen

Ein US-Soldat läuft Amok - und belastet damit die Beziehung zwischen Afghanistan und der Nato schwer. Das Parlament in Kabul will den Täter vor ein heimisches Gericht stellen. Die Geduld des Volkes mit den ausländischen Truppen sei am Ende.

Kabul/Hamburg - Die Botschaft der afghanischen Parlamentarier ist deutlich: In scharfen Worten warnt die Wolesi Jirga, das Unterhaus in Kabul, die ausländischen Truppen nach dem Amoklauf eines US-Soldaten in Südafghanistan. "Die Toleranzgrenze ist erreicht", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Abgeordneten. "Die Wolesi Jirga verurteilt die brutale und unmenschliche Tat der amerikanischen Soldaten." Das Parlament warf den ausländischen Truppen im Land "Willkür" vor.

Die Täter sollten sich vor einem öffentlichen Gericht in Afghanistan verantworten und "unter Beteiligung des afghanischen Volkes" bestraft werden, fordert das allerdings weitgehend machtlose Parlament. All jenen, "die das Blut von Afghanen unter irgendeinem Vorwand vergießen", müsse eine Lektion erteilt werden.

Aus dem Nato-Hauptquartier in Kabul hieß es am Montag, zunächst müsse die Tat vollständig ausermittelt werden, dann komme ein Strafprozess, vermutlich vor einem Militärgericht in den USA. Eine direkte Beteiligung von Afghanen an einem solchen Prozess gilt im Hauptquartier als ausgeschlossen. Jedoch sind solche Verfahren, etwa gegen das sogenannte "Kill Team" im vergangenen Jahr, öffentlich. Damals verhängte das Gericht am Ende des viel beachteten Prozesses gegen US-Soldaten sehr lange Freiheitsstrafen - der Haupttäter bekam lebenslänglich. Die Männer wurden schuldig befunden, mehrere Afghanen zum Spaß verfolgt, getötet und die Leichen fotografiert zu haben.

Nach Angaben der Internationalen Schutztruppe (Isaf) handelt es sich bei dem Todesschützen vom Sonntag um einen Einzeltäter. Bei seinem Amoklauf in einem Dorf tötete der Soldat in der Nacht zum Sonntag insgesamt 16 Zivilisten, unter ihnen neun Kinder und drei Frauen. Nach US-Angaben litt der Mann unter psychischen Problemen. Augenzeugen berichteten, er sei in drei Häuser eingedrungen und habe auf die schlafenden Afghanen geschossen. "Er agierte wie in einem dieser Computerspiele, wie ferngesteuert ging er von Haus zu Haus", beschrieb Lal Mohammed die Szenerie.

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Die Isaf versprach, den Täter zur Verantwortung zu ziehen. "In allen Ländern, die die Koalition stellen, geht das Militär mit seinen Tätern nicht milde um", sagte Isaf-Sprecher Carsten Jacobson am Montag in Kabul. Der Bundeswehr-General betonte, dass das Massaker "in seinem dramatischen Ausmaß ein Einzelfall" sei.

Bundeskanzlerin Angela Merkel traf am Montag erstmals seit Dezember 2010 zu einem unangekündigten Besuch in Afghanistan ein. Bei einer Visite im deutschen Feldlager in Masar-i-Scharif erklärte die Regierungschefin zum bis 2014 geplanten Truppenabzug: "Ich kann noch nicht sagen, wir schaffen das bis 2013/14." Sie betonte jedoch: "Der Wille ist da. Es wird daran gearbeitet." In den kommenden zwei Jahren gebe es jedoch "noch einiges zu tun".

Telefonisch kondolierte Merkel am Montag dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai. Sie drückte dem Staatschef ihr persönliches Beileid und das der deutschen Bevölkerung anlässlich der "schrecklichen Tat des US-Soldaten" aus. Karzai habe seinerseits betont, dass die Leistung der Bundeswehr vom afghanischen Volk außerordentlich geschätzt werde.

Der Bundeswehrverband lobte die Äußerungen der Kanzlerin zum Bundeswehrabzug: "Ich bin immer skeptisch gewesen, was das Datum 2014 betrifft", sagte Verbandschef Oberst Ulrich Kirsch im Fernsehsender N24. Der schrittweise Abzug der Bundeswehr müsse mit Augenmaß erfolgen. "Diejenigen, die heute sehr schnell bereit sind und sagen, raus aus Afghanistan, wären bei Menschenrechtsverletzungen die Ersten, die rufen würden, wieder rein nach Afghanistan."

syd/mgb/dpa/dapd
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