Analyse Auswege aus der strategischen Sackgasse

Der Krieg der USA in Afghanistan ist festgefahren; das militärische Denken hat das politische ersetzt. Doch mit Bombenteppichen gewinnt man weder einen Krieg noch neue Freunde. Die US-Regierung und ihre Alliierten müssen endlich ihre Ziele definieren - und dann die Konsequenzen tragen.

Weltweit schmilzt die Akzeptanz für das Bomben der US-Air-Force in Afghanistan: Die Hinterbänkler in den Parlamenten rebellieren, immer mehr Manifeste und Demonstrationen gegen die Luftangriffe und den Krieg am Hindukusch signalisieren den Stimmungsumschwung. Selbst in Großbritannien, dessen Premier Tony Blair sich zum Chefideologen der Koalition gegen den Terrorismus aufgeschwungen hat, haben sich in Umfragen 53 Prozent - nur ein Prozent weniger als in Deutschland - für ein Moratorium beim Bombardieren ausgesprochen.

Dass die Amerikaner, wie schon in Vietnam, mit ihren B-52-Bombern aus über zehn Kilometer Höhe - und mit entsprechender Ungenauigkeit - tödliche Bombenteppiche ausbreiten, unterminiert die "bedingungslose Solidarität" (Gerhard Schröder) mit den USA weiter. Sich ausschließlich auf die Feuerkraft aus der Luft zu verlassen, signalisiert dabei keinesfalls amerikanische Stärke, sondern nur strategische Schwäche. Es handelt sich, wie die Londoner Tageszeitung "Guardian" konstatiert, um die "Symptome einer bankrotten Politik".

Al-Qaida wurde geadelt

Die strategische Fehlentscheidung fiel schon unmittelbar nach den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon: US-Außenminister Colin Powell sprach spontan von einem "Krieg", in dem sich Amerika befände. Am Tag darauf machte sich George W. Bush den Terminus zu Eigen und die Nato rief den Verteidigungsfall aus. Damit war innerhalb von zwei Tagen sowohl die Ebene als auch die Dimension des künftigen Handelns der US-Regierung und ihrer Koalition festgelegt - leider waren es die falschen.

Die bis dahin kaum bekannte Organisation al-Qaida wurde zu einem ernst genommenen Gegenspieler der größten Militärmacht der Welt geadelt, ihr spiritueller und politischer Führer Bin Laden zur mythischen Figur erhoben. Die Klerikal-Faschisten um Osama Bin Laden hatten mit einem Schlag erreicht, wofür andere terroristische Bewegungen Jahrzehnte kämpfen müssen, nämlich als Kriegsgegner - und damit auch als gleichwertig - anerkannt zu werden.

Ein zweiter Fehler war es, den Feldzug "Krieg gegen den Terrorismus" zu taufen, statt einfach nur den Kampf gegen al-Qaida auf die Tagesordnung zu setzen. Die unbedachte Fokussierung auf einen unklaren Krieg förderte eine gefährliche Erwartungshaltung: Wenn die größte Militärmacht der Welt eines der ärmsten Länder angreift, ist alles andere als ein Sieg innerhalb weniger Wochen eine Blamage.

Doch die bitteren Erfahrungen, die nahezu alle Invasoren seit Alexander dem Großen in Afghanistan machen mussten, wurden im Pentagon offenbar nicht ernst genommen, die Taliban und ihre Moral absurd unterschätzt. "Die verbreitete Erwartung eines K.o.-Schlages gegen die Taliban wurde grausam enttäuscht", urteilte der US-Historiker Arthur Schlesinger. Die amerikanische Ignoranz - der kollektive Glaube, qua natura das beste und stärkste Land der Welt zu sein - erwies sich einmal mehr als Hypothek.

Die Geschichte der US-Militärinterventionen seit dem Zweiten Weltkrieg zeigt: Mit Flächenbombardements gewinnt man weder einen Krieg noch neue Freunde. Exemplarisch ist der Fall Kambodscha. Nachdem Richard Nixon und Henry Kissinger - völkerrechtswidrig und geheim - 1973 damit begannen, das bis dahin neutrale Land bombardieren zu lassen, starben rund eine halbe Million Menschen. Die B-52-Flotte brachte Pol Pot und seinen Roten Khmer erst den entscheidenden Zulauf, um die von den USA gestützte Regierung zu stürzen und ihr mörderisches Regime zu errichten.

"Das Leiden der Afghaner kümmert sie nicht"

Nun droht sich der gleiche Mechanismus in Afghanistan zu wiederholen. Diese Gefahr klar vor Augen hatte der moderate Paschtunen-Führer Abdul Haq. "Die Vereinigten Staaten", so analysierte Haq bitter, "versuchen Muskeln zu zeigen und die ganze Welt in Angst zu versetzen. Das Leiden der Afghaner kümmert sie nicht." Noch kurz bevor die Taliban ihn gefangen nehmen und exekutieren konnten, forderte er daher dringend die Einstellung der Luftangriffe, weil diese die Taliban nicht schwächten, sondern stärkten.

Doch die Mahnung aus dem Munde des Mannes, der als einer führenden Kommandeure des Krieges gegen die sowjetischen Invasoren ganz sicher als Experte für die Mentalität seiner Landleute gelten kann, verhallte in Washington ungehört. Stattdessen treibt die demonstrativ eingesetzte Übermacht amerikanischer Bombengewalt Tausende junger Muslime in die Arme der faschistoiden Islamisten und ihres Terrorregimes.

Dabei machen Angriffe aus der Luft nur für eine begrenzte Zeit Sinn, wenn sie einen Einsatz von Bodentruppen vorbereiten oder begleiten. In den USA wird dementsprechend die militante Rhetorik lauter. "Kein Berg ist groß, keine Höhle tief genug", drohte der republikanische Senator John MacCain, "um sich vor dem vollen Zorn der amerikanischen Macht zu verstecken."

Doch worauf stützen sich die Falken und Sandkastenstrategen in Politik und den Medien, wenn sie den schnellen Einsatz von Bodentruppen in Afghanistan verlangen?

Teil 2: Die Optionen - Verhandlung mit den Taliban oder Invasion

Öffentlich bestätigt ist nur, dass rund tausend US-Soldaten derzeit in Usbekistan und auf dem von der Nordallianz gehaltenem afghanischen Territorium im Einsatz sind. Weitere etwa 2200 Marines stehen auf den Schiffen bereit, die vor der Küste Pakistans stationiert sind; 200 Briten und 50 Türken sollen noch dazukommen. Würde es dieser Truppe gelingen, die mindestens 50.000 Taliban-Soldaten zu besiegen, käme das einem Wunder gleich.

Zudem haben MacCain und andere Propagandisten einer härteren Gangart keine Antwort auf die Frage, wer - falls die Taliban gestürzt werden - das Land regieren könnte. Jede politische Gruppe oder jeder Politiker, der von den Amerikaner unterstützt oder gar installiert wird, ist hoffnungslos als Marionette der Ungläubigen stigmatisiert und hat keine Chance, sich aus eigener Kraft an der Macht zu halten.

Als Ausweg aus dieser strategischen und politischen Sackgasse bieten sich zwei Optionen an - beide bedeuten eine Revision des bisherigen Ansatzes: Wenn es nur darum geht, Osama Bin Laden und seine engsten Kombattanten zu ergreifen, führt an ernsthaften Verhandlungen mit den Taliban kein Weg vorbei. Dafür wäre - wie es Uno-Generalsekretär Kofi Annan bereits gefordert hat - ein Waffenstillstand nötig.

Wenn hingegen die Taliban gestürzt werden sollen - was schon aus humanitären und menschenrechtlichen Erwägungen heraus gewiss erstrebenswert ist - dann bedarf es einer angemessenen militärischen Anstrengung. Für die vollständige Eroberung und Besetzung Afghanistans müssen nach Schätzungen der "New York Times" mindestens 500.000 Soldaten auf dem Boden und aufwendige Logistik eingesetzt werden. Zudem müssten anschließend entweder die Uno (ohne die Amerikaner) oder eine Gruppe von neutralen Schutzmächten das Land über Jahre als Protektorat verwalten und wieder aufbauen.

Für beide Optionen gibt es gute Argumente. Sie detaillierter zu entwickeln, öffentlich zu diskutieren und dann zu entscheiden - das wäre das Gebot der Stunde. Die schlichten Durchhalteparolen, wie sie angesichts der bröckelnden Heimatfront jetzt von den Politikern der Anti-Terror-Allianz verkündet werden, sind für diese notwendige Debatten kein Ersatz.

Noch versucht die US-Regierung, sich durchzulavieren. Statt eigene Truppen einzusetzen, um die Taliban zurückzutreiben, soll die Nordallianz diese Drecksarbeit erledigen. Doch wenn die Bush-Regierung sich weiterhin nur auf die Nicht-Strategie der Bombenteppiche verlässt, ist - wie schon in Vietnam - das Scheitern sicher.

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