Nordkoreas Kriegsdrohung Kim diktiert Obamas Außenpolitik

Nordkorea kann den USA militärisch nicht wirklich drohen - trotz allem Getöse. Pjöngjang ist ungeachtet aller eigenen Schwächen aber fähig, die Außenpolitik von US-Präsident Obama entscheidend zu stören. Und damit die gesamten Pläne für seine zweite Amtszeit.
Nordkoreas Kriegsdrohung: Kim diktiert Obamas Außenpolitik

Nordkoreas Kriegsdrohung: Kim diktiert Obamas Außenpolitik

Foto: Manuel Balce Ceneta/ AP/dpa

Barack Obama, gewählter Führer der freien Welt, und Kim Jong Un, hauptberuflich Diktator, haben herzlich wenig gemein. Doch beide teilen eine Leidenschaft: Basketball. Kim bereitete vor kurzem in Pjöngjang Ex-NBA-Star Dennis Rodman einen rauschenden Empfang. Obama hat lange von einer Karriere in der NBA geträumt.

Im Basketball gibt es wie in wohl keinem anderen Sport die Neigung zum taktischen Foul: einer üblen Ungezogenheit, um den Spielfluss der gegnerischen Mannschaft zu stören. Kim ist gerade dabei, ein solches Foul an Obama zu verüben.

Man mag darüber spotten, dass ein Land, dessen Bruttosozialprodukt unter dem Bangladeschs liegt, der immer noch mächtigsten Nation des Planeten mit einem nuklearen Erstschlag droht - und, wie Kim tönt, "Amerikas Imperialisten" ordentlich einheizen will. Schließlich verfügt dessen Regime nicht einmal über Langstreckenraketen, die amerikanisches Festland erreichen könnten.

Doch das braucht es vielleicht auch gar nicht: Kim ist allen eigenen Schwächen zum Trotz in der Lage, die außenpolitische Agenda von Obamas zweiter Amtszeit entscheidend zu beeinflussen.

Obama plant für Aufbauarbeit daheim

Deren wichtigstes Prinzip sollte nämlich der globale Rückzug sein, die Führung aus dem Hintergrund. Wichtiger als die Aufbauarbeit im Rest der Welt ist Obama die Aufbauarbeit daheim - durchaus verständlich nach mehr als einem Jahrzehnt Krieg in Afghanistan und Irak und mittlerweile über 16 Billionen Dollar Staatsschulden. Doch eine neue Krise in Nordkorea könnte diesen isolationistischen Ansatz unterminieren. Schließlich hätte diese auch Auswirkungen auf Amerikas Beurteilung der Lage in Iran und Syrien, den "anderen Brandherden für Obama" ("Wall Street Journal").

Dass es zu einer solchen Krise mit Ansteckungsgefahr kommt, ist keineswegs ausgeschlossen. Zwar hat Nordkorea seit Jahrzehnten auf laute Worte meist leises Einlenken folgen lassen. Doch ob der ungestüme Sohn Kim seine Grenzen so genau kennt wie sein Vater Kim Jong Il sie kannte, ist ungewiss - zumal ein offensichtlich erfolgreicher Atomtest vor wenigen Wochen ihn noch übermütiger werden lassen könnte. Zudem scheint die Neigung von Südkoreas Führung, auf Provokationen wie mutmaßliche Cyber-Attacken des Nordens gelassen zu reagieren, immer weniger ausgeprägt.

Vor allem aber offenbart der Fall Nordkorea, welches Drohpotential selbst ein isoliertes und bitterarmes Regime entwickeln kann, wenn es sich im Besitz von Atomwaffen befindet. Über die vergangenen Jahre haben die US-Präsidenten Bill Clinton, George W. Bush und Barack Obama nacheinander Briefe an Nordkoreas Diktator verfasst, mit der Bitte um Aufnahme formeller Verhandlungen. Eine brauchbare Antwort erhielten sie nie. So bleibt als Lehre: Iraks Saddam Hussein oder Libyens Muammar al-Gaddafi sind auch deshalb nicht mehr an der Macht, weil sie keine Atombomben besaßen. Die Kims, nuklear bewaffnet, bleiben uns erhalten.

Diese Botschaft dürfte den Machthabern in Teheran nicht entgehen, die mit aller Macht Atombomben anstreben - und nun als schnellsten Weg dahin den Kauf von nordkoreanischer Technologie erwägen könnten. Immerhin hat das Regime in Pjöngjang in der Vergangenheit jede neue Entwicklung bereitwillig verhökert.

Besorgte Blicke gen Iran und Syrien

Dies erhöht den Druck auf die Verhandlungen des Westens mit Teheran, die gerade wieder anlaufen. Obama schließt einen Militärschlag gegen Irans Nuklearanlagen nicht aus. Doch er lässt gleichzeitig keinen Zweifel daran, diese Option nicht ernsthaft zu wünschen.

Lässt sich derlei Ambivalenz aufrecht erhalten, sollte Iran Verhandlungen erneut abbrechen und mehr oder weniger diskret mit Nordkorea kooperieren? Und, ähnlich brisant, was könnte im dritten großen Konfliktherd geschehen, dem Bürgerkrieg in Syrien?

Bislang hat Obama jeden Ruf nach einem offenen amerikanischen Eingreifen dort weitgehend ignoriert, obwohl die strategischen US-Interessen in der Region bedeutender sind als etwa in Libyen. Aber wie lange kann sich der Demokrat solche Zurückhaltung noch leisten? Schließlich lagern auch in Syrien chemische und biologische Waffen, die in falsche Hände fallen könnten. Wie gefährlich dies werden könnte, rufen Kims Extravaganzen gerade der US-Öffentlichkeit wieder in Erinnerung.

Basketball-Trainer nehmen gerne eine Auszeit, wenn die Fouls gegen ihre Mannschaft zu böse werden. Leider hat Obama dafür keine Zeit. Geht das erste Jahr seiner zweiten Amtszeit für globales Krisenmanagement drauf, bleibt wenig Raum für seine eigentlichen Ziele.

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