Analyse Terroristen haben ihr Top-Ziel getroffen

Al-Qaida hat London angegriffen – so lautet die wahrscheinlichste Deutung der Explosionen, die Dutzende Menschen töteten und Hunderte verletzten. Der britische Premier Blair wies umgehend radikalen Islamisten die Schuld zu. London galt unter Experten schon lange als Top-Ziel.
Von Yassin Musharbash

Berlin - Heute ist der Katastrophenfall eingetreten, vor dem Terrorexperten seit Jahren warnen und auf den die britische Regierung und die Stadt London sich ebenso lange vorbereiteten - so gut es eben ging: Die britische Hauptstadt wurde von Terroristen angegriffen: Mehrere fast parallele Explosionen - drei im U-Bahn-System der Stadt und eine in einem Bus - lassen Erinnerungen an die Anschläge in Madrid vom vergangenen Frühjahr wach werden. Steckt auch dieses Mal das von Osama Bin Laden gegründete Terrornetzwerk al-Qaida dahinter, das auch schon für die Anschläge auf die USA vor fast vier Jahren verantwortlich war?

Tony Blair machte am Nachmittag radikale Muslime für die Anschläge verantwortlich: "Wir wissen, dass diese Menschen im Namen des Islam handeln, aber wir wissen auch, dass die große Mehrheit der Muslime hier und im Ausland anständige und gesetzestreue Menschen sind, die diese Art des Terrorismus genauso verabscheuen wie wir es tun."

Im Moment spricht vieles für Blairs Anschuldigung und fast nichts dagegen. Denn gerade Großbritannien ist, wie kein zweites Land nach den USA, in den vergangenen Jahren von al-Qaida und verbündeten Gruppen mit Warnungen überschüttet worden, das schlimme Anschläge bevorstünden. Die Regierung des Landes wird von militanten Islamisten mit fast genauso viel Hass betrachtet wir die der USA - denn britische Soldaten standen sowohl im Afghanistankrieg als auch im Irak-Feldzug fest an der Seite des großen Verbündeten.

Schon im Herbst 2003 erschien auf einer al-Qaida-Internetseite ein Strategiepapier von gut 50 Seiten Länge, in dem sich Terroristen Gedanken darüber machten, in welcher Reihenfolge und mit was für Methoden man die Irak-Allianz bekämpfen könne. Das Fazit der Autoren dieser extrem zynischen "Studie": Es gelte zunächst diejenigen US-Alliierten zu treffen, in deren Bevölkerung der Widerstand gegen den Krieg im Irak am größten ist. Erst wenn alle anderen Staaten durch Terror aus dem Irak vertrieben seien, bestehe eine realistische Chance, auch den Erzfeind USA ins Wanken zu bringen. Und erst vor wenigen Monaten drohte der im Irak aktive Qaida-Statthalter Abu Musab al-Sarkawi den Briten eine Anschlagswelle an.

Ist das Bekennerschreiben authentisch?

Im Kern werden in diesen beiden Papieren Anschläge gegen britische und spanische Soldaten im Irak gefordert - doch nahmen Qaida-Kämpfer sich die Ziel-Rangliste offenbar zu Herzen und griffen in den Ländern selbst an: Erst in Madrid am 11. März 2004, heute in London. In diesen Zusammenhang ist der heutige Angriff wohl zu stellen. Auch Terrorexperten und Sicherheitskreisen fehlt die Phantasie, sich einen anderen Täter als militante Islamisten vorzustellen. Anders als in Spanien, wo zunächst die Eta verdächtigt wurde, hat heute noch niemand einen anderen Namen als al-Qaida ins Spiel gebracht.

Genau in die oben skizzierte islamistische Argumentationslinie scheint auch ein erstes Bekennerschreiben zu passen, dass heute - nur zwei Stunden nach den Anschlägen - auf einer einschlägigen Internet-Forenseite gepostet wurde. Eine Gruppe namens "Geheimorganisation - al-Qaida in Europa" erklärte darin, die Tat sei eine Reaktion auf das britische Engagement in Afghanistan und im Irak. SPIEGEL ONLINE liegt das arabische Dokument vor.

"Freut Euch, Gemeinschaft der Muslime", heißt darin, "die heldenhaften Mudschahidin haben heute einen Angriff in London durchgeführt. Ganz Großbritannien sei jetzt erschüttert und schockiert, "im Norden, im Süden, im Westen und im Osten". "Wir haben die britische Regierung und das britische Volk immer und immer wieder gewarnt", schreiben die Verfasser. "Wir haben unser Versprechen gehalten und eine gesegnete militärische Operation durchgeführt." Und am Ende drohten sie: "Wir warnen auch weiterhin", namentlich genannt: "Die Regierungen Dänemarks und Italiens und alle weiteren Kreuzfahrer-Regierungen". Sämtliche Staaten werden aufgefordert, ihre Truppen aus Afghanistan und dem Irak abzuziehen - weswegen sich solcherlei Drohungen latent immer auch gegen die Bundesrepublik richten, die in Afghanistan mit Soldaten vertreten ist. Die saudische Qaida-Filiale hat die Stationierung 2004 als Begründung für die Ermordung eines Deutschen angeführt.

Die Authentizität des heute Mittag aufgetauchten Dokuments konnte bislang nicht bestätigt werden. Auf der Internetseite, auf der es veröffentlich wurde - das Forum "al-Qala'a" - waren allerdings schon in den vergangenen Monaten regelmäßig authentische Bekennerschreiben und Bulletins verschiedener Terrorgruppen, unter anderem der irakischen al-Qaida-Filiale aufgelaufen. Aber auch unauthentisches Material wird dort gelegentlich gepostet. Das heutige Posting ist unterzeichnet mit "Geheimorganisation - al-Qaida (wörtlich: "die Dschihad-Basis") in Europa".

Eine Großstadt ist nicht zu sichern

An dem Schreiben ist allerdings auch einiges auffällig. Schreiben die Autoren beispielsweise: "Freut Euch, Gemeinschaft der Muslime, freut Euch, Gemeinschaft der Araber" - Das ist deshalb erwähnenswert, weil al-Qaida zwar im Kern eine arabische Organisation ist, zugleich aber immer betont, dass es allein darauf ankomme, ob jemand ein nach ihren Vorstellungen gläubiger Muslim ist. Die Frage der ethnischen Zugehörigkeit spielt in der Regel keine Rolle. Ebenfalls überraschend: das frühe Erscheinen des Dokuments. Denn in aller Regel gilt: Je größer der Anschlag, desto später die Reaktion von al-Qaida. Zwei Stunden sind eine sehr kurze Frist. Aber das sind nur Erfahrungswerte, aus denen relativ wenig abgeleitet werden kann - zumal sie keine neuen Spuren auf eine andere Tätergruppe eröffnen.

Ähnlich wenig Aussagekraft hat der Umstand, dass der Begriff "Geheimorganisation" auf den ersten Blick nicht zu al-Qaida zu passen scheint; er hebt sich vom Sprachgebrauch ab, führt aber auf keine andere Spur. Schließlich: Schon rund eine Stunde nach Veröffentlichung wurde das Internetforum plötzlich durch ein Passwort geschützt. Schwer zu sagen, was das zu bedeuten hat - möglicherweise aber, dass jemand das Schreiben der Öffentlichkeit entziehen wollte. Um später ein anderes an seine Stelle zu setzen?

Durchaus möglich also, dass der von SPIEGEL ONLINE von Anfang an deutlich gemachte Authentizitäts-Vorbehalt sich bestätigt. Allerdings: Al-Qaida wird auch weiterhin als Tatverdächtige Nummer eins gelten müssen. Anders ausgedrückt: Das vorliegende Dokument würde realistischerweise nur durch eine nachweislich authentische Qaida-Erklärung seine Gültigkeit verlieren. Ähnliches hat sich in der Vergangenheit schon ereignet, namentlich wurden mindestens zweimal scheinbar authentische Erklärungen aus dem Umfeld al-Sarkawis von dessen "Pressesprecher" als Fakes zurückgewiesen. Es liegt in der Natur des Internets, dass gerade die Echtheit von Erklärungen nur schwerlich nachzuweisen ist; insbesondere wenn es sich, wie in diesem Fall, um geschriebenes und nicht gesprochenes Material handelt.

Dem Londoner Anschlag kommt eine mindestens so große Bedeutung wie dem von Madrid zu, auch wenn dort viel mehr Menschen zu Tode kamen. Er zeigt, dass alle nach dem 11. September 2001 ergriffenen Sicherheitsmaßnahmen - und Großbritannien hat diese Aufgabe sehr ernst genommen - nicht absolut zuverlässig sein können. Noch immer finden Terroristen Wege, in großen europäischen Ballungszentren zuzuschlagen. Nach dem Anschlag von Madrid lautete die Erkenntnis der Experten: Wer hier zuschlagen kann, kann es auch in London. Diese Sorge hat sich bestätigt. Der einzige Trost: Von New York über Madrid bis nach London ist wenigstens die Zahl der Opfer immer geringer geworden.

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