Analyse Wie die Islamisten Musharraf stärken

Die Kämpfe um die Rote Moschee in Islamabad haben Pakistans Präsidenten Pervez Musharraf nicht geschwächt - im Gegenteil. Selten stand das Land so einig hinter dem umstrittenen General und einem harten Vorgehen gegen die radikalen Islamisten.


Vor der Belagerung der Roten Moschee in Islamabad war die Strategie von Pakistans Präsident Pervez Musharraf, widerstrebende Kräfte im In- und Ausland zufriedenzustellen, ins Wanken geraten. Beobachter hatten einen wahrscheinlichen Umsturz vorausgesagt: Monatelang hatten Anwälte und Medien überall im Land protestiert, politische Rivalen drohten mit der Rückkehr aus dem Exil, der Westen erhöhte den Druck angesichts der wachsenden Gewalt in Pakistan.

Als die von den Taliban inspirierten Reden in der Roten Moschee in die Tat umgesetzt wurden, inklusive des Kidnappings von Polizisten und angeblichen Prostituierten von den Straßen der Hauptstadt, wirkte Musharraf wie gelähmt. Er schien entweder nicht fähig oder nicht willens zu sein, sich den Islamisten entgegenzustellen. Die Radikalen führten den Präsidenten und die Staatsmacht vor. Man hatte den Eindruck, Pakistan müsse nicht erst auf die Wahlen am Jahresende warten, um zu erleben, wie Musharrafs Drahtseilakt mit einem Absturz endet.

Pakistan versammelt sich hinter seinem Präsidenten

Jetzt, nach sechstägigen Zusammenstößen zwischen Aufständischen und Paramilitärs, sind die Demonstrationen zum Erliegen gekommen, der politische Streit ist verstummt. Über Nacht hat sich Musharraf von einem bedrängten zu einem kämpfenden Präsidenten verwandelt. "Musharraf hat in den vergangenen Monaten eine schwere politische Krise durchgemacht", sagt Zahid Hussain, Autor des Buchs "Frontline Pakistan". "Er war an allen Fronten in der Defensive, seine Beliebtheit war zurückgegangen. Es sah so aus, als würde er dieses Jahr nicht mehr im Amt überstehen."

Doch die radikalen Islamisten haben dem Präsidenten nun unfreiwillig geholfen: Sie haben zu den Waffen griffen und behauptet, Pakistans muslimische Bevölkerung zu vertreten - doch jetzt müssen sie feststellen, dass sie nur wenig konkrete Unterstützung finden. Musharraf dagegen erfuhr die Hilfe des gesamten politischen Spektrums. "Alle Parteien, das Volk und sogar die Mehrheit der Mullahs befürworten das Eingreifen des Militärs", sagt Hussain. Die Akzeptanz Musharrafs sei in diesen Tagen auf den höchsten Wert der vergangenen drei Jahre geklettert.

Bei einer Umfrage des Fernsehsenders "Pakistan Television" gaben 82 Prozent an, sie seien für ein militärisches Vorgehen gegen die Besetzer der Roten Moschee. Nur jeder Zehnte sei dagegen gewesen. Noch bezeichnender ist das Ausbleiben von Demonstrationen in einem Land, in dem schon Zehn- oder Hunderttausende für die Unabhängigkeit der Justiz und einen niedrigen Zuckerpreis auf die Straße gehen.

Proteste sind verstummt

Die gewaltsamen Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" zogen sich über Monate hin. Der Londoner Ritterschlag für den Autoren Salman Rushdie wurde von Bilderverbrennungen und johlenden Mengen in den Straßen begleitet. Doch die Aussicht auf Soldaten in einer Moschee lockte nicht mehr als einige Dutzend Demonstranten hervor. Als es darauf ankam, fiel die Unterstützung für extreme islamistische Positionen wesentlich schwächer aus als von vielen erwartet.

"Pakistan ist ein religiöses Land, der Islam ist unsere Identität und die Pakistaner leben aktiv ihre Religion", sagt Hussain. "Aber der militante Islamismus findet nur wenig Unterstützung." Die momentane Stabilität von Musharrafs Regierung wurzele auch in der Erkenntnis, dass das Land einen Kampf gegen die Gewalt führt. "Wir sind mitten in einem Krieg, der zu uns nach Hause gekommen ist", betont der Autor. "Pakistan ist seit Jahrzehnten eine Frontstaat, aber jetzt ist der Kampf in Islamabad angekommen." Damit habe das Land endlich einen Grund, sich mit Musharrafs Doppelrolle als Staats- und Armeechef abzufinden.

Radikale stärken Musharrafs Doppelrolle

Musharraf, der 1999 in einem unblutigen Staatsstreich an die Macht kam, hat seine Uniform nie abgelegt. Sein Argument: Das Land braucht einen starken militärischen Führer, um durch die derzeitige gefährliche Phase zu finden. Immer wieder kam es deshalb zum Streit zwischen Musharraf und der Opposition, die eine politische Zusammenarbeit von Musharrafs Rücktritt als Armeechef abhängig machte. Musharraf ging sogar auf den Deal ein - und machte dann einen Rückzieher, was nicht eben zur Vertrauensbildung beitrug.

Die Besetzung der Roten Moschee hat jedoch nicht dazu geführt, dass Musharraf für den Verlust von Recht und Ordnung verantwortlich gemacht wurde. Vielmehr scheinen sie seinen Standpunkt zu stärken, dass die junge Demokratie in Pakistan noch nicht bereit ist, auf die Unterstützung des Militärs zu verzichten.

"Die liberale Demokratie ist der einzige Weg in die Zukunft", sagt Autor Hussain. "Aber die derzeitige Situation zeigt den Menschen, dass sich die zivile Regierung und das Militär die Macht teilen müssen." Das Land befindet sich in einem "inneren Krieg". "Die Herrschaft des Militärs", prophezeit Hussain, "bleibt bestehen".



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