Analyse zum Nadschaf-Plan Sistanis Triumph

Sieg und Niederlage liegen nahe beieinander - manchmal sind sie deckungsgleich. Schiitenführer Muktada al-Sadr muss zwar die Imam-Ali-Moschee räumen, doch dadurch zieht er zugleich seinen Kopf aus der Schlinge. Der von Großajatollah Sistani an Autorität weit übertroffene Sadr wird die USA auch weiterhin piesacken.

Von Alexander Schwabe


Gegenspieler und Mitspieler: Muktada al-Sadr (l.) und Ajatollah Ali al-Sistani (r.)
AFP

Gegenspieler und Mitspieler: Muktada al-Sadr (l.) und Ajatollah Ali al-Sistani (r.)

Gegen den Mann liegt ein Haftbefehl vor. Schon vor Monaten war er von einem irakischen Richter ausgestellt worden. Er wird schwerer Verbrechen beschuldigt. Er soll mehrere hohe schiitische Geistliche aus dem Weg geräumt haben und für den Tod von nahezu hundert Pilgern verantwortlich sein. Und nun das: Muktada al-Sadr kommt erneut ungeschoren davon.

Bereits im April, als es in Nadschaf zu schweren Kämpfen kam, war es erklärtes Ziel der amerikanischen Besatzungsmacht im Irak, den Haftbefehl zu vollstrecken. Der einstige amerikanische Zivilverwalter im Irak, Paul Bremer, hatte Sadr bereits zum Geächteten erklärt.

Nun hatten sie ihn und seine rund 400 Kämpfer in der Altstadt von Nadschaf in die Enge getrieben. Nie waren sie seiner Kapitulation näher. Zwar wäre es nicht angeraten gewesen, die Imam-Ali-Moschee zu bombardieren, eines der wichtigsten Heiligtümer der Schiiten, in dem der Cousin und Schwiegersohn des Propheten Mohammed und Gründer der schiitischen Glaubensrichtung begraben sein soll. Doch den fülligen Prediger und seine Gefolgsleute auszuhungern und so zum Aufgeben zu zwingen hätte gelingen müssen.

Imam-Ali-Moschee: Kampf um ein Gotteshaus - Machtpolitik im Irak
AFP

Imam-Ali-Moschee: Kampf um ein Gotteshaus - Machtpolitik im Irak

Die Amerikaner aber ließen ihre Chance während der Abwesenheit von Großajatollah Ali al-Sistani verstreichen. Als dieser aus London zurückkam, wo er am Herzen behandelt wurde, war es zu spät. Der Geistliche rief die Schiiten auf, nach Nadschaf zu strömen und zog in einem riesigen Konvoi - wie er eigentlich nur in einem klamaukartigen Action-Streifen vorstellbar ist - selbst in die Stadt ein.

Sistani steht nun als Mann der Stunde da. Er hat demonstriert, dass er die derzeit einzige Machtinstanz im Süden des Irak ist - und sein Gegner Sadr hat ihn dank seiner Rebellion gegen die Besatzungsmacht inthronisiert. So spielt der greise Sistani seinem jungen Rivalen Sadr zu, indem er ihm einen Ausweg aus der verfahrenen Lage beschert, und dieser jenem, indem er ihm den Auftritt als Friedensapostel ermöglicht. Für die Übergangsregierung mit ihrer folgenlosen Politik der Ultimaten ist das eine Demütigung.

Die Schiiten scheinen ihre Probleme selbst zu lösen - Bagdad spielt in Nadschaf keine Rolle. Das Pokerspiel um die Macht am heiligen Schrein hat sie politisch gestärkt. Von einem Zentralirak reden nur noch Illusionisten; mehr als eine Föderation mit Sunniten und Kurden kann man sich an Euphrat und Tigris nach den Ereignissen der vergangenen Tage kaum mehr vorstellen.

Der 74-jährige Sistani erweist sich einmal mehr als geschickter Taktiker und Machtpolitiker. Bereits als die USA im vergangenen Jahr versuchten, eine Nachkriegsordnung zu schaffen, und Sistani dafür gewinnen wollten, ihren Plan von Regionalversammlungen zu unterstützen, die zu einer Verfassung gebenden Übergangsregierung führen sollten, weigerte er sich, US-Gesandte zu empfangen, und demonstrierte, dass weder Bagdad noch Washington im Süden etwas zu melden haben.

Nun diktierte Sistani den Besatzern und dem Ministerpräsident Ijad Alawi von ihren Gnaden nicht nur den - vorläufigen - Frieden von Nadschaf, sondern nebenbei gleich eine seiner alten Forderungen: Die irakische Übergangsregierung soll schnellstmöglich freie Wahlen abhalten. Diese kommen Sistani gelegener denn je: Seine Popularität ist auf dem Höhepunkt - und 60 Prozent der rund 23 Millionen Iraker gehören den Schiiten an.

Zugleich gibt es freilich keinen Grund, anzunehmen, Sadr würde künftig Ruhe geben. Die Liste der ihm zur Last gelegten Verbrechen ist lang. Viele Gläubige sind überzeugt, dass er nach dem Sturz Saddams systematisch hohe schiitische Geistliche aus dem Weg geräumt hat, um selbst Macht anzuhäufen, die ihm angesichts seiner geringen theologischen Kompetenz nicht zugetragen wird. Allein sein Name verschafft ihm Ansehen, denn sein vor fünf Jahren von Saddams Killern umgebrachte Vater Mohammed Sadek al-Sadr, ein alter Rivale Sistanis, war eine theologische Autorität.

So soll er hinter einem verheerenden Anschlag stecken, dem vor genau einem Jahr auf dem Vorplatz der Grabmoschee von Nadschaf nahezu hundert Menschen zum Opfer fielen, als sie nach dem Freitagsgebet aus dem Gotteshaus kamen. Das Attentat, ausgeführt durch eine Autobombe, galt Ajatollah Mohammed Bakir al-Hakim, dem Führer des "Obersten Rates der Islamischen Revolution im Irak", der dabei auch getötet wurde. Ebenfalls vor einem Jahr wurde der aus dem Londoner Exil zurückkehrende, Amerika-freundliche Schiitenführer Abd al-Madschid al-Chui nahe der Goldenen Moschee in einen Hinterhalt gelockt und erstochen - auch dafür sollen Sadr und seine Schergen verantwortlich sein.

Spätestens wenn Sistani das Zeitliche segnen wird, oder wenn Sadr ihm als Zündler gegen die USA wieder gelegen kommt, wird es zur alten Konfrontation kommen. Das Problem Sadr ist nur vertagt.



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