Analyse zum Nahost-Konflikt Israel in der Kidnapping-Falle
Berlin - Eine große militärische Leistung nannte die israelische Tageszeitung "Haaretz" die Entführung zweier israelischer Soldaten durch die Hisbollah. Richtiger wäre es, von einer taktischen Meisterleistung zu sprechen. Denn das Kidnapping war eine Falle. Und Israel ist hineingetappt.
Das Strategem der Hisbollah sah so aus: Entweder die Israelis verhandeln mit uns über einen Austausch von Gefangenen, wie schon so oft in der Vergangenheit. Dann müssten sie sich allerdings die unangenehme Frage gefallen lassen, warum sie mit uns dealen, nicht aber mit der Hamas im Gaza-Streifen, die ebenfalls einen israelischen Soldaten festhält. Oder: Israel lehnt Verhandlungen ab und schlägt mit Gewalt zurück. Damit aber stärkt Israel uns. Schließlich werden die Libanesen nicht gegen uns aufstehen, wenn Israel unser Land angreift. Das Komplott der Katjuscha-Guerilla konnte eigentlich nur aufgehen: Israel hatte die Wahl zwischen Pest und Cholera.
Mit diesen beiden unschönen Optionen konfrontiert, entschieden Israels Premier Ehud Olmert und seine Generale sich dafür, lieber ihre Glaubwürdigkeit als ihre Friedfertigkeit zu wahren. Das ist einerseits verständlich, vielleicht sogar notwendig. Im übermilitarisierten Umfeld des Nahen Ostens gilt Verzicht auf Vergeltung als Schwäche. Die Hisbollah muss bestraft werden.
Andererseits aber hat es den Anschein, als habe Israel sich durch die frühzeitige Erklärung dieser harten Linie Manövrierspielraum genommen. Und zwar vor allem, weil Israels politische Spitze nicht etwa nur die Hisbollah zum Feind erklärte, sondern sogleich verkündete, die gesamte libanesische Regierung sei voll verantwortlich für die Rückgabe der beiden Soldaten. Der Regierung gehören zwar in der Tat - mehr oder weniger nominell übrigens - zwei Minister der Hisbollah an. Aber das Kabinett hat mit der Verschleppung nun wahrlich nichts zu tun. Israels entsprechende Unterstellung verwandelte jedoch den asymmetrischen Krieg zwischen der militanten Gruppe Hisbollah und dem Staat Israel, in dem man ganz verschiedene, flexible Taktiken anwenden kann, de facto in einen förmlichen Krieg zwischen zwei Staaten - mit weit reichenden Folgen.
Solidarität für Hisbollah
Denn einmal auf diese Linie festgelegt, fiel die Antwort der israelischen Armee entsprechend aus: Der Flughafen von Beirut wurde funktionsunfähig gebombt, die , Brücken zerstört. Die Wirtschaft im Libanon liegt damit schon jetzt am Boden. Außerdem mussten bereits fünf Dutzend Zivilisten sterben. Die libanesische Bevölkerung betrachtet das als Beweis für die stets unterstellte israelische Standardtaktik der "Kollektivbestrafung". Der Hisbollah schadet es nicht. Im Gegenteil. In dieser Hinsicht ticken die Libanesen nicht anders als die Palästinenser, die der Hamas auch nicht die Treue kündigen, weil deren Aktivitäten ihnen harte Gegenschläge einbringen.
Wie also kann Israels Kampagne angesichts dieser Mechanismen Erfolg haben? Wie soll sie weitergehen? Wann für beendet erklärt werden? Es ist schließlich keine Option, die frei gewählte Regierung des souveränen Staates Libanon auszuschalten. Beirut ist nicht Gaza, Präsident Lahoud und Premier Siniora sind nicht Abbas und Haniya. Es wird schlicht nicht gelingen, die libanesische Regierung und deren im Süden ohnehin machtlose Armee zum Jagen der Hisbollah zu zwingen. Vertreiben lassen wird sie sich auch nicht. Israel wird das entweder eines Tages zugeben müssen - oder sich wieder langfristig im Libanon einnisten, was wirklich niemand will. Beides keine guten Strategien.
Der Chor der Israel-Kritiker wird anschwellen
Natürlich kann Israel den Katjuscha-Regen auf seine Städte im Norden oder Geiselnahmen von Soldaten auf israelischem Gebiet nicht hinnehmen. Es ist gerechtfertigt und geboten, gegen die Hisbollah vorzugehen. Kein Staat der Welt hätte es kritisiert, wenn Israels Armee - auch massiv - gegen sie zu Felde gezogen wäre. Aber der Versuch Israels, seine Entschlossenheit durch eine möglichst große Zielscheibe auszudrücken, bringt das Land in ein Dilemma. Wie ist es um die Verhältnismäßigkeit bestellt, fragen bereits die Regierungen Frankreichs und Russlands. Der Chor wird anschwellen, wenn Israels Luftwaffe weiter Angriffe fliegt, wie heute in Aussicht gestellt. Zumal die Zurschaustellung der harten Linie ja auch erfordert, parallel im Gaza-Streifen ebenfalls nicht nachzulassen. Auch dort sterben deshalb täglich Menschen, die meisten Zivilisten.
Während Israel sich so also selbst zwingt, härter zuzuschlagen, als ihm eigentlich Recht ist, sitzt Hisbollah-Chef Nasrallah lächelnd in seiner täglichen Pressekonferenz. Er hat nicht nur zwei israelische Soldaten als Faustpfand, sondern auch die Aufmerksamkeit der Welt und die Solidarität vieler Libanesen und Palästinenser gewonnen. Israel, das in diesem Fall die bessere Ausgangssituation hatte, hat sie verloren und muss jetzt einen Krieg führen, anstatt sich überraschende Schläge zu überlegen oder sich die Freiheit zu lassen, parallel zu verhandeln. Schon wirkt angesichts der Kriegsmaschinerie der Katjuscha-Regen der Hisbollah für manche wie eine gerechtfertigte Antwort auf das Bombardement. Von der eigentlich ausstehenden Entwaffnung der Schiiten-Miliz wird nun auf absehbare Zeit niemand mehr reden im Libanon - zeigt sich etwa nicht gerade, wie nötig die Waffen sind?
Nur internationale Vermittlung kann an dieser destruktiven, gefährlichen Konstellation jetzt noch etwas ändern. Am besten auf zwei Ebenen: Zum einen müssen die Kampfhandlungen schnellstmöglich gestoppt werden, zum anderen muss im Hintergrund, im Verborgenen, auch über Deals und Gefangenenaustausche gesprochen werden.
Gelingt es nicht bald, diesen faktischen israelisch-libanesischen Krieg einzudämmen, den die Hamas mit perfider Logik und Konsequenz herbeigeführt hat, wird es keinen Gewinner außer der Hisbollah geben.