Analyse zum Tschetschenien-Konflikt "Schwache haut man"

Die Toten von Beslan sind Opfer blindwütigen Terrors - aber auch Opfer einer untauglichen Politik der russischen Regierung, den Tschetschenien-Konflikt einzudämmen. Seit jeher sichert der Kreml seine Macht im Kaukasus, indem er die dort beheimateten Völker aufeinander hetzt. Die Strategie bringt Präsident Putin nun in Bedrängnis.
Von Jörg R. Mettke

Nach der Tragödie von Beslan scheinen alle Superlative verbraucht. Die Bilder der ermordeten Kinder, ihrer verzweifelten Mütter, der ausgebrannten Turnhalle, der waffenbepackten Erwachsenen und der halbnackten verstörten Erstklässler sind zur materiellen Gewalt geworden. Politik scheint geschrumpft auf die hilflose Rhetorik ihrer Darsteller - ohne Spielräume, ohne Wirkung, ohne Überzeugungskraft.

Noch eine Woche lang werden die Menschen von Beslan ihre Toten begraben. Viele der rund 35.000 Einwohner des Ortes sind Flüchtlinge, vertrieben im Herbst 1992, kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, aus dem benachbarten, gerade selbständig gewordenen Inguschetien. Sie sind Fremde im nicht ganz eigenen Land, im nordossetischen Bezirk Prigorodnij, der einmal historisches Inguschen-Land war und aus dem kurz zuvor Staatsterror und Gewalt fast alle inguschetischen Bewohner verjagt hatte.

Inguschen und Tschetschenen, die wajnachischen Brüder-Völker, waren im Februar 1944 auf Befehl Stalins unter barbarischen Bedingungen nach Kasachstan deportiert worden. Zahlreiche Menschen starben damals. Die damals aufgelöste tschetscheno-inguschische Republik erhielt erst 1956 ihre Autonomie zurück, aber niemals mehr das bereits vor der ersten Gründung in den dreißiger Jahren kassierte traditionelle Siedlungsgebiet Prigorodnij, zu deutsch "vor der Stadt". Denn die Stadt ist eine russische, den verlässlichen christlichen Osseten quasi als Lehen anvertraut, und sie heißt Wladikawkas ("Beherrsche den Kaukasus").

Die Verdrängung dieses Hintergrundes und die Betäubung durch die Bilder von Beslan werden nachlassen. Und es wird erneut politischer Narkotika bedürfen, um die schlichte historische Wahrheit zu übertünchen, dass die russische Herrschaft im Kaukasus seit dem 18. Jahrhundert vor allem darin bestand, die dort beheimateten Völkerschaften raffiniert und rücksichtslos gegeneinander aufzuhetzen und auszuspielen.

Untaugliche Gegend für Unterwerfungsutopien

Von den Unterwerfungsfeldzügen des zaristischen Generals Jermolow über den Terror der Stalinzeit und die glücklose erste Tschetschenien-Kampagne des großmäuligen Moskauer Verteidigungsministers Gratschow bis zum militärisch-geheimdienstlichen Befriedungsversuch des gegenwärtigen Präsidenten Wladimir Putin erstrecken sich die über zweieinhalb Jahrhunderte an Stellvertreter-Kriegen und Täuschungsmanövern überreichen Bestrebungen Russlands, diese unwegsame Gebirgsregion in eine Bastion des Reiches zu verwandeln - willenlos, gehorsam, auf Knopfdruck regierbar. Eine untauglichere Gegend, um diese Utopie von Generationen Moskauer Wagenburg-Strategen zu verwirklichen, ist in der Welt schwer zu finden.

Endloses Unvermögen, die soziale Frage im Kaukasus zu lösen, jahrzehntelange Missachtung von Menschenrechten ethnischer Minderheiten - diese für Russland ruhmlose Vorgeschichte entschuldigt das Massaker von Beslan nicht, aber allein ihre selbstkritische Reflexion kann russischer Politik ihre gegenwärtige Leichenstarre überwinden helfen.

Doch daran auch nur zu erinnern, wird nach dem Terroranschlag von Beslan und der dilettantischen, für über 300 Geiseln tödlichen Befreiungsaktion noch schwieriger werden als bisher. Bereits die zaghafte Bitte der Westeuropäer, das Geschehen aufzuklären, vorgetragen vom holländischen Außenminister, Bernhard Bot, brachte Moskaus selbstgerechte politische Klasse zum Schäumen.

Putin meidet selbst homöopathische Dosen von Selbstkritik

Weit bedeutsamer jedoch ist, dass sich nach wie vor kein selbstkritischer Ansatz in das öffentlich artikulierte Denken des russischen Präsidenten verirrt, nicht einmal in homöopathischen Dosen. So etwas sei dem empörten Volk gegenwärtig nicht zuzumuten, sagen Kreml-Beamte. Das klingt plausibel, doch die Erklärung greift zu kurz: Gerade das Blutbad von Beslan hat bei vielen Russen die Nachdenklichkeit wachsen lassen, ob die seit fünf Jahren von Putin propagierte Augen-zu-und-durch-Taktik wohl eine Kaukasus-Politik mit Zukunft sein kann. Sie fragen sich, ob die Strategie wirklich ihrer persönlichen und kollektiven Sicherheit zuträglich ist.

Allein die Vehemenz, mit der das staatliche Fernsehen dieser Tage als Verstärker fungiert für die vom Präsidenten vorgenommene Zustandsbeschreibung eines "totalen, grausamen und allumfassenden Krieges", verrät aufmerksamen Russland-Beobachtern, dass flächendeckende Zustimmung zur allgemeinen Mobilmachung erst noch erzeugt werden muss. Und dass die dem Volk von oben eingeräumte Wahl, den Terroristen "entweder eine Abfuhr zu erteilen oder deren Ansprüchen zuzustimmen" (Putin) nicht wenigen als gar zu grobe Vereinfachung erscheint.

Nur noch wenige Zeitungen und Rundfunkstationen bemühen sich um ein differenziertes Bild: Sie melden das Verwirrspiel mit anfangs viel zu niedrigen Geisel-Zahlen, berichten über Ungereimtheiten beim Angriff der Ordnungskräfte, rekonstruieren öffentlich geleugnete Terroristen-Forderungen, zitieren den Ex-Präsidenten Inguschetiens, der den Beginn des Sturmangriffs wilden Schießereien ossetischer Freischärler anlastete.

"Es kam eben doch so wie immer"

Doch diese Stimmen werden seltener und leiser. "Es war das vollkommene Chaos", sagt ein russischer Kollege, der bald nach den ersten Sonderpolizisten in die Schule von Beslan vordringen konnte: "Da gab es Momente, wo jeder auf alles geschossen hat, was sich bewegte." Dennoch glaubt er nicht, dass ein Sturm nach dem Vorbild der opferreichen Befreiung der Moskauer Musical-Besucher vor zwei Jahren geplant gewesen sei. Vielmehr habe man es nach einem geflügelten Wort des russischen Ex-Premiers Tschernomyrdin "besser machen wollen, aber dann kam es eben doch so wie immer". Auch im 13. Jahr des neuen Russland gibt es noch keine bessere Beschreibung seiner allgemeinen Befindlichkeit.

Die Spirale der Gewalt in Russland hat durch das Mordkommando von Beslan einen mächtigen Schub erhalten. Doch der Staat und sein Führungspersonal versagen gleichermaßen vor der gewiss schwierigen Aufgabe der Deeskalation. Mit dem geostrategischen Pseudo-Axiom Putins, es habe "eine direkte Intervention des internationalen Terrors gegen Russland" stattgefunden, macht sich der Staatschef zwar das von US-Präsident Bush nach den Attentaten von 11. September 2001 für Amerika ausgegebene Feindbild zu Eigen. Doch für Russland taugt es noch weniger als für seinen ehemaligen Weltfeind Nummer eins.

Selbst wenn in den nächsten Tagen zweifelsfrei nachgewiesen werden sollte, dass Araber an dem Überfall beteiligt waren, so verringerte das doch nicht die zentrale Bedeutung des Tschetschenien-Konflikts für vergleichbare Anschläge. Wie einst Spanien im Bürgerkrieg gegen Diktator Franco für demokratische und sozialistische Freiwillige zum moralisch gerechtfertigten Einsatzort wurde, so spielt Tschetschenien diese Rolle bereits seit Jahren für islamische Militante.

Ihnen den Weltkrieg anzusagen, ohne wie Putin den seit Jahren verschleppten und torpedierten Aufbau Tschetschenien auch nur anzumahnen, ist für den Moskauer Staat mit 27 Millionen Muslimen, fast ein Fünftel der Bevölkerung, ein mehr als riskantes Unternehmen.

"Schwache haut man"

"Wir haben Schwäche gezeigt", lautet das Fazit des russischen Präsidenten: "Und Schwache haut man." Aus genau diesem Grunde hat der kleinwüchsige Leningrader Junge Wolodja Putin einst Judo gelernt: um erfolgreicher zurückschlagen zu können. Und auch die Stärke, deren Wiedergewinnung er seinem Lande nun verordnet, verspricht mit hoher Wahrscheinlichkeit eine zu sein, wie er sie in seinen Lehrjahren beim KGB der damals noch mächtigen Sowjetunion kennen und schätzen gelernt hat.

Die von ihm angemahnte wachsame Zivilgesellschaft hatte sich schon heute vor den Kreml-Mauern versammelt: zehntausende Moskauer unter Transparenten, die schärferes Durchgreifen, drakonische Strafen sowie mehr Geld und größere Kompetenzen für die Sicherheitsorgane forderten. Und ihr Bürgermeister Jurij Luschkow, der wie immer den Weg wies: "Der Terrorist wohnt nebenan. Wir müssen ihn nur aussondern."

Vor kurzem wohnte dort noch der Klassenfeind.

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