Anarchie in Bagdad Plünderer ziehen durch die Straßen

Sie schleppen Kühlschränke, Vasen, Computer, Schreibmaschinen und Büromöbel. Jubelnde Iraker plünderten Regierungsgebäude in mehreren Stadtteilen Bagdads. Polizeikräfte sind nirgends auszumachen - ein weiteres Indiz für die Auflösung des Regimes von Saddam Hussein.


Bagdad: Auch Frauen und Kinder beteiligen sich an den Plünderungen
AP

Bagdad: Auch Frauen und Kinder beteiligen sich an den Plünderungen

Bagdad - Jubelnde und feiernde Menschen plünderten unter anderem das Hauptquartier der Vereinten Nationen und Geschäfte in der Nähe des Gebäudes des Olympischen Komitees, berichteten Reuters-Korrespondenten. Das ausgebombte Komitee-Gebäude gilt als die Basis von Udai Saddam, dem Sohn des irakischen Präsidenten, der eine wichtige Rolle im irakischen Machtgefüge einnimmt. Kanadische Journalisten beobachteten Plünderungen am Westrand Bagdads: Menschen schleppten Büromöbel, Kühlschränke, Schreibmaschinen und andere Gegenstände aus leer stehenden öffentlichen Gebäuden.

Die Kanadier waren von Amman nach Bagdad gereist und hatten die Nacht zum Mittwoch bei einer US-Einheit außerhalb von Bagdad verbracht. "Die Hauptzufahrtsstraßen nach Bagdad waren blockiert, deshalb mussten wir Nebenstraßen benutzen", berichtete der Fernsehreporter Bill Gillespie. Auf ihrem Weg, der an dem von den Amerikanern besetzten internationalen Flughafen vorbeiführte, habe die Gruppe verlassene Militäranlagen und Lagerhäuser gesehen. "Die Leute trugen alle möglichen Gegenstände heraus, die in der Nähe stationierten US-Truppen unternahmen nichts, um sie daran zu hindern", sagte Gillespie. Der US-Nachrichtenkanal CNN berichtete, ein Depot mit Regierungsfahrzeugen sei geleert worden. Verbreitete Plünderungen gebe es im Armenviertel Saddam-City im Nordosten der Fünf- Millionen-Stadt.

Öffentliche Ordnung scheint es in Bagdad nicht mehr zu geben: Augenzeugen berichteten, dass es keine Zeichen von einer Präsenz von Regierungsvertretern, von Polizei oder Uniformierten mehr auf den Straßen gebe. Verschiedene Fernsehsender zeigten Bilder von einem alten Mann in Bagdad, der mit seinem Schuh auf ein Saddam-Bild einschlug und dabei rief: "Du Verbrecher".

Irakische Zivilisten plündern ein Regierungsgebäude in einem südöstlichen Vorort Bagdads. Plünderungen im Schatten von Panzern: Ein irakischer Junge bedient sich in einem Lagerhaus der Regierung in Bagdad Fette Beute: Eine irakische Frau und ihr Sohn räumen ein Regierungsgebäude aus
Monitore sind auch im Irak begehrt: Ein Mann und sein Sohn bei Plünderungen von Regierungseinrichtungen in Südost-Bagdad Das Volk nimmt sich, was des Volkes ist: US-Truppen sehen zu, wie Iraker ein Gebäude von Saddam Husseins Regierung plündern Saddam Hussein ist Vergangenheit: Iraker reißen ein Bild des Dikators nieder
Plündern ist harte Arbeit: Während seine Landsleute auf ein Saddam-Bild einschlagen, macht sich ein Iraker mit einem Kühlschrank davon Freudentag für die Schiiten im Nordosten Bagdads: Als US-Truppen ohne Widerstand in den Vorort einmarschierten, brachen Plünderungen aus Das Haus eines Vertreters der irakischen Baath-Partei im Norden Bagdads wird von Irakern ausgeräumt


Klicken Sie auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen!

Im Hotel "Palestine", in dem fast alle ausländischen Journalisten untergebracht sind, waren die irakischen Beamten verschwunden, die sonst zur Kontrolle der Presse eingesetzt waren. Auch war der irakische Informationsminister Mohammed Saïd al-Sahhaf, der sich sonst täglich mit der Presse traf, tauchte nicht mehr auf. Das irakische Fernsehen sendet seit Dienstag nicht mehr.

Die ausländischen Journalisten in Bagdad können erstmals ohne jegliche Überwachung durch die irakischen Behörden berichten. BBC-Korrespondent Ragee Omar sagte, das Kontrollsystem sei "völlig zusammengebrochen". BBC-Berichte brauchten deshalb künftig nicht mehr mit einem entsprechenden Zensur-Vorspann versehen werden. Die Kontrolle, so Omar, sei allerdings auch bisher nicht sehr scharf gewesen.

Plünderungen waren zuvor auch aus Basra gemeldet worden. "Wir arbeiten hart daran, die öffentliche Ordung wiederherzustellen", sagte der britische Militärsprecher Al Lockwood gegenüber CNN.

US-Militär mit Jubel empfangen

Einwohner rollen erbeutete Ware nach Hause
AP

Einwohner rollen erbeutete Ware nach Hause

Die amerikanischen Streitkräfte stießen unterdessen auf ihrem Weg ins Zentrum von Bagdad in weitere Stadtteile vor. Viele Iraker jubelten ihnen dabei zu, berichtete Reuters. Gruppen von Männern, einige in Fußballtrikots von westlichen Vereinen wie Manchester United, hätten den Truppen Blumen zugeworfen. "Wir lieben euch, wir lieben euch!", skandierte eine Gruppe, und "Nie wieder Saddam Hussein!" Die Marineinfanteristen waren von Osten in die Stadt eingerückt und passierten bei ihrem Vormarsch das Märtyrer-Denkmal, etwa drei Kilometer von der strategisch wichtigen Dschumhurija-Brücke über den Tigris im Herzen Bagdads.

Der arabische TV-Sender al-Arabia berichtete von Kämpfen im Viertel Karch am westlichen Tigrisufer. Der Sender al-Dschasira meldete, US-Soldaten seien auch bereits im Stadtteil Saddam-City, der vor allem von Schiiten bewohnt wird. Die britische BBC sagte, die US-Truppen kämpften mittlerweile an drei Fronten. Laut CNN arbeiten sich auch aus südöstlicher Richtung Einheiten ins Stadtzentrum vor. Am Vortag hatten sie den Raschid-Militärflughafen eingenommen. Dort hatten sie große Mengen von Kriegsmaterial erbeutet.

Weitere Ereignisse:

  • Im Nordirak kamen die alliierten Verbände nur langsam voran. Rund um die Stadt Kirkuk wurden schwere Bombardements gemeldet. Ein irakischer Soldat sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die irakischen Truppen seien "psychologisch ruiniert". Zahlreiche Offiziere hätten ihre Waffen und Rangabzeichen weggeworfen.
  • Die Lage in den Krankenhäusern Bagdads hat sich weiter zugespitzt. "Mehrere Kliniken haben kaum noch Wasser und keinen Strom", sagte ein Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO mangelt es in den Kliniken an medizinischen Gütern zur Behandlung von Brand- und Splitterwunden sowie Wirbelsäulenverletzungen. Zudem mangele es an sauberem Wasser. Mit steigenden Temperaturen steige auch die Gefahr von Cholera-Erkrankungen bei Kindern.

© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.