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Anbar vor dem Fall IS trotzt irakischen Truppen und US-Luftangriffen

Die Kämpfer der Terrormiliz "Islamischer Staat" setzen ihren Eroberungszug fort. Die Provinz Anbar im Westen von Bagdad droht zu fallen. Auch für die kurdische Stadt Kobane in Syrien sehen Militärbeobachter kaum noch Hoffnung.

Im Westen des Irak setzt die Dschihadistengruppe "Islamischer Staat" (IS) die Regierungstruppen immer stärker unter Druck. Von den Luftangriffen der US-geführten Allianz lassen sich die Kämpfer dabei kaum beeindrucken. Die wichtigste Frontlinie verläuft zurzeit durch die strategisch bedeutsame Provinz Anbar, die westlich der Hauptstadt Bagdad liegt. Noch können die irakischen Regierungstruppen den Staudamm in Haditha und die Stadt Ramadi halten, zurückdrängen können sie die IS-Kämpfer jedoch nicht.

Die irakische Regierung hat deshalb ein dringendes Hilfeersuchen an die Alliierten gerichtet, wie der britische Nachrichtensender BBC berichtet . Bagdad befürchte, dass die Provinz schon bald nicht mehr zu halten sein werde. Das Risiko sehen auch Militärexperten in den USA. Die Lage in der Provinz Anbar sei "fragil", sagte ein ranghoher Vertreter des US-Verteidigungsministeriums am Freitag in Washington.

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IS-Vormarsch: Irakische Armee kämpft verzweifelt um Anbar

Foto: Uncredited/ AP/dpa

Die Schuld dafür sehen sie allerdings eher bei den irakischen Streitkräften: "Sie starten einen Einsatz, und nach einem Kilometer stoppen sie wieder", sagte er. "Das ist keine gute Situation." Die Lage im Norden des Landes, wo kurdische Peschmerga gegen die sunnitischen Extremisten kämpfen, sei anders, sagten die Pentagon-Vertreter. "Die Kurden kommen voran, sie erobern Städte und Gebiete zurück, und wir können uns mit ihnen abstimmen", sagte einer der Offiziellen. Die kurdischen Kämpfer seien wesentlich besser als die irakischen Regierungstruppen, es gebe "keinen Vergleich" zwischen diesen.

Kurden wehren Angriff auf Zentrum von Kobane ab

Die internationale Militärallianz unter Führung der USA fliegt seit Wochen Luftangriffe auf Stellungen des IS im Irak und in Syrien. Im Irak haben sie den Vormarsch der Gruppe damit zumindest bremsen können. In Syrien gelang es den Dschihadisten jedoch, weite Teile von Kobane an der Grenze zur Türkei einzunehmen. Am Samstag gelang es den kurdischen Milizen zunächst, einen Vorstoß der Dschihadistengruppe auf das Zentrum der nordsyrischen Stadt zu stoppen. 90 Minuten sei heftig gekämpft worden, dann hätten sich die IS-Kämpfer zurückgezogen, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Die Allianz habe am frühen Morgen überdies zwei IS-Stellungen südlich und östlich von Kobane aus der Luft angegriffen.

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Kobane unter IS-Beschuss: Der verzweifelte Kampf

Foto: ARIS MESSINIS/ AFP

Am Freitag hatte die IS die Kommandozentrale der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) erobert und kontrolliert der Beobachtungsstelle zufolge inzwischen rund 40 Prozent der Stadt. Der Uno-Sondergesandte für Syrien, Staffan de Mistura, warnte deswegen am Freitag vor einem "Massaker" an den eingekesselten Zivilisten.

Die Syrische Beobachtungsstelle stützt sich auf ein dichtes Netz an Informanten in Syrien. Ihr Direktor, Rami Abd al-Rahman, sagte am Samstag, kleine Gruppen kurdischer Kämpfer versuchten, den Belagerungsring der IS-Milizen zu durchbrechen und den Extremisten so in den Rücken zu fallen.

Kritik an irakischen Streitkräften

Derweil sagte die Türkei nach US-Angaben ein stärkeres Engagement im Kampf gegen den IS zu. Ankara habe sich bereiterklärt, moderate syrische Rebellen auszubilden und auszurüsten, sagte US-Außenamtssprecherin Marie Harf nach Beratungen des pensionierten US-Generals John Allen und des Irak-Beauftragten Brett McGurk mit Vertretern der türkischen Regierung. Eine US-Militärdelegation begibt sich demnach in der kommenden Woche nach Ankara, um Gespräche mit der türkischen Armee zu führen.

Nach Einschätzung des US-Experten Jackson Janes haben die USA die syrische Grenzstadt Kobane im Kampf gegen die Dschihadistengruppe "Islamischer Staat" (IS) jedoch längst aufgegeben. "Kobane wird ein Opfer sein", sagte Janes von der Johns Hopkins University am Samstag dem Sender Deutschlandradio Kultur. In den USA herrsche nach dem Irak-Krieg die Haltung, keine Truppen zu entsenden, solange die unmittelbaren Nachbarn in der Region nicht aktiv werden. Und die Türkei, an deren Grenze Kobane liegt, sei dazu noch nicht bereit.

Bei den moderaten Rebellen in Syrien wächst offenbar der Unmut über die Luftangriffe der Amerikaner. Wie die "Washington Post" berichtet, sind viele der Kämpfer der Ansicht, dass die Bombardements hauptsächlich dem Regime des syrischen Machthabers Baschar al-Assad genutzt hätten. Mittlerweile würden auch jene, die einst Luftangriffe der Vereinigten Staaten gefordert hatten, amerikanische Fahnen verbrennen, um ihren Protest auszudrücken.

mik/AFP/dpa