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Skurrile Propaganda-Aktionen: Plötzlich Organhändlerin

Russland vs. Ukraine Der Propagandakrieg

Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine tobt auch im Netz, beide Seiten arbeiten mit Verleumdungen und Falschmeldungen. Ein Putin-Propagandist hat nun eine Mathematikerin aus der deutschen Provinz ins Visier genommen.

Die Kommentare über Olga Wieber sind heftig, weit unter der Gürtellinie, sehr weit. In der Hölle möge sie verbrennen, schreiben die einen. An einen Panzer gebunden und zerrissen werden, schreibt ein anderer. Sie, das "stinkende Biest", die "faschistische Schlampe". Erst Hunderte, dann Tausende russischsprachige Internetnutzer beschimpfen die 45-Jährige in den sozialen Netzwerken. Olga Wieber sitzt derweil mit ihrem Mann und ihrem Sohn im badischen Waldkirch - und weiß nicht, wie ihr geschieht. Plötzlich steckt sie mittendrin im Ukraine-Konflikt, der weit entfernt tobt.

An diesem Abend, es ist der Freitag vergangener Woche, hat eine prorussische Untergrundorganisation namens "Cyberberkut" im Internet Screenshots eines Facebook-Gespräches veröffentlicht. Darin unterhält sich die angebliche deutsche Ärztin Olga Wieber mit dem Timoschenko-Vertrauten Serhij Wlassenko und dem Kommandeur eines ukrainischen Freiwilligenbataillons. Es geht um die Lieferung von Herzen, Nieren und Lebern. Entnommen werden sollten sie gefallenen oder schwer verletzten ukrainischen Soldaten. Daneben steht der Link zu Wiebers Facebook-Account.

Der Haken: Die Geschichte ist frei erfunden.

Am Samstag entdeckt Wieber, Ukrainerin mit deutschem Pass und seit 2002 in Deutschland zu Hause, was im Internet gerade passiert. Sie versucht, den Anfeindungen mit nüchternen Erklärungen zu begegnen: Sie stellt klar, dass sie Mathematikerin und keine Ärztin ist. Dass sie Wlassenko überhaupt nicht kennt. Aber da ist es zu spät: Die meisten der inzwischen über 2000 Kommentatoren wüten weiter gegen Wieber.

Sie ist ein Opfer des "globalen Informationskriegs". Den hatte Dmitrij Kisseljow im Mai ausgerufen. Er ist Chef der staatlichen Nachrichtenagentur "Rossiya Segodnya" (ehemals RIA Novosti) und Putin-Propagandist. Es ist auch Kisseljow, der die Lügengeschichte am Sonntagabend endgültig valide macht - zumindest für seine Zuschauer.

Millionen Russen sehen seine Sendung im russischen Staatsfernsehen. Dort gibt der 60-jährige Kisseljow den Investigativjournalisten, seriös im Anzug und mit lila Schlips. Hinter ihm ein Großbildschirm, der eine halb zugedeckte Leiche zeigt. Dazu die Überschrift: "Die Organe müssen frisch sein".

Beide Seiten arbeiten mit unsauberen Methoden

Als "Sensation des Tages" verkauft Kisseljow die Räuberpistole. Letzte Zweifel wischt er mit dem Verweis auf den illegalen Organhandel im Kosovokrieg weg und kommt zu dem Schluss: "Die Geschichte sieht plausibel aus." Zudem: Bislang sei "aus Deutschland" noch kein Dementi gekommen.

Die Story ist ein besonders absurder Fall in dem Propagandakrieg, der seit Monaten um die Ukraine tobt. Eine wichtige Rolle spielen dabei die russischen Staatsmedien: Sie verbreiten Informationen über den Einsatz von Brandbomben und Gräueltaten ukrainischer Soldaten. Als einzige Belege führen sie Aussagen der Separatisten oder im Internet kursierende "Augenzeugenberichte" an.

Doch auch die Ukrainer arbeiten mit unsauberen Methoden. So machte vor einigen Wochen eine Meldung die Runde, die prorussischen Separatisten hätten Hunderte Gefallene in einen See bei Slowjansk geworfen. Zuerst tauchte das Gerücht auf einer für Fehlinformationen bekannten ukrainischen Seite auf. Dann wurde es von einem ukrainischen General und einem Armeepressesprecher verbreitet.

Schnell wurde Wieber klar, warum gerade sie für die Schauergeschichte ausgewählt wurde: Auf ihrem Facebookprofil hat sie ihr Gesicht gelb-blau in den Farben der Ukraine eingefärbt, weil sie stolz ist auf ihre Heimat und den Maidan unterstützt hat. Und es finden sich Bilder, die sie im grünen Arztkittel im Operationssaal zeigen.

Dickes Fell, starke Nerven

Das hat offenbar gereicht, um Opfer der Hetzkampagne zu werden. Dass die Aufnahmen von 2012 stammen, als Wieber für einen Medizintechnikhersteller arbeitete, interessiert dabei nicht mehr. "Siehst Du, jetzt haben sie die Geschichte gerade im Fernsehen gezeigt", schreiben ihre Gegner stattdessen.

Wieber gibt sich trotz der Attacken gelassen: "Ich habe ein dickes Fell und gute Nerven", sagte sie nach den ersten Tagen. Viel tun kann sie ohnehin nicht. Wenn Drohungen von deutschen IP-Adressen kommen, könnte man aktiv werden, hat der zuständige Polizist in Waldkirch ihr erklärt. Aber daran hat Wieber kein Interesse. Sie habe Mitleid "mit all diesen Leuten, deren Gehirne von der Propaganda verstopft sind".

Erst als die Mär von der Organhändlerin aus Waldkirch auch auf Deutsch die Runde macht, reagiert sie. Unter anderem erscheint die Geschichte auf der deutschsprachigen Seite des Iranischen Auslandsradios. Wieber informiert vorsorglich ihren Chef und die Leute im Büro. Die Reaktion ihrer Kollegen hat sie beruhigt: "Sie haben alle lauthals gelacht."