SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

21. November 2016, 09:54 Uhr

Pressestimmen zu Merkels Kandidatur

"Alternativlos? Nur für die CDU"

Ist Angela Merkel unentbehrlich oder hat sie ihren Zenit überschritten? In der internationalen Presse wird die Kanzlerkandidatur der CDU-Chefin kontrovers kommentiert.

"Neue Zürcher Zeitung" (Schweiz): "Merkel ist unentbehrlich, wird suggeriert. Ihre vierte Kandidatur soll als ebenso natürliche Fügung erscheinen wie ihre durch die Bundestagswahl in zehn Monaten folgende Wiederwahl zur Kanzlerin. 'Bundeskanzlerin Alternativlos' also, genauso, wie Merkel zu regieren pflegt.

Diese Sichtweise ist ebenso unsinnig wie Merkels stete Behauptung während der Eurokrise, die immer neuen Milliardenkredite an Griechenland seien alternativlos, wolle man ein "Scheitern Europas" verhindern. Und sie ist genauso falsch wie Merkels Beharren während der Flüchtlingskrise im letzten Jahr, Hunderttausende von Migranten müssten unkontrolliert ins Land gelassen werden, da man die Grenze ohnehin nicht kontrollieren könne.

Alternativlos ist Angela Merkel allenfalls für die CDU, weil die Chefin talentierte Konkurrenten um den Parteivorsitz stets verhindert hat. Nach der Beruhigung der Flüchtlingskrise glaubt heute kaum jemand, dass die Union ohne Merkel bessere Wahlchancen hätte. Deshalb hat sich neben der CDU auch die CSU nach theatralischem Grollen hinter Merkel gestellt."

"Kommersant" (Russland): "Noch 2014 waren viele Medien in Deutschland überzeugt, dass Angela Merkel ihr Amt vorzeitig aufgibt. Aber dann sickerte durch, dass die Bundeskanzlerin eine erneute Kandidatur mit ihren Beratern bespricht. Offen war eigentlich nur, wann und wie sie diese Absicht erklären wird.

Nun hat Merkel die Chance, mit ihrem vierten Wahlsieg und einer vollen Amtszeit in einem Atemzug mit Konrad Adenauer und Helmut Kohl genannt zu werden. Nach Ansicht von Politologen gehört es zu einem der Geheimnisse der langen Dienstzeit von Merkel, aussichtsreiche Konkurrenten zu beseitigen und dann zu fragen: Wer, wenn nicht ich?"

"El Mundo" (Spanien): "Merkel ist zweifellos nicht nur die beste Option, um den Aufschwung des Rechtsextremismus in ihrem Land zu bremsen. Sie kann zudem nicht nur die Stärke der Europäischen Union garantieren, sondern auch die Erfüllung der Politik des Wachstums und der Ausgabendisziplin."

"La Repubblica" (Italien): "Die Zukunft wird zeigen, ob die großzügige Ankündigung von Angela Merkel ein Wagnis oder eine Wahl als Folge der politischen Rationalität ist: Ist sie in der Lage, eine Antwort auf die Herausforderungen zu geben, die die deutsche Politik vor unbekannte Fragen stellen wird - wie den unvermeidlichen Wandel Deutschlands zu einem Land der Einwanderung?

Man denke nur im Osten an den bedrohlichen Aktivismus Russlands unter Putin oder im Westen an das wahrscheinliche Entfernen eines Amerikas unter Trump. Deutschland wäre aus historischen und geopolitischen Gründen als Erstes dran, die schmerzhaften Folgen zu spüren."

"Sydsvenskan" (Schweden): "Eine Geschichte mit vertrautem Geist schreitet in diesen Tagen mit schweren Schritten durch die westliche Welt: Rechtsextremismus, Nationalismus und der Geist des

Isolationismus. In den USA ging aus diesem Geist Donald Trump als Sieger der Präsidentschaftswahl hervor. Im Mai nächsten Jahr kann Frankreich an der Reihe sein.

Routiniert und respektiert ist Merkel die vereinigende Kraft in Europa und der EU - und der gesamten freien Welt - so sehr gebraucht in diesen Zeiten, wo so vieles andere ins Wanken geraten ist."

"Lidove noviny" (Tschechien): "Angela Merkel ist die bestimmende Persönlichkeit Deutschlands in der letzten Dekade. Das ist schlicht eine Tatsache, welche selbst diejenigen anerkennen müssen, die ihr alles Mögliche vorwerfen: etwa, dass ihr eine feste ideologische Basis fehlt, dass sie Probleme wie ihr einstiger Mentor Helmut Kohl aussitzt und dass sie die deutschen Grenzen übereilt für Flüchtlinge geöffnet hat.

An all der Kritik ist etwas dran. Sie verlangt nach Reflexion, nach politischer Konkurrenz und nach einer Alternative. Doch wenn Merkel sich entschieden hätte, nicht noch einmal zu kandidieren, welche glaubwürdige Alternative für den Spitzenposten würde sich dann anbieten? De facto gibt es keine. Auch das ist Teil von Merkels Erfolg, denn sie besetzt selbst die Rolle der unentbehrlichen Mutter der Nation."

cte/dpa

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung