Angela Merkel beim Uno-Klimagipfel Weltenretterin a.D.

In ihrer Rede vor der Uno versucht Angela Merkel, den Klimaschutz wieder zu ihrem Thema zu machen. Während man ihr zu Hause die Klimakanzlerin kaum noch abnimmt, bekommt sie auf der internationalen Bühne Anerkennung.

Aus New York berichten und  


Die Kanzlerin tritt um 11.02 Uhr New Yorker Zeit ans Mikrofon, ihre Jacke blau, etwas dunkler als das Blau der Vereinten Nationen, in deren Generalversammlungshalle sie nun spricht, im Hintergrund das Bild eines Korallenriffs.

"Wir alle haben den Weckruf der Jugend gehört", eröffnet Merkel ihre fast fünf Minuten lange Rede, zu der überraschend auch US-Präsident Donald Trump als Zuhörer stößt. "Es gibt keinen Zweifel, dass der Klimawandel, die Erderwärmung im Wesentlichen vom Menschen gemacht ist", sagt Merkel, als habe sie den Blitz-Besuch des US-Präsidenten und Zweiflers des Klimawandels vorausgeahnt. "Die Industriestaaten sind die Verursacher dieser Erderwärmung, wie wir sie heute sehen. Die Entwicklungsländer sind die Hauptleidtragenden."

Es ist eine nüchterne Rede, die Merkel da hält. Vielleicht wirkt sie auch deshalb nur so emotionslos, weil sich Minuten zuvor Greta Thunberg mit geballten Fäusten und gepresster Stimme an die versammelte Weltgemeinschaft gewandt hat. "Wir lassen euch nicht davonkommen", rief Thunberg den Delegierten zu. "Die Welt wacht auf, und der Wandel kommt, egal ob ihr es mögt oder nicht." Es war eine verstörende Wutrede, die da zu hören war.

Merkel arbeitet an ihrem Vermächtnis

Merkel bekommt weniger Applaus als Thunberg, doch ihre Rede enthält immerhin klare Zusagen. "Der Maßstab für unser Handeln muss das Pariser Abkommen sein, das den Rahmen setzt, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken", sagt Merkel und verspricht vor den versammelten Staats- und Regierungschefs, dass Deutschland bis 2030 seinen CO2-Ausstoß um 55 Prozent reduzieren und 2050 klimaneutral sein werde.

Die Kanzlerin arbeitet an ihrem Vermächtnis, auch auf dieser dreitägigen Reise nach New York. Es stehen zwar viele Themen auf dem Programm, um eine Klärung der europäischen Haltung zu Iran geht es bei einem Treffen mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und dem britischen Premierminister Boris Johnson, um die künftige Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika bei einem Mittagessen mit afrikanischen Staatsoberhäuptern. Doch im Mittelpunkt, zumindest für die Öffentlichkeit, steht das Klima.

Das Label der Weltenretterin wird sie nicht wiederbekommen

Vor zwölf Jahren noch wurde Angela Merkel international als Klimakanzlerin gefeiert. Sie hatte das Thema sowohl auf dem damaligen EU-Gipfel als auch beim G8-Treffen auf die Tagesordnung gesetzt und ließ sich im roten Anorak vor bedrohtem grönländischen Eis fotografieren. Nun kann sie immerhin für sich reklamieren, dass der CO2-Verbrauch in Deutschland einen festen Preis bekommt und Reduktion des Treibhausgases in einem Gesetz festgeschrieben wird. Jahr für Jahr muss Deutschland eine genau festgelegte Menge an CO2 einsparen. Gelingt das nicht, werden ab dem Jahr 2021 Strafzahlungen an die EU fällig. Es ist ein starkes Druckmittel, das die Kanzlerin jetzt in den Händen hält.

Das Label der Weltenretterin aber wird sie nicht wieder erlangen, nicht nach dem 19-stündigen Verhandlungsmarathon im Kanzleramt und auch nicht nach den 4 Minuten und 40 Sekunden, die sie nun vor den Vereinten Nationen sprach. Zu sehr hat sie das Thema in den letzten Jahren schleifen lassen, mit dem Ergebnis, dass Deutschland seine einst vollmundig angekündigten Klimaziele für 2020 nicht erfüllen wird.

Keine Vorreiterin im Klimaschutz mehr

Ihr Nahestehende weisen darauf hin, dass sich in Merkels Amtszeit immerhin der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung auf heute rund 40 Prozent erhöht habe. Als Merkel Anfang der Neunzigerjahre Umweltministerin war, waren es rund zwölf Prozent. Außerdem habe es in den vergangenen Jahren für die Kanzlerin neben dem Klima viele andere Herausforderungen gegeben, die Griechenlandrettung, die Flüchtlinge, die vielen Brandherde in der Welt. Nicht immer war Zeit, um darüber nachzudenken, wie Deutschland weniger CO2 produzieren könnte.

Es wäre unglaubwürdig, würde sich Merkel nun wieder als Vorreiterin im Umwelt- und Klimaschutz inszenieren. Sie versucht stattdessen, wie so oft, den Weg der Mitte zu gehen. Einerseits bewundert sie die Jugendlichen, die für den Klimaschutz protestieren. Sie hat großen Respekt vor Thunberg, die sie vor ihrer Rede zu einem kurzen Gespräch trifft, wie ein Foto zeigt, das der Regierungssprecher sogleich tweetet. Die jungen Menschen hätten der Politik ordentlich Dampf gemacht, sagt Merkel immer wieder, ohne sie wäre die Bundesregierung nicht da, wo sie ist.

Flucht vor der Kritik aus Deutschland

Andererseits erinnert die Kanzlerin gern an die Menschen auf dem Land, aus der Uckermark oder aus ihrem eigenen Wahlkreis in Vorpommern, wo die Genehmigung eines Windrads schon mal ein paar Jahre dauern kann, weil sich sofort eine protestierende Bürgerinitiative bildet.

Sie plädiert dafür, lieber Anreize zu schaffen, als Verbote auszusprechen, wohlwissend dass die Gesellschaft in der Klimafrage ähnlich tief gespalten ist wie in der Flüchtlingsdebatte. Die Vorschläge des Klimakabinetts sind in den Augen der Kanzlerin der Versuch, diese Spaltung nicht noch weiter zu vertiefen und trotzdem in der Sache weiterzukommen. Die Öffentlichkeit aber diskutiert bislang vor allem den niedrigen Preis von zehn Euro, der künftig eine Tonne CO2 kosten soll, Wissenschaftler beurteilen das Klimapaket in dieser Form als nutzlos.

In New York verspricht Merkel, die deutschen Mittel für den weltweiten Klimaschutz von zwei auf vier Milliarden Euro im Vergleich zu 2014 zu erhöhen. Es ist ihr Weg, der Kritik aus Deutschland zu entfliehen. Auf der internationalen Bühne bekommt sie für solche Ankündigungen vor allem eins: Anerkennung.

insgesamt 75 Beiträge
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BoMo_UAE 23.09.2019
1. Geschichtsbuecher
Merkel macht seit einigen Monaten nur noch Politik fuer die Geschichtsbuecher, nicht mehr fuer das Land. Ihre Zeit ist vorbei und die Koalition am Ende. Beendet es jetzt und lasst das Volk neu waehlen.
KR-Spiegel 23.09.2019
2. "Von Menschen gemacht" oder "Von Merkel gemacht" ?
Millionen von Dieseln, Heizungen oder die Braunkohle haben kräftig CO2 ausgestoßen. ABER, Dank Merkel haben wir auch teure Strompreise und dabei nicht mal Windstrom bis ins kleinste bayerische Dorf. Merkel selbst lässt zuviel CO2 pusten, wie durch den Extraflug von AKK. Merkel ist Berufspolitikerin, die nur noch hohle Phrasen drischt.
maxi_stulz 23.09.2019
3. Sie war nie Vorreiterin
Das ist das Problem der internationalen Presse, die sich mit Worten beeindrucken läßt und die sich nicht kümmert was diesen Worten folgt. Und so ist auch bei Merkel-Anhängern. Ihr Vermächtnis wird für mich sein, daß sie immer Großunternehmen und Banken mehr geschützt hat als Bürger- und Verbraucherrechte. Diese Worte auf dem Klimagipfel sind für mich ein Hohn.
geri&freki 23.09.2019
4. Wer zu spät kommt, ...
... den bestraft das Leben! (Michail Gorbatschow)
ctulhu 23.09.2019
5. Oberste Lobbyistin
Würde Frau Merkels Schaffen am ehesten beschreiben. Sie war und ist nichts anderes als die oberste Vertreterin einer erzkonservativen Industrielobby, die möglichst viele Freiheiten mit möglichst wenig sozialen und sonstigen Verpflichtungen hat. Das in DE überhaupt in Sachen Umwelt etwas vorangekommen ist, muss man den Bürgern des Landes hoch anrechnen. Das meiste ist GEGEN den Willen der CDU/CSU gekommen - und nicht dank ihnen. Und genau so muss man Frau Merkels Arbeit beurteilen. Sie hat gebremst, so sehr sie nur konnte... Und hat es wieder einmal geschafft... Wie der letzte "grosse" Entwurf in Sachen Umweltvernichtung beweist... Sorry, meinte natürlich Pseudoumweltschutz. ...nun denn. Das Dilemma mit ihrem internationalen Ruf ist, dass die Leute nur ihre Reden sehen, nicht ihre (Nicht)Taten... Und deswegen sie zu Unrecht ein gefeierter Star ist...
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