Frankreichs Reaktion auf Interview der Kanzlerin "Merkel zerstört Macrons Träume"

Paris ist tief enttäuscht über die Antwort der Bundeskanzlerin auf die Europa-Visionen des französischen Präsidenten. Nur im Élysée-Palast redet man die Lage schön - zähneknirschend.
Angela Merkel

Angela Merkel

Foto: Markus Schreiber/ AP

An diesem Montagmorgen wurde in Paris der große europäische Vordenker Pierre Hassner beerdigt. Er zählte seit der Nachkriegszeit zu den wichtigsten außenpolitischen Köpfen Frankreichs, vergangene Woche starb er mit 85 Jahren. Hassner sagte von sich: "Ich bin Europäer." In einer seiner letzten Schriften aber fragt er: "Wenn Solidarität und Integration nur bei schönem Wetter möglich sind, was bleibt dann noch vom europäischen Geist?"

Diese Frage stellten sich am Montag zahlreiche Mitglieder der Pariser Trauergemeinde Hassners. Unter ihnen waren viele außenpolitische Experten, die ein Zeitungsinterview der deutschen Bundeskanzlerin  Angela Merkel vom Vortag beschäftigte, mit dem Merkel auf die europapolitischen Vorschläge des französischen Präsidenten Emmanuel Macron reagierte. Tatsächlich schien die Gemeinde um zweierlei zu trauern: Um Hassner und die deutsch-französischen Beziehungen.

"Ja", antwortete der Hassner-Schüler Dominique Moisi auf die Frage, ob Merkel mit ihren Antworten auf Macron eine historische Chance zur Stärkung des deutsch-französischen Bündnisses verspielt habe. Moisi zählt zu den Gründern des Instituts für Internationale Beziehungen in Paris, arbeitet dort heute noch als Berater. Er erkennt durchaus, dass "Merkel von ihrem Standpunkt aus den weitest möglichen Kompromiss angeboten habe". Er gesteht ihr sogar zu, dass sie in dem Interview "die gute Form" wahrt. Doch zugleich bedauert er, dass "ihre Parteibasis und der deutsche Zeitgeist" sie nicht weiter auf Macron zugehen lassen.

Was genau hatte Merkel gesagt?

  • Sie wolle die Europäische Union stärken, aber keine "Schuldenunion"
  • Sie sei zwar für ein kleines Investitionsbudget für die Eurozone, aber sicher nicht für den großen Eurozonen-Haushalt, den Macron gefordert hatte
  • Sie wolle zwar eine schnelle Eingreiftruppe für Europa, aber sicher nichts an den langsamen deutschen Entscheidungsmechanismen für Einsatzbefehle im Bundestag ändern

Es klang alles so wie immer, skeptisch und pragmatisch. Nur handelte es sich dieses Mal um die definitive, in Paris seit Langem erwartete Antwort Merkels auf Macrons vielleicht wichtigste politische Initiative seit seiner Amtsübernahme.

Reaktionen aus Frankreich: "Das ist zu wenig"

Umso größer war die allgemeine Enttäuschung in Paris. "Merkel zerstört Macrons Eurozonen-Träume", schrieb der französische Wirtschaftsexperte Pierre Briancon auf der europäischen Webseite "Politico". Für die in außenpolitischen Fragen wichtigste Zeitung Frankreichs, die Pariser "Le Monde", war Merkels Antwort "vorsichtig". Doch "Le Monde", sonst immer eine Stimme für Merkel in Frankreich, setzte hinzu: "Aber diese Vorsicht ist dem, was auf dem Spiel steht, nicht angemessen."

Einer der erfahrensten außenpolitischen Journalisten von "Le Monde", Marc Sémo, wird im Gespräch deutlich: "Das ist zu wenig. Alles, was Merkel Macron zugesteht, dient ausschließlich dazu, dass Macron sein Gesicht nicht vollkommen verliert."

So sieht es auch Hassner-Schüler Moisi: Die italienische Krise und die "deutsche Halb-Antwort" hätten aus Macrons Stärke eine Schwäche gemacht. Ursprünglich sei sein Eintreten für Europa als neue Stärke Frankreichs empfunden worden. Ohne Verbündete aber wirke der Europäer Macron nun völlig isoliert.

Nur Macrons Leute reden die Lage schön

Positive Reaktionen auf Merkel gab es nur aus Macrons Umfeld. Seine Mitarbeiter im Élysée-Palast betonten, dass man sich in Grundsätzen wie dem Anstreben einer größeren europäischen Handlungsfähigkeit einig wäre. Sie sagten, dass Merkel ja nur eine "erste Antwort" gegeben hätte und die Verhandlungen weitergingen, insbesondere was den Umfang eines zukünftigen Eurozonen-Budget betreffen würde. Sie lobten auch, dass Merkel "transnationale Listen" bei zukünftigen Europawahlen gutgeheißen habe - ein Kernanliegen Macrons.

Leicht dürften den Macron-Leuten diese diplomatischen Antworten nicht gefallen sein. Eine "eisige Atmosphäre" hätte zuletzt zwischen Élysée und Kanzleramt geherrscht, der "Verfall der Beziehungen" wäre deutlich spürbar gewesen, analysierte der Direktor des sehr proeuropäischen Pariser Jacques-Delors-Instituts, Sebastian Maillard, am Montag.

Deshalb wäre es "höchste Zeit" für Merkels Replik gewesen. "Immerhin hat Macron nun eine Antwort. Zumindest darüber dürfte er zufrieden sein", sagte Maillard. Nächste Station für die deutsch-französischen Beziehungen ist ein gemeinsames Kabinettstreffen am 19. Juni in Berlin. Bis dahin, so Maillard, "sei der Dialog noch möglich".

Hoffnungsvoll klang das nicht.

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