Angela Merkel in Afrika "Nimm' mich mit, Kapitän, auf die Reise"

Deutsche Schlager, warme Worte, herzliche Gastgeber - Angela Merkels Afrika-Reise könnte eigentlich harmonisch verlaufen. Doch die Schuldenkrise in Europa überschattet den Ausflug auf den schwarzen Kontinent.

Aus Nairobi berichtet


Im Hörsaal der Universität von Nairobi wird Angela Merkel endgültig von der Euro-Krise eingeholt. Der Raum verströmt den Charme der siebziger Jahre, die Kanzlerin spricht vor der Jugend des Landes über die Zukunft des Landes. Ach, es sollte ein Wohlfühltermin werden.

Jetzt aber sitzt sie da vorn auf dem Podium und muss immer wieder auf ihr Mobiltelefon schielen. Die Schuldenkrise in Europa spitzt sich zu. Die Angst, dass Italien in den Sog geraten könnte, hat Euro und Dax ins Minus gedrückt. Schon ist ein Sondergipfel der Euro-Staaten in Planung.

Wieder dieser Euro-Schlamassel - genau diese Nachricht kann Merkel jetzt wirklich nicht gebrauchen. Es naht das Sommerloch, sie nimmt sich drei Tage Zeit, um quer durch Afrika zu reisen: Kenia, Angola, Nigeria. Es sind drei sorgsam ausgewählte Länder: mit viel Potential und viel Korruption. Merkel will ein Zeichen setzen, für Rechtsstaatlichkeit werben, mit deutschen Investitionen locken.

Gut gelaunt schien sie beim Start in Berlin am Montag. Vielleicht hat sie sich auch einfach auf den afrikanischen Krisenkontinent gefreut, um der Krise daheim einmal zu entkommen - und ein paar gute Botschaften ins Sommerloch zu senden.

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Kenia, Angola, Nigeria: Kanzlerin Merkel und ihr Afrika-Trip
Und jetzt steht sie da, vor einem neuen landwirtschaftlichen Forschungszentrum am Rande Nairobis, hat den weißen Besichtigungskittel abgestreift - Merkel trägt gern solche Forscherklamotten - und will gerade den Weg loben, den Kenia beschritten hat, da schlägt der Euro schon wieder zu: Es gebe beunruhigende Nachrichten aus der Heimat, fragt ein Reporter, was die Frau Bundeskanzlerin denn dazu... Der Satz bleibt in der Luft hängen, Merkel hat sich umgedreht, ist die Wiese vor dem Zentrum hinuntergelaufen und in die alte S-Klasse mit der Bundesfahne gestiegen. Kanzlerin ab.

Ja, wenn die "Rahmenbedingungen" stimmen

Dabei fing der erste Tag von Merkels Afrika-Tour recht munter an. In Erwartung der Kanzlerin und ihrer Nationalhymne stimmte sich das Orchester der kenianischen Luftwaffe vor der Residenz von Präsident Mwai Kibaki mit deutschen Schlagern ein. Darunter die Melodie von "Nimm' mich mit, Kapitän, auf die Reise". Hans Albers, mitten in Afrika.

Es dauert dann alles ein bisschen länger, die deutsche Fahne hängt falsch herum, und es geht das Gerücht, Kibaki habe an diesem Morgen ein bisschen länger geschlafen als geplant.

Merkel ignoriert das. Sie will ihre Botschaft loswerden, betont immer wieder die besondere deutsche Verbundenheit mit Kenia. Schließlich sei es die Bundesrepublik gewesen, die die Unabhängigkeit des Landes 1963 als erster Staat anerkannt hat - und somit heute noch die Nummernschilder deutscher Diplomaten in Kenia die "1" tragen. Merkel verspricht eine zusätzliche Million Euro für ein nordkenianisches Flüchtlingslager, sie verweist Präsident Kibaki auf ihre Wirtschaftsdelegation, die investieren wolle in seinem Land, spricht über Kooperationen bei erneuerbaren Energien.

Und dann kommt das Wenn: Ja, wenn die "Rahmenbedingungen" stimmen. Merkel geht es um Korruptionsbekämpfung, um die Umsetzung der im vergangenen Jahr per Referendum beschlossenen Verfassung. Das Land, das vor drei Jahren noch am Rande eines Bürgerkriegs stand, soll sich der Aussöhnung verschreiben. Kibaki wirkt steif, lobt Merkels Besuch als "historisches Ereignis", verspricht natürlich, die Verfassung "zu implementieren", wie das heißt. Allerdings bleibt alles im Vagen.

Zum Gefallen der Kanzlerin zitiert Präsident Kibaki Konrad Adenauer

Anders die Stimmung bei Raila Odinga, dem Premierminister. Der einstige Gegenspieler des Präsidenten Kibaki bildet heute eine Art Große Koalition mit diesem. Vorbild auch hier: die Deutschen. Merkel schickte zu Zeiten der schwarz-roten Koalition in Berlin sogar einen SPD-Staatssekretär zur Beratung nach Nairobi. Odinga, der in der DDR studierte, hat das nicht vergessen. "Wir werden dafür immer dankbar sein." Er sei sich mit Kibaki einig, dass man im nächsten Jahr transparente Wahlen anstrebe. Zum Gefallen der Kanzlerin zitiert er Konrad Adenauer: Die Geschichte sei die Summe der Dinge, die man hätte vermeiden können. Merkel grinst. Sie reagiert prompt: "Ich habe sehr wohl gehört, Herr Ministerpräsident, dass Sie Ihre Lektion gelernt haben und nicht wollen, dass sich das wiederholt." Sie meint die Kämpfe zwischen Kibakis und Odingas Anhängern nach der umstrittenen Wahl im Jahr 2007. Mehr als 1300 Kenianer starben damals.

Am Ende hat ein kenianischer Journalist noch eine Frage an die Kanzlerin aus Deutschland. Er habe gelesen, dass Deutschland aus der Atomenergie aussteige. Ob sie es denn für weise halte, dass nun Kenia just in diese Energieform einsteigen will? Das müsse jedes Land für sich entscheiden, sagt Merkel. Aber Deutschland werde aufzeigen, wie man erneuerbare Energie erzeuge. "Von uns wird man lernen können, welche Alternativen es gibt", sagt die Kanzlerin der Energiewende.

Um dann noch einmal kurz in alte Muster zurückzufallen: Deutschland habe ja auch große Erfahrung, was die Sicherheit von Atomkraftwerken angehe. Da könne man natürlich eventuell Rat geben. Aber nur eventuell. Merkel hat es schnell gemerkt.

insgesamt 8 Beiträge
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Eutighofer 12.07.2011
1. Frau Merkel und die Kritik
Reist Frau Merkel nach Afrika, lautet die Kritik: Was tut sie in Afrika, sie muss in Europa den Euro retten ! Reist Frau Merkel NICHT nach Afrika, lautet die Kritik: Wieso überlässt sie den Kontinent den Chinesen, die dort prächtige Geschäfte machen und sich Rohstoffe sichern ? Afrika ist ein Kontinent der Zukunft, man muss JETZT vor Ort sein ! Wieso hockt sie nur in Deutschland, ist ihr Horizont so beschränkt ? Kritisiert wird immer , egal wie gehandelt wird. Die Presse lebt von Kritik.
Habeshah 12.07.2011
2. Kritik an Merkel berechigt
Zitat von EutighoferReist Frau Merkel nach Afrika, lautet die Kritik: Was tut sie in Afrika, sie muss in Europa den Euro retten ! Reist Frau Merkel NICHT nach Afrika, lautet die Kritik: Wieso überlässt sie den Kontinent den Chinesen, die dort prächtige Geschäfte machen und sich Rohstoffe sichern ? Afrika ist ein Kontinent der Zukunft, man muss JETZT vor Ort sein ! Wieso hockt sie nur in Deutschland, ist ihr Horizont so beschränkt ? Kritisiert wird immer , egal wie gehandelt wird. Die Presse lebt von Kritik.
Wenn sie in drei Tagen 3 Länder besucht, kann sie auch zuhause bleiben. Da ist das Spektakel zu teuer. Der Flug ins Flüchtlingslager war teurer als das Almosen für die 400.000 Menschen. Denn nur dafür musste eine zusätzliche Bundeswehr Maschine nach Kenia fliegen um Frau Merkel auf der Piste absetzen zu können. Ein paar dumme Worte an verschiedenen Plätzen ablassen und dann weiter. So gewinnt man keine Partner. Afrika hat 1 Milliarde Menschen und 300.000.000 sind nicht arm.
kaksonen 12.07.2011
3. "Nimm' mich mit, Kapitän, auf die Reise"
Ich habe eigentlich nur eine ganz einfache Frage: Wozu ist das Apostroph bei "Nimm'"?
diefreiheitdermeinung 12.07.2011
4. Ach wie einem diese Reisen
doch so bekannt vorkommen. Immer das gleiche Muster: a) der Botschafter freut sich dass er endlich mal von den hohen Damen und Herren aus Berlin wahrgenommen wird und aergert sich gleichzeitig ueber den Rummel mit der er personell und budgetmaessig kaum fertig wird. Und dazu die dummen Fragen und Vorschlaege vom Tross der von den Laendern in der er reist wenig und von den Menschen dort noch weniger Ahnung hat b) die mitreisenden Wirtschaftsvertreter freuen sich, denn evtl. fliesst ja Geld das man dann gleich in Auftraege ummuenzen kann oder es gibt Auftraege, die die KfW dann flugs finanziert. Wenn doch nur die Politik endlich aufhoeren wuerde staendig die Menschenrechte im Koffer herumzuschleppen. Alles waere einfacher und besser ohne die staendigen Pflichuebungen c) der besuchte Staat freut sich, denn meistens fliesst Geld. Aber er aegert sich ueber die manchmal gar nicht subtile Oberlehrerhaftigkeit der Gaeste und deren Naivitaet und Ignoranz. Aber man haelt den Mund wegen des Geldes aus Germany. d) die Kanzlerin freut sich denn endlich komtm sie mit ein paar anderen Schlagzeilen in die Presse obschon sie einsieht, es aber nicht sagt, dass sie eigentlich dringend gebraucht wird nicht um Afrika sondern um Europa zu retten. Und aergert sich, dass sie den Afrikabesuch nicht mehr verschieben konnte. Aber bei der Sache ist sie natuerlich nicht. Die SMS aus Berlin hinterlassen derweil einen gelben Teppich auf ihrem smartphone. Ach, und morgen irgendein anderes Land, ein anderer Kontinent. Wie heisst der Regierungschef ? Rot, schwarz, gruen oder einfach nur inkompetent oder korrupt? Egal, da muss man durch. Beim Abflug macht der Botschafter drei Kreuze. Endlich wieder Ruhe!
Klartext007 12.07.2011
5. Kultur der Verlogenheit
Zitat von sysopDeutsche Schlager, warme Worte, herzliche Gastgeber - Angela Merkels Afrikareise könnte eigentlich harmonisch verlaufen. Doch die Schuldenkrise in Europa überschattet den Ausflug auf den schwarzen Kontinent. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,774053,00.html
Ob Quadriga-Preis für den "lupenreinen Demokraten" Putin, das halbes Kabinett und die Spitze der deutschen Industrie im Flieger nach China oder shaking hands mit den schlimmsten Korruptionsdespoten Afrikas zeigen v.a. eins: Vergesst Glaubwürdigkeit und Moral unserer Regierung! Für Bodenschätze, Vorstandsposten oder Industrieaufträge würde das Kanzleramt sogar die Oma verkaufen.
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