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31. Mai 2019, 04:44 Uhr

Anti-Trump-Rede in Harvard

Merkels Abrechnung

Aus Cambridge berichtet

Bei einer umjubelten Rede vor Studenten der amerikanischen Eliteuniversität Harvard vollführt Angela Merkel einen diplomatischen Spagat: Sie attackiert die Politik des US-Präsidenten - erwähnt ihn aber mit keinem Wort.

Für einen Moment scheint selbst Angela Merkel überwältigt zu sein von der Welle der Sympathie, die ihr da entgegenschlägt. Sie steht auf der großen Freilichtbühne und schaut etwas ungläubig.

So etwas passiert wirklich nicht alle Tage: Bei ihrem Auftritt vor 20.000 frischgebackenen Absolventen, früheren Studenten und Professoren der US-Eliteuniversität Harvard in Cambridge wird die deutsche Kanzlerin gefeiert wie ein Popstar. Unentwegt wird sie von Applaus unterbrochen, es gibt Jubelrufe.

Die Schlappe ihrer CDU bei der Europawahl, der Ärger um ihre Nachfolgerin als Parteivorsitzende, Annegret Kramp-Karrenbauer, - das alles scheint hier plötzlich sehr, sehr weit weg zu sein.

Merkel hält bei der traditionellen Harvard-Abschlussfeier des Jahrgangs 2019 die sogenannte Commencement-Rede, eine Ehre, die zuletzt 1990 einem deutschen Kanzler zuteilwurde, damals war das Helmut Kohl.

Merkels Auftritt ist in jeder Hinsicht bemerkenswert. Das geht schon bei der Reiseplanung los: Sie fliegt lediglich nach Boston, die Hauptstadt Washington lässt sie links liegen. Für einen Termin mit US-Präsident Donald Trump fand sich angeblich in beiden Kalendern kein passendes Zeitfenster.

Dann dieser Ort: Harvard ist seit langer Zeit Amerikas Kaderschmiede Nummer eins. Heute wird hier aber nicht mehr nur die Elite der USA ausgebildet, sondern die Studenten kommen aus vielen Ländern der Erde. Man gibt sich gerne liberal, modern, global engagiert. Das Motto der Universität lautet: "Veritas" - "Wahrheit".

Merkel ist zum ersten Mal in Harvard. Sie hat sich auf diesen Auftritt gut vorbereitet. Sie spricht über ihre Zeit in der DDR, über die Berliner Mauer und über ihren Aufstieg in der Politik. Doch das ist nur die Ouvertüre zum eigentlichen Thema der Rede. Merkel will hier, vor diesem wohlmeinenden Publikum, offenkundig einen Punkt setzen, für eine offene, demokratische, vernetzte Welt - und damit gegen Donald Trump und gegen nationalen Egoismus.

Mitten in den USA, auf Trumps eigenem Territorium, vollzieht sie einen bemerkenswerten diplomatischen Spagat. Ohne den Präsidenten auch nur ein Mal beim Namen zu nennen, nimmt Merkel in ihrer Rede praktisch alle Kernpunkte seiner Politik auseinander, allen voran die Strafzölle und seine "America First"-Politik.

Dann ist Merkel am Ende. Erneut lauter Jubel im Publikum. Die Präsidentin der "Harvard Alumni Association", Margaret Wang, die Merkel mit eingeladen hat, bedankt sich bei der deutschen Kanzlerin und sagt dann nur ein Wort: "Wow."

Wenig später wird Angela Merkel wieder im Flugzeug zurück nach Hause sitzen. In Deutschland wartet der politische Alltag, mit der CDU, mit Annegret Kramp-Karrenbauer und mit Andrea Nahles.

In den USA geht der Alltag ebenfalls weiter. Und Trump macht sein Ding: Kurz nachdem Merkel ihre Rede beendet hat, verkündet Donald Trump neue Strafzölle gegen Mexiko. Er plane ab dem 10. Juni eine fünfprozentige Steuer auf alle Importe aus dem Land, so Trump. Mexiko müsse umgehend den "Strom von undokumentierten Immigranten" in die USA stoppen. Sonst werde die Steuer weiter steigen.

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