Anti-Trump-Rede in Harvard Merkels Abrechnung

Bei einer umjubelten Rede vor Studenten der amerikanischen Eliteuniversität Harvard vollführt Angela Merkel einen diplomatischen Spagat: Sie attackiert die Politik des US-Präsidenten - erwähnt ihn aber mit keinem Wort.

CJ GUNTHER/EPA-EFE/REX

Aus Cambridge berichtet


Für einen Moment scheint selbst Angela Merkel überwältigt zu sein von der Welle der Sympathie, die ihr da entgegenschlägt. Sie steht auf der großen Freilichtbühne und schaut etwas ungläubig.

So etwas passiert wirklich nicht alle Tage: Bei ihrem Auftritt vor 20.000 frischgebackenen Absolventen, früheren Studenten und Professoren der US-Eliteuniversität Harvard in Cambridge wird die deutsche Kanzlerin gefeiert wie ein Popstar. Unentwegt wird sie von Applaus unterbrochen, es gibt Jubelrufe.

Die Schlappe ihrer CDU bei der Europawahl, der Ärger um ihre Nachfolgerin als Parteivorsitzende, Annegret Kramp-Karrenbauer, - das alles scheint hier plötzlich sehr, sehr weit weg zu sein.

Merkel hält bei der traditionellen Harvard-Abschlussfeier des Jahrgangs 2019 die sogenannte Commencement-Rede, eine Ehre, die zuletzt 1990 einem deutschen Kanzler zuteilwurde, damals war das Helmut Kohl.

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Merkel in Harvard: "Nichts muss so bleiben, wie es ist"

Merkels Auftritt ist in jeder Hinsicht bemerkenswert. Das geht schon bei der Reiseplanung los: Sie fliegt lediglich nach Boston, die Hauptstadt Washington lässt sie links liegen. Für einen Termin mit US-Präsident Donald Trump fand sich angeblich in beiden Kalendern kein passendes Zeitfenster.

Dann dieser Ort: Harvard ist seit langer Zeit Amerikas Kaderschmiede Nummer eins. Heute wird hier aber nicht mehr nur die Elite der USA ausgebildet, sondern die Studenten kommen aus vielen Ländern der Erde. Man gibt sich gerne liberal, modern, global engagiert. Das Motto der Universität lautet: "Veritas" - "Wahrheit".

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Merkel ist zum ersten Mal in Harvard. Sie hat sich auf diesen Auftritt gut vorbereitet. Sie spricht über ihre Zeit in der DDR, über die Berliner Mauer und über ihren Aufstieg in der Politik. Doch das ist nur die Ouvertüre zum eigentlichen Thema der Rede. Merkel will hier, vor diesem wohlmeinenden Publikum, offenkundig einen Punkt setzen, für eine offene, demokratische, vernetzte Welt - und damit gegen Donald Trump und gegen nationalen Egoismus.

Mitten in den USA, auf Trumps eigenem Territorium, vollzieht sie einen bemerkenswerten diplomatischen Spagat. Ohne den Präsidenten auch nur ein Mal beim Namen zu nennen, nimmt Merkel in ihrer Rede praktisch alle Kernpunkte seiner Politik auseinander, allen voran die Strafzölle und seine "America First"-Politik.

  • "Protektionismus und Handelskonflikte gefährden den freien Welthandel und damit die Grundlage unseres Wohlstandes", sagt Merkel. Und: "Mehr denn je müssen wir multilateral statt unilateral denken und handeln, global statt national, weltoffen statt isolationistisch. Kurzum: gemeinsam statt allein."
  • Auch auf Trumps Hang zum Tricksen und Täuschen geht sie indirekt ein: "Wir dürfen Lügen nicht Wahrheiten nennen und Wahrheiten nicht Lügen." An dieser Stelle erhält sie den meisten Applaus. Es gibt "Bravo"-Rufe im Publikum.
  • Beim Thema Klimaschutz setzt Merkel ebenfalls einen Punkt gegen Trump. Der US-Präsident leugnet bekanntlich, dass es überhaupt einen Klimawandel gibt. Merkel aber sagt: "Der Klimawandel bedroht die natürlichen Lebensgrundlagen. Er und die daraus erwachsenen Krisen sind von Menschen verursacht. Also müssen wir auch alles Menschenmögliche unternehmen, um diese Menschheitsherausforderung in den Griff zu bekommen."
  • Und selbst die von Trump geforderte Mauer an der US-Grenze zu Mexiko kommt bei der Kanzlerin irgendwie vor, leicht abgewandelt, eben im diplomatischen Merkel-Stil: Mauern würden den Wandel der Welt zum Besseren behindern, beklagt sie. Das dürften die Studenten als die künftigen Gestalter dieser Welt nicht zulassen. "Wieder sind es Mauern, Mauern in den Köpfen: aus Ignoranz und Engstirnigkeit. Sie verlaufen zwischen Mitgliedern einer Familie ebenso wie zwischen gesellschaftlichen Gruppen, Hautfarben, Völkern und Religionen", ruft Merkel. "Ich wünsche mir, dass wir diese Mauern einreißen."

Dann ist Merkel am Ende. Erneut lauter Jubel im Publikum. Die Präsidentin der "Harvard Alumni Association", Margaret Wang, die Merkel mit eingeladen hat, bedankt sich bei der deutschen Kanzlerin und sagt dann nur ein Wort: "Wow."

Wenig später wird Angela Merkel wieder im Flugzeug zurück nach Hause sitzen. In Deutschland wartet der politische Alltag, mit der CDU, mit Annegret Kramp-Karrenbauer und mit Andrea Nahles.

In den USA geht der Alltag ebenfalls weiter. Und Trump macht sein Ding: Kurz nachdem Merkel ihre Rede beendet hat, verkündet Donald Trump neue Strafzölle gegen Mexiko. Er plane ab dem 10. Juni eine fünfprozentige Steuer auf alle Importe aus dem Land, so Trump. Mexiko müsse umgehend den "Strom von undokumentierten Immigranten" in die USA stoppen. Sonst werde die Steuer weiter steigen.

insgesamt 201 Beiträge
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koch-51 31.05.2019
1. Wir brauchen Angela Merkel
Wir brauchen Angela Merkel auch in Zukunft als linkes Gegenmodell zu all den Trumps, Salvinis, Putins und Orbans. Links nicht im parteipolitischen Sinne, sondern links im Sinne eines progressiven globalistischen Gesellschaftsentwurfs. Wunderbar, dass sie Trump nicht "links" sondern im übertragenen Sinne "rechts" liegen ließ und lieber mit der internationalistisch gesinnten Elite in Harvard feierte. Zudem eine gelungene Retourkutsche auf Pompeo, der mit seiner kurzfristigen Absage seines Besuchs seine ganze Geringschätzung und Verachtung für die Bundesrepublik zeigen wollte. - Wir brauchen Angela Merkel auch in Zukunft für den Kampf gegen Rechts, auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene. Die Medien sollten sie daher noch stärker unterstützen und nicht mehr von ihrem bevorstehenden politischen Ende sprechen.
hevopi 31.05.2019
2. Aus humaner Sicht hat Frau Merkel
natürlich zu 100 % recht, nur mir fehlt eine Antwort: Wie soll sich die Erde beim jetzigen Bevölkerungswachstum weiterentwickeln? Mehr Menschen brauchen mehr Versorgung, die Umwelt ist für viele Länder ein Desaster, der kranke Egoismus der Politiker (siehe Deutschland) denkt nicht mal eine Sekunde an die Bürger, sondern braucht nur Stimmen, so gesehen: Hat die Welt wirklich noch eine lange Zukunft? So traurig ist ist: Das Bevölkerungswachstum muß überschaubar bleiben, der Umweltschutz darf nicht für wenige Menschen noch mehr Vermögen schaffen und vielleicht wird sich bei der Menschheit doch noch die 3. Gehirnrinde entwickeln: Sozialbewußtsein.
cherrydoc 31.05.2019
3. Wow
Ich habe sie nie gewählt und werde ihre Partei auch niemals wählen aber ich muss, über mich selbst überrascht, feststellen, dass ich heute richtig stolz auf unsere Bundeskanzlerin bin. Danke Angela Merkel, danke für Ihre Flüchtlingspolitik und Danke für das Bild, das Sie im aufgeklärten Teil dieser Welt von unserem Land hinterlassen! Wenn Sie und Ihre Partei jetzt noch Ihren Aussagen zum Klimawandel Taten folgen ließen, müsste ich mein Eingangsstatement fast überdenken.
harryhorst 31.05.2019
4. Keine gute Idee
So schön ein Beifall bei Harward auch ist, er hilft nicht bei der nächsten Reaktion von Trump. Mittlerweile ist sein Charakter ganz gut ersichtlich. Mit einer Retourkutsche müssen wir rechnen und die trifft die Autoindustrie. Das ist dann ein teurer Preis für Merkels Ego.
advokatu 31.05.2019
5. Great
Das ist Amerika wie wir es lieben. Kooperation statt Abgrenzung ist die Forderung der Zeit! Dazu muss Europa die soziale und die demokratische Frage durch Bildung einer europäischen Republik beantworten.
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