Rede in Harvard Merkel kritisiert indirekt Trump

"Gemeinsam statt allein": Kanzlerin Merkel hat in einer Rede an der US-Eliteuni Harvard die internationale Zusammenarbeit beschworen. Eine kaum verhohlene Kritik an Donald Trump - ohne ihn zu erwähnen.

REUTERS/Brian Snyder

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die internationale Zusammenarbeit und den freien Welthandel beschworen. "Mehr denn je müssen wir multilateral statt unilateral denken und handeln", sagte Merkel vor rund 20.000 Absolventen, Angehörigen und Professoren in einer Rede an der US-Eliteuniversität Harvard.

Gehandelt werden müsse global statt national, weltoffen statt isolationistisch - "gemeinsam statt allein". Protektionismus und Handelskonflikte gefährdeten den freien Welthandel und damit die Grundlage des Wohlstands, warnte Merkel.

Namentlich erwähnte sie US-Präsident Donald Trump nicht, doch jeder schien zu verstehen, wen sie meinte.

Besonders deutlich wurde die Kanzlerin, als sie zu "Wahrhaftigkeit gegenüber anderen und uns selbst" aufrief. "Dazu gehört, dass wir Lügen nicht Wahrheit nennen und nicht Wahrheit Lügen", sagte sie. Für diese Aussage bekam sie starken Beifall, viele Zuhörer standen auf und applaudierten.

Man müsse fest zu den unveräußerlichen Werten stehen und danach handeln, betonte Merkel. Bei allem Entscheidungsdruck dürfe man nicht immer den ersten Impulsen folgen, "sondern zwischendurch einen Moment innehalten, schweigen, nachdenken, Pause machen".

"Mauern können einstürzen"

Freiheit, Demokratie, Frieden und Wohlstand seien nicht selbstverständlich, führte Merkel weiter aus. "Aber wenn wir die Mauern, die uns einengen, einreißen, wenn wir ins Offene gehen und Neuanfänge wagen, dann ist alles möglich."

Auch die Mauer-Formulierung kann als Seitenhieb gegen Trump verstanden werden - plant er doch eine Mauer an der Grenze zu Mexiko. Merkel sagte weiter: "Mauern können einstürzen" - und Diktaturen verschwinden. Menschen und vor allem Mädchen müsse Zugang zu Bildung verschafft werden, man könne die Ursachen von Flucht und Vertreibung bekämpfen - "das alles können wir schaffen".

Fotostrecke

5  Bilder
Merkel in Harvard: "Nichts muss so bleiben, wie es ist"

Mit Blick auf den von Menschen verursachten Klimawandel und die daraus folgenden Krisen sagte die Kanzlerin, man müsse "alles Menschenmögliche tun, um diese Menschheitsherausforderung wirklich in den Griff zu bekommen". Noch sei dies möglich. "Doch dazu muss jeder seinen Beitrag leisten", sagte Merkel. "Das sage ich auch selbstkritisch" - man müsse hier besser werden.

Sie werde sich deshalb "mit ganzer Kraft dafür einsetzen, dass Deutschland 2050 das Ziel der Klimaneutralität erreichen werde. "Veränderungen zum Guten sind möglich, wenn wir sie gemeinsam angehen. In Alleingängen wird das nicht gelingen."

Vor ihrer Rede war Merkel von der Universität Harvard mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet worden. Explizit hob die Hochschule ihre Flüchtlingspolitik hervor.

wal/dpa



insgesamt 45 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Akademiker11 30.05.2019
1. Leider....
Das ist leider ein Moment, wo ich mich schaeme, als Deutscher in den USA zu arbeiten und zu leben. Ich bin nicht stolz auf diese Kanzlerin und ihre Politik.
Sandygirl 30.05.2019
2. Allein sind wir allein.
Sie hält gute Reden. Das Thema "allein sind wir allein" wurde ja gerade von Böhmermann musikalisch bearbeitet. Also alles richtig. Nur fehlen jetzt noch Taten. Bitte.
Deeds447 30.05.2019
3. Rolemodel: Internationale Politikerin
Das Problem bei Merkel ist, dass ihr im eigenen Land vermutlich nicht mal 50% der Wähler die Kernkompetenz Außenpolitik zuschreiben würde. Das gesamte EU-Disaster, ob man es nun eu-skeptisch oder pro-europäisch beschreibt, bleibt vor allem an der "Führungsrolle" Deutschlands in den letzten zehn Jahren kleben... In Asien zumindest, habe ich neulich im Steingart-Podcast gehört, glaubt niemand mehr an die EU...
mirage122 30.05.2019
4. Standing ovations
Na, das ist doch eine Freude, dass unsere Bundeskanzlerin auf ihre alten Tage gegen Donald Trump wettert - wenngleich doch sehr durch die Blume. Ob er das mit den Mauern verstanden hat? Sicher nicht wirklich, weil ihn Frau Merkel gar nicht interessiert. Und wenn man bei solcher Veranstaltung noch ansatzweise so tut, als sei man selbstkritisch, dann kommt das gut an. Nur ihre Aussagen hinsichtlich Lügen und Wahrheit: Das war wieder das übliche Merkel-Geschwafel, nur nicht konkret werden, sich aber dann auf internationaler Bühne derartig aufplustern. Polit-Profi und sonst nichts!
spon-facebook-1549314670 30.05.2019
5. Wichtige Stimme
Frau Merkel's Stimme hat Gewicht, wohl vor allem ausserhalb der Republik. Ein gutes Zeichen für sie und Deutschland. Vor allem hoffe ich, dass sich auch Trumpwähler besinnen, wenn sie solche Stimmen hören.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.