Angela Merkel in Indien Die schönen Stunden der Kanzlerin

In Indien ist die Welt noch in Ordnung - zumindest für Angela Merkel. Auf Auslandsreise genießt sie die angenehme Seite des Regierungschefinnen-Daseins - weit ab von moppernden Möchtegern-Nachfolgern.
Merkel posiert für Selfies: Für Indien verkörpert sie Deutschland

Merkel posiert für Selfies: Für Indien verkörpert sie Deutschland

Foto: Michael Kappeler / DPA

Jetzt wird es endlich so richtig schön für die Bundeskanzlerin. Sie sitzt in einer Art solarbetriebener Gartenlaube in Neu-Delhi und lässt sich erklären, warum das eine sinnvolle Erfindung ist, zumal für Inder. Damit es noch gemütlicher wird, winkt sie Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner herbei, die ein angenehmer Mensch ist und noch nie mit kruden Vorschlägen zu Nordsyrien für Unruhe gesorgt hat. Die beiden Frauen erörtern, was fehlt, damit es noch schöner wird in der Laube, und Merkel schlägt vor: "Zwei Blumentöpfe drumherum".

Das wäre doch was für Ihren Ruhestand, könnte man einwerfen, aber das tut niemand an diesem Samstagmorgen. In Indien ist Merkel unangefochten Bundeskanzlerin. Die harte Kritik von Friedrich Merz an der Großen Koalition ("grottenschlecht"), der Streit in der CDU um die Frage, ob die Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer eine geeigneteKanzlerkandidatin wäre - das alles spielt auf dieser Reise nur eine Nebenrolle. Von Donnerstagabend bis Samstagmittag weilte Merkel in Neu-Delhi, zu Regierungskonsultationen und einigen Besichtigungen.

Merkel mit E-Rikscha: "Zwei Blumentöpfe drumherum"

Merkel mit E-Rikscha: "Zwei Blumentöpfe drumherum"

Foto: RAJAT GUPTA/EPA-EFE/REX

An Berliner Kalamitäten erinnerte vor allem der Himmel, dicke Luft in Neu-Delhi, extremer Smog, eine stumpfe Sonne, die kaum das dichte Grau durchdrang. Als Merkel dieses Thema heute Morgen bei ihrem Vortrag vor der Deutsch-Indischen Handelskammer ansprach, musste sie genau in diesem Moment husten und hüsteln, ihre Stimme brach weg. Ein paar Stunden später, im Flugzeug zurück nach Berlin, klang sie weit besser.

Besondere Belohnungen für Staatsgäste

Insgesamt aber war das eine erfreuliche Reise für Merkel. Außenpolitik ist traditionell ein Gebiet, das Bundeskanzlern die schöneren Stunden bietet. Vielleicht liegt auch hier ein Grund, warum Merkel noch nicht weichen, dem 14. Regierungsjahr unbedingt ein 15. hinzufügen will, und dann noch ein 16. Und Indien hält für Staatsgäste besondere Belohnungen bereit.

Freitagmorgen, offizielle Begrüßung, der Palast des Präsidenten. Die Kanzlerin fährt vor, in einer schwarzen Limousine, das ist sie gewohnt, aber nicht, dass sie von schmucken, stolzen Reitern eskortiert wird. Fabelhaft sieht das aus. Am Ende dieses Weges wartet Ministerpräsident Narendra Modi, kurze Begrüßung, dann sitzt Merkel allein unter einem Baldachin, so will es das indische Protokoll. Vor ihr der gigantische Palast, die Paradesoldaten, dazu die Nationalhymnen. Für ein Land von 1,2 Milliarden Menschen verkörpert Angela Merkel gerade Deutschland.

Sie würde wohl bestreiten, dass sie solche Erhebungen wirklich braucht, aber Bundeskanzlerin sein ist eben doch eine ganz eigene, eine extreme Lebensform, die sich aus vielen Momenten zusammensetzt, die in anderen Leben nicht vorkommen und die für alle Zeiten verschwinden, wenn die Amtszeit erlischt. Dazu gehören auch die Begegnungen mit anderen Regierungschefs.

Dem Hindu-Nationalisten Modi kann Merkel in vielem nicht zustimmen, aber es gibt eine Brücke zwischen ihnen, die Merkel auch mit anderen Kollegen verbindet. Nur sie wissen, wie es ist, ein ganzes Land zu regieren, die ganze Verantwortung zu tragen. Nur mit einem wie Modi kann sie sich über dieses Thema auf Augenhöhe austauschen. Über den Druck, über die Belohnungen.

Merkel mit Premierminister Modi: auf Augenhöhe

Merkel mit Premierminister Modi: auf Augenhöhe

Foto: Prakash Singh /AFP

Sie hat mit ihm bei einem Abendessen über seine umstrittene Entscheidung gesprochen, den Autonomiestatus für Kaschmir aufzuheben und sich die schwierige Region direkt zu unterstellen. Sie weiß, was daran zu kritisieren ist, aber von Journalisten danach gefragt, erläutert sie auch, wie komplex die Lage in Kaschmir ist. Womit sie nichts entschuldigt, womit sie eher die schwierigen Aufgaben eines Regierungschefs beschreibt. Dafür hat sie ein Gefühl, so wie Modi sicherlich ein Gefühl für ihre Lage hat. Noch gehört Merkel zu dieser kleinen, exklusiven Kaste, und sie liebt es, über Machtfragen zu reden, bis ins kleinste Detail. Zählt sie nicht mehr zu den Mächtigen, ist das nur noch halb so prickelnd.

Merkels wichtigste Botschaft für Indien war auf dieser Reise, dass die Visaanträge für Fachkräfte beschleunigt werden sollen. Dafür wird in Brandenburg an der Havel ein Bundesamt für Auswärtige Angelegenheiten eingerichtet, mit vielen neuen Stellen. Ansonsten haben Merkel und Modi fast zwei Dutzend Vereinbarungen verabschiedet. Es geht um Digitales, um Umwelt, um Fußball, es geht, naturgemäß könnte man sagen, um Ayurveda, die beiden Länder wollen sich da intensiver austauschen.

In Strümpfen am Grab des Anti-Merz

Indien, das im Alltag recht ruppig sein kann, gilt trotzdem als Heimatland des Wohlfühlens und der Sanftheit. Schön für Merkel angesichts der Lage zu Hause, und selbstverständlich hat sie das letzte Wohnhaus und die Einäscherungsstätte des friedlichsten, sanftesten Politikers aller Zeiten besucht, Mahatma Gandhis, des Anti-Merz. Dort musste sie, wie alle anderen, die Schuhe ausziehen, wurde zur Bundeskanzlerin in Strümpfen, aber das machte ihr gar nichts. Bei allen Momenten der Erhabenheit, normal kann sie immer noch sehr gut, auch nach 14 Jahren. Keine Allüren, spröde zwar bei ihren offiziellen Reden und Statements, aber munter im kleineren Kreis. Und manchmal lustig in ihrer Ausdrucksweise. "Es muss auch metern", sagt sie, wenn es vorangehen soll.

In einer dieser kleinen Runden konnte man sie wohl so verstehen, dass sie den Streit in ihrer eigenen Partei nicht unbedingt für einen Weltuntergang hält. Kann man aushalten, muss man aushalten. Von Neuwahlen hält sie nichts, ganz und gar nichts. Wenn sie schon dem Ende ihrer Amtszeit entgegenmetern muss, dann bitte langsam, ganz langsam.

Merkel mit Continental-Mitarbeitern: Schön soll's schon sein

Merkel mit Continental-Mitarbeitern: Schön soll's schon sein

Foto: Michael Kappeler / DPA

In Delhi blieb sie unter dem Himmel, der keiner war, sondern ein grauer, giftiger Zustand, immerzu freundlich und nickte sich durch die Tage. Nicken ist Merkels Modus des Zuhörens. Sie will den Leuten, die sprechen, ein gutes Gefühl geben. Sie nickte, als Außenminister Heiko Maas, der einen flotten Blouson trug, den Journalisten im Regierungsflugzeug etwas erklärte. Sie nickte unablässig, als man ihr in der Nähe von Delhi eine Fabrik von Continental vorstellte. Bremsen. Katalysatoren. Dies und das fürs Auto.

Sie hat schon so vielen Leuten zugehört in dieser langen Kanzlerschaft, sie tut das immer noch mit einer Geduld, als sei sie wirklich, wirklich neugierig auf jedes Detail aus der Automobilzulieferindustrie. Alles jedoch lässt sie nicht mit sich machen. Als sie für ein Selfie mit einem jungen Mitarbeiter von Continental posieren soll, fährt ihr Arm plötzlich aus, um mit zwei Fingern den Bildausschnitt zu optimieren. Schön soll's schon sein. Der Bursche kriegt es immer noch nicht hin, Merkel greift wieder ein und korrigiert, als müsse sie es so genau nehmen wie einst der große Kameramann Michael Ballhaus.

Das wäre doch was für die Gartenlaube, sollte Merkel eines Tages - man denke nur - tatsächlich nicht mehr Bundeskanzlerin sein: aus den Bildern ihrer Kanzlerschaft ein schönes, ganz persönliches Fotoalbum machen.

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