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14. November 2014, 07:32 Uhr

Merkels Besuch in Neuseeland

"Das Babyfell war jedenfalls sehr angenehm"

Aus Auckland berichtet

Als erster deutscher Regierungschef seit 17 Jahren besucht Angela Merkel Neuseeland. Doch selbst am Ende der Welt, wo sie Kiwi-Küken streichelt und mit maorischen Kriegern Nasenstüber tauscht, gibt es für die Kanzlerin keine Auszeit von den Weltkrisen.

Männer mit nacktem Oberkörper recken hölzerne Speere in den Himmel, sie stoßen dumpfe Laute aus und trommeln mit der Faust auf ihre Brust. Traditionell gilt das Powhiri, die Begrüßungszeremonie von Neuseelands Ureinwohnern, Fremden im Kanu, an diesem Freitagmorgen fährt ein BMW mit deutscher Standarte den Hügel zum Gouverneurshaus herauf. Angela Merkel steigt aus, der Willkommensgruß Karanga ertönt, die Gruppe der Krieger teilt sich. Die deutsche Kanzlerin geht auf eine Maori-Frau zu, beide reiben ihre Nasen aneinander, kurz schließt die Kanzlerin die Augen. Die deutsche Nationalhymne erklingt.

Merkel übersteht das Maori-Ritual ohne Ausrutscher, genauso wie den Rest ihrer eintätigen Stippvisite in Neuseeland. Die deutsche Kanzlerin entlässt einen seltenen Vogel in die Freiheit, speist mit einem politisch gleichgesinnten Premierminister zu Mittag und plaudert mit artigen Studenten über den Vorteil, Fremdsprachen zu beherrschen. Der Staatsbesuch am Ende der Welt ist für die deutsche Kanzlerin ein einziger Wohlfühltermin, Neuseeland ein Land nach ihrem Geschmack: offen für Freihandel und Wissenschaft und - mit viel Natur.

Deutliche Worte an Wladimir Putin

Für die Kanzlerin ist es eine kurze Auszeit vom Krisenmodus. Schon morgen, beim G20-Gipfel im australischen Brisbane ist die Tagesordnung wieder bleischwer. Die Staats- und Regierungschefs wollen über die Regulierung von Schattenbanken diskutieren und Rezepte finden, damit die Weltwirtschaft schneller wachsen kann. Vor allem aber wird Merkel mit einem Mann zusammenkommen, von dem im Gegensatz zu den neuseeländischen Maori-Kämpfern tatsächlich Gefahr ausgeht - Russlands Präsidenten Putin.

Angela Merkel mag 18.000 Kilometer Luftlinie von Berlin entfernt sein, doch selbst in Neuseeland kann die Kanzlerin den Ukraine-Konflikt nicht ausblenden. Während sie mit einem kleinen Boot auf die Motutapu-Insel schippert, einem Vogel-Schutzgebiet, lässt der russische Präsident in den internationalen Gewässern vor der australischen Küste Kriegsschiffe auffahren.

Bei der Pressekonferenz mit dem neuseeländischen Premierminister John Key zielt schon die erste Frage auf Putin. Merkel findet deutliche Worte. Nicht die Machtdemonstration mit Kriegsschiffen treibt sie um, sondern die Entwicklung in der Ukraine. Die Kanzlerin kritisiert, "dass das Minsker Abkommen leider nicht eingehalten wird, dass wir besorgniserregende Berichte haben, was die Waffenlieferungen angeht". Das will sie Putin in Australien auch ins Gesicht sagen. "Es gibt durchaus die Chance, dass es zu einem Treffen kommt", kündigt Merkel an.

"Das Babyfell war sehr angenehm"

Ihre Erwartungen an das Gespräch sind freilich gering. Monate nach dem Beginn der Ukraine-Krise ist die Kanzlerin ernüchtert und frustriert. Das Minsker Abkommen zwischen der Ukraine und den prorussischen Separatisten im Osten des Landes hat den erwünschten Frieden nicht gebracht. Die Demarkationsline ist löchrig, der Waffenstillstand brüchig. Vor allem gibt es keine Anzeichen dafür, dass Russland auf die Rebellen einwirkt, sich an die Abmachung zu halten. Als einziger Lichtblick gilt in Berlin derzeit, dass auch Moskau die Wahlen im umkämpften Osten der Ukraine nicht anerkannt hat.

Noch aber kann der Ernst ein paar Stunden warten. Am Freitagmittag steht Merkel auf der unbewohnten Insel Motutapu an einer Weggabelung und plaudert mit Premierminister Key. Nebenbei streichelt sie einem Kiwi-Weibchen namens Whau Whau über den Kopf, dem neuseeländischen Nationalvogel. Merkel soll das seltene Tier auf der Insel aussetzen, einem Naturschutzgebiet, wo der Vogel keine natürlichen Feinde hat. Der Kiwi pickt mit seinem langen Schnabel, kein Zeichen der Aggression, wie Merkel später sagt, sondern der Angst. Sie hat sich vorher informiert.

"Ich konnte den Kiwi fast bis an den Rand des Loches aussetzen, wo der Vogel dann leben wird", berichtet die Kanzlerin begeistert. Und, auf die Frage, wie sich so ein Kiwi anfühle: "Das Babyfell war jedenfalls sehr angenehm."

Sie weiß: Morgen stellen sich ganz andere Fragen.

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