Angela Merkel Die Kanzlerin zittert, die Welt schaut hin

"Was passiert mit der Kanzlerin?": Angela Merkels erneuter Zitteranfall beschäftigt die internationale Presse. In den Berichten schwingt die Sorge über Merkels Abschied aus der Weltpolitik mit. Die Begründung für die Vorfälle bleibt vage.

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Es sollte ein Routinetermin sein: Die alte Justizministerin Katarina Barley wird verabschiedet, ihre Nachfolgerin Christine Lambrecht erhält ihre Ernennungsurkunde. Das Treffen am Donnerstagvormittag im Schloss Bellevue wird aber nicht wegen des Wechsels auf dem Ministerposten in Erinnerung bleiben. Sondern wegen der Kanzlerin, die neben Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier stand und am ganzen Körper zitterte. Es war der zweite derartige Anfall in der Öffentlichkeit innerhalb von anderthalb Wochen.

Merkels Zittern fand weit über Deutschland hinaus Beachtung. Ob in den USA oder Großbritannien, in Frankreich, Spanien oder Italien: Überall berichteten Medien umfassend über Merkels Zittern. In vielen Texten schwang eine gewisse Sorge mit: "Was passiert mit der Kanzlerin?", fragte die italienischen Zeitung "La Repubblica". Die britische "Financial Times" sprach von aufkommenden "Ängsten um die Gesundheit" Merkels.

Verschiedene Medien spekulierten gemeinsam mit Medizinern über mögliche Ursachen - ohne aus der Ferne eine Antwort geben zu können. Aus Regierungskreisen hieß es bald, Merkels Zittern habe einen psychologischen Hintergrund. Die Kanzlerin habe sich an ihr erstes Zittern beim Empfang des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj erinnert und dann wieder angefangen zu zittern.

Da hatte die "New York Times" den Vorfall schon zum Anlass genommen, die Bedeutung der Weltpolitikerin Merkel herauszustellen. Viele Medien in Deutschland, so schrieb die Zeitung, hätten sich nur kurz mit dem Zittern der Kanzlerin befasst - und das obwohl Merkel weithin als "die wichtigste Anführerin in Europa und eine der wichtigsten Politikerinnen der Welt" gelte.

Nicht nur bei der "New York Times" klang eine Sorge vor einer Zeit ohne eine Bundeskanzlerin Angela Merkel an. In einer Welt, in der Demokratien mehr und mehr Krisen durchleben, gilt Merkel als wichtige Stütze, als Vermittlerin. Wenn es darum geht, einen Umgang mit Staatschefs wie Donald Trump oder Wladimir Putin zu finden, kommt es auch auf Merkel an. Deshalb stößt sie im Ausland trotz aller Kritiker in der Heimat auf besonders viel Anerkennung und Respekt.

Lesen Sie hier einen Text über zwei Denkschulen zu der Frage, wie viel Schwäche Mächtige zeigen dürfen

Das war gerade erst bei einem Auftritt in Harvard zu sehen, der zur Abrechnung mit Trump wurde, ohne dass sein Name überhaupt fiel. Und das war auch vor einem Jahr beim G20-Gipfel in Buenos Aires zu sehen, als die Kanzlerin wegen einer Flugzeugpanne verspätet anreiste, dann aber sofort einmal mehr unter anderem im Ukrainekonflikt als wichtige Vermittlerin auftrat - und in Argentinien gefeiert wurde wie ein Popstar, als sie ein Restaurant aufsuchte.

Die "New York Times" ließ sogar eine Expertin erklären, warum die deutsche Berichterstattung so zurückhaltend sei: In Deutschland sei den Menschen die Privatsphäre sehr wichtig, das akzeptiere die Bevölkerung auch bei der Kanzlerin.

Merkel hielt ihre Arme, um das Zittern zu stoppen
REUTERS

Merkel hielt ihre Arme, um das Zittern zu stoppen

Tatsächlich ist der Umgang mit solchen Fällen in den USA ganz anders. Dort ist es zwar keine Pflicht, aber doch üblich, dass Präsidenten Ergebnisse medizinischer Untersuchungen offenlegen. Gerade bei Trump gab es großes Aufsehen um seinen Medizincheck.

"Ein Hauch von Herrschaftsende"

Aber auch in europäischen Ländern war die Aufregung nach Merkels erneutem Zittern groß: Eine Überschrift in der französischen Zeitung "Le Parisien" lautete "Ein Hauch von Herrschaftsende". Der Bericht sah eine Symbolik im Zittern der Bundeskanzlerin und projizierte den Fall nach der einleitenden Frage "Merkel krank?" auf das nahende Ende ihrer Kanzlerschaft, das bei möglichen Neuwahlen schon bald kommen könne - unabhängig von Merkels Gesundheit.

Viele Texte erinnerten zudem nicht nur an Merkels Zittern in der vergangenen Woche beim Selenskyj-Empfang, sondern auch an ihren Schwächeanfall im Jahr 2017 in Mexiko. Dabei suggerierten die Berichte, dass der jüngste Vorfall einen anderen Hintergrund haben müsse: War es vor zwei Jahren in Mexiko oder vor einer Woche in Berlin sehr heiß und trocken gewesen, so hätten am Mittwoch im klimatisierten Schloss Bellevue doch deutlich kühlere Temperaturen geherrscht.

Im Video: Merkel zittert beim Selenskyj-Empfang

Wofgang Kumm/ DPA

Auch Merkels enger Terminkalender wurde zum Thema: Nach dem G20-Gipfel in Osaka am Freitag und Samstag geht es direkt nach Brüssel, um über das neue Spitzenpersonal der EU zu beraten.

Mittlerweile ist Merkel in Japan eingetroffen. Die Staats- und Regierungschefs der G20 reden hier über die Weltwirtschaft, über den Iran-Konflikt und den Klimawandel. Hinzu kommen zahlreiche bilaterale Treffen. Merkel dürfte besonders genaue Beobachtung der internationalen Presse sicher sein.

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