Angelfreunde Putin und Medwedew Ein Foto und seine Geheimnisse

Was verrät ein Bild über Politiker? Sehr viel. Vor allem wenn es die beiden mächtigsten Männer Russlands bei der Jagd nach Fischen zeigt. SPIEGEL-Redakteur Christoph Schwennicke filetiert den Schnappschuss von Putin und Medwedew mit Kennerblick - er ist selbst passionierter Angler.

AFP / RIA Novosti

Zwei Männer, eine Leidenschaft: ein Stoff, aus dem Filme sind. Wenn zwei Männer zusammen angeln gehen, dann kommen sie meist anders zurück, als sie losgezogen sind, auch wenn sie sich vorher spinnefeind waren. Vielleicht hätten die verfeindeten Männerfreunde Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine an der Saarschleife damals nicht einfach mit ihren Frauen fotogen rumsitzen, sondern ohne Frauen angeln gehen sollen.

Es gibt Beispiele ohne Zahl. Walther Matthau und Jack Lemmon sind als sich leidenschaftliches hassendes und doch nicht voneinander lassendes Angelpärchen ein Klassiker der Kinogeschichte. Auch Helmut Kohl und der damalige indonesische Diktator Suharto gaben vor vielen Jahren schon einmal ein kurioses Debüt als gemeinsame Angler. George W. Bush und sein Kreuzzügler Dick Cheney haben gerne zusammen ausgeworfen. Oder der Film von John Lurie zusammen mit dem Filmemacher und Angel-Dilettanten Jim Jarmusch beim Haiangeln, bei dem sich Jarmusch plötzlich fragt, als würde er aus einem wunderlichen Traum erwachen: "What am I doing here?"

Alles schon tolle Paare. Aber wenn die Russland-Rivalen Wladimir Putin und Dimitrij Medwedew noch ein paarmal zusammen an die Wolga gehen, dann können sie Kohl und Suharto und Jack Lemmon und Walther Matthau und alle noch toppen.

Der Fisch ist politisch

Denn dieses erste Bild ihres Angelausfluges ist einfach so großartig, das schreit nach Wiederholung. Wir sehen zwei Männer mit fiesen dunklen Sonnenbrillen und sandfarbenen Trekking-Klamotten, von denen einer, Medwedew, einen Fisch in der Hand hält, von dem die "Bild"-Zeitung behauptet, es sei ein "Riesenhecht". Wie so oft bei den geschätzten Kollegen ist das halb richtig und halb falsch. Sehr wohl handelt es sich bei dem grün gefleckten Tier mit dem prägnanten Entenschnabel und der spoilerartig nach hinten versetzten Rückenflosse um einen Hecht. Bloß riesig ist er nicht. Vielmehr ist er ziemlich mittel, kein kleiner, kein großer, sondern durch und durch ein Durchschnittshecht, wie ihn jeder Depp im Schwielowsee fangen kann (der Depp war ich selbst, vor zwei Wochen).

Die "Bild"-Zeitung wurde aber auch sofort politisch. Putin habe im Unterschied zu Medwedew nur kleine Fische gefangen, hämte das Blatt. Bei genauerer Betrachtung entpuppten sich Putins kleine Fische als ebenso normalgroße Barsche, die - das muss zu Putins Ehrenrettung gesagt werden - im Übrigen viel wohlschmeckender sind als ein grätiger, etwas muffig riechender Hecht. Es gibt Länder wie Irland und Norwegen, in denen wird mit Grausen darüber geredet, dass die Deutschen Hecht überhaupt essen. Vom Barsch sagt das niemand. Kaum ein Fisch kommt an sein Fleisch heran.

Nun kurz zurück zum Foto und seinen Botschaften. Wir sehen im Hintergrund einen Mann mit Stirnglatze, der an der Kurbel seiner Rolle dreht und so aussieht, als könne er lautlos alles Mögliche töten, ohne dass sein Puls darüber auch nur einen Schlag pro Minute nach oben ginge. Interessanter aber noch ist Medwedew, den wir bislang für die menschliche Variante des kalten KGB-Agenten Putin gehalten haben. Aber was für ein kaltes Grinsen unter der fiesen Brille! Dazu ein Griff, den wir jedem Hecht ersparen würden. Denn was Nichtangler nicht sehen, aber Angler erkennen können: Der Präsident drückt dem Tier mit Daumen und Zeigefinger in die Augenhöhlen. Man kann einen Fisch so sehr gut halten. Der Fisch kann nur hinterher nicht mehr gut sehen, und da Medwedews Hecht nur der Blinker aus dem Maul ragt, liegt die Vermutung nahe, dass der Fisch vor diesem Foto nicht waidgerecht getötet wurde.

Das Foto tut beim Anschauen weh

Das Foto tut beim Anschauen weh, weil man sich leicht vorstellen kann, dass ein ordentlicher KGB-Agent einem Menschen ebenso lächelnd mit den Fingern in die Augenhöhlen drückt.

Und wo bleibt das Positive? Potemkin hat nicht Regie geführt bei dieser Inszenierung der beiden russischen Führer. Es wird sich nie belegen lassen und ist vielleicht auch nur erfunden, aber in Indonesien hält sich hartnäckig das Gerücht, Taucher im Indischen Ozean hätten damals dafür gesorgt, dass Kohl und Suharto seinerzeit nicht nur beide einen Fisch gefangen haben, sondern hätten auch noch darauf geachtet, dass die beiden Fische gleich groß waren.

Oder, halt - ist das am Ende die Botschaft? Ist das die Show? Bei Medwedews Glück wurde nachgeholfen, er darf den größeren Fisch fangen, vor aller Augen? Ist das die eigentliche Botschaft von der Wolga, Putin nimmt sich aus dem Rennen, will nicht wieder Präsident werden? Oder war es ein Unterwasser-Putsch der im Einsatz befindlichen Kampfschwimmer zu Lasten Putins? War der Hecht für Putin gedacht? Absicht, Versehen, Verwechslung, Vorsatz?

Bei öffentlich wettangelnden Männern in Russland sollte man nichts für ausgeschlossen halten.



insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
Denken!, 20.08.2011
1. hoffensichtlich ist sein Buch besser
Zitat von sysopWas verrät ein Bild über Politiker? Sehr viel, findet Christoph Schwennicke. Vor allem wenn es die beiden mächtigsten Männer Russlands bei der Jagd nach Fischen zeigt. Der SPIEGEL-Redakteur filetiert den Schnappschuss von Putin und Medwedew mit Kennerblick - er ist selbst passionierter Angler. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,781294,00.html
,das CH. Schwennicke in der linken Bildleiste anbietet. Von wegen Augengriff. Wahrscheinlich hatte der längst tote Hecht noch eine Maulsperre als 'Haltegriff', sonst wäre Medwedews Hand in akuter Gefahr gewesen. - Und Putins "Barsch" hatte wohl verstrahlte Eltern, oder war schwul, denn der Rückenflosse fehlt die Strahlkraft.
peterhausdoerfer 20.08.2011
2. Patternicity
beschreibt die Tatsache das unser Gehirn ständig auf der Suche nach Mustern ist und diese auf findet sogar dort wo keine sind. Wer kennt es nicht, die Wolke am Himmel die aussieht wie etwas bestimmtes. Aber sie ist und bleibt nur eine Wolke. Patternicity ist auch was manche dazu treibt Verschwörungstheorien aller Art aufzustellen. Ich sehe auf den Bildern zwei Männer die Angeln, die sich wohl volksnah zeigen wollen. Und das dem Hecht weh getan wird, möchte ich nicht bezweifeln. Die meisten Fische die wir zu essen bekommen ersticken. Die Fischindustrie kennt keinen weidgerechten Luxustod. Was mir auffällt, ist das in dem Artikel nichts gutes über den Ausflug dieser Herren in die Natur berichtet wird. Sagt das etwas über den Autor aus oder ist das Patternicity ?
cientis 20.08.2011
3. Vielleicht
ist der Barsch auch ein Alien?! Schonmal daran gedacht, Herr Autor?!
ratzfatzz 20.08.2011
4. Zeitvertreib: töten
Ja, so ist das, wenn man aus reiner Lust und ohne Sinn zum Zeitvertreib Tiere tötet. Diese Leute waren schon immer suspekt. Aber es sagt immerhin viel über die Psyche solcher Menschen aus. "eine angelrute ist ein dünnes, langes und rundes instrument, an dessen einer seite ein wurm und an der anderen ein idiot hängt."
AdamCasher 20.08.2011
5. Vielleicht ein Schuss Logik?
Zitat von peterhausdoerferbeschreibt die Tatsache das unser Gehirn ständig auf der Suche nach Mustern ist und diese auf findet sogar dort wo keine sind. Wer kennt es nicht, die Wolke am Himmel die aussieht wie etwas bestimmtes. Aber sie ist und bleibt nur eine Wolke. Patternicity ist auch was manche dazu treibt Verschwörungstheorien aller Art aufzustellen. Ich sehe auf den Bildern zwei Männer die Angeln, die sich wohl volksnah zeigen wollen. Und das dem Hecht weh getan wird, möchte ich nicht bezweifeln. Die meisten Fische die wir zu essen bekommen ersticken. Die Fischindustrie kennt keinen weidgerechten Luxustod. Was mir auffällt, ist das in dem Artikel nichts gutes über den Ausflug dieser Herren in die Natur berichtet wird. Sagt das etwas über den Autor aus oder ist das Patternicity ?
Was mir auffällt, ist das sie einfach mal `nen Begriff raushauen, ohne wirklich zu sagen, was sie meinen. So kann man natürlich nicht viel falsch machen. Und..wenn jemand nichts gutes über die NAtur berichtet..inwiefern wäre denn das bitte ein Fall von Patternicity? Abgesehen davon, dass es eher wenig mit Verschwörungstheorien zu tun hat, wenn man dbehauptet, dass das Bild kein zufälliger Schnappschuss ist. Sind ja nicht zwei Kumpel, die mal zum Spaß angeln gehen. Und das niemand mit dem kleineren Fisch gezeigt werden will..sollte doch auch nachvollziehbar sein.
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