Angriff auf Bin Laden Rätselhafte 38 Minuten

Beim Einsatz gegen Osama Bin Laden trafen die Navy Seals laut "New York Times" auf weniger Widerstand als bislang angenommen. Die Spezialkräfte überrumpelten die Bewacher des Qaida-Chefs - Bin Laden selbst hatte ein Sturmgewehr in Reichweite, ergriff es aber nicht.

REUTERS

Hamburg - Was geschah tatsächlich beim Sturm auf das Haus, in dem sich Osama Bin Laden inmitten einer Großfamilie versteckt hielt? In der "New York Times" ist eine neue Beschreibung des Einsatzes aufgetaucht, bei dem die Navy Seals den Qaida-Chef töteten.

Die Zeitung rekonstruiert den Überfall auf das Anwesen, sie beruft sich auf Details, die aus dem Umfeld der Regierung stammen sollen - und schlussfolgert, dass die Gegenwehr der Bin-Laden-Getreuen weitaus weniger stark ausgefallen sein muss als bisher gedacht.

Der Kampf auf dem Anwesen sei "extrem einseitig" gewesen, schreibt die Zeitung. Die Gruppe von mehr als 20 Navy Seals habe die "Handvoll Männer", die Bin Laden schützen sollte, rasch überwältigt. Von den Menschen, die sich im Gebäude aufhielten, sei nur zu Anfang des Einsatzes geschossen worden: als Bin Ladens Kurier Abu Ahmed al-Kuwaiti das Feuer auf die Soldaten eröffnete. Er hatte sich hinter der Tür eines Gästehauses gegenüber der eigentlichen Residenz versteckt und wurde von den US-Spezialkräften erschossen, ebenso wie eine Frau, die sich im Gästehaus aufhielt. Danach, schreibt die "New York Times", habe während des Einsatzes niemand mehr auf die Navy Seals geschossen.

Die Darstellung dessen, was sich genau abgespielt hat während des Einsatzes, hat sich in den vergangenen Tagen immer wieder graduell verändert. Das Pentagon hatte noch am Dienstag mitteilen lassen, die Marinesoldaten hätten unter ständigem Beschuss gestanden. Auch CIA-Chef Leon Panetta hatte sich so geäußert. Zudem hieß es zunächst, Osama Bin Laden habe sich gewehrt, dann musste sich das Weiße Haus korrigieren und einräumen, dass er unbewaffnet war.

Als die Einsatzkräfte in die Residenz eindrangen, sei ihnen dort der Bruder des Kuriers begegnet, schreibt die Zeitung. Sie seien davon ausgegangen, dass er bewaffnet war und schießen wollte, und hätten ihn deswegen erschossen. Auf dem Weg in den ersten Stock töteten die Männer Bin Ladens Sohn Chalid, der sich auf die Angreifer habe stürzen wollen. Im obersten Geschoss stürmten sie einen Raum, in dem sich Osama Bin Laden aufhielt, "mit einer AK-47 und einer Makarow-Pistole in Reichweite". Bin Laden sei daraufhin erschossen worden, eine Frau, die sich ebenfalls im Raum befand, wurde verletzt.

Die Verzögerung und immer neuen Anpassungen der Details erklärt die Quelle der "New York Times" damit, dass Zeit benötigt worden sei, um die Angaben der Navy Seals ordentlich durchzugehen. Die Männer seien direkt beim Anflug beschossen worden und deswegen davon ausgegangen, dass alle Personen auf dem Gelände bewaffnet waren.

Doch keine Luxusresidenz?

Außenministerin Hillary Clinton bezeichnete die Mission als "die intensivsten 38 Minuten meines Lebens". Auf die Frage, was genau auf dem Bildschirm zu sehen war, als der Fotograf des Weißen Hauses die Gruppe um US-Präsident Obama ablichtete, gab sie keine präzise Antwort. Auf dem Foto hält sich Clinton die Hand vor den Mund, sie wirkt erschrocken. Sie sei nicht mehr sicher, was sich in dieser "Millisekunde" in Abbottabad abgespielt habe, möglicherweise habe sie auch nur ein allergisches Niesen unterdrücken wollen. "Es kann sein, dass das gar nichts zu bedeuten hat", sagte sie.

Auch die ersten Angaben zum Unterschlupf Bin Ladens erscheinen nun in neuem Licht. Schon kurz nach der Militäraktion auf dem Gelände in Abbottabad, verbreiteten US-Regierungskreise die Version, das Anwesen habe einen geschätzten Wert von rund einer Million Dollar - eine Summe, die aus dem dreistöckigen Haus schnell eine Luxusresidenz werden ließ. Daran kann man inzwischen zumindest zweifeln.

Grundbucheinträge weisen für einige Parzellen des Grundstücks nur einen Wert von 48.000 US-Dollar, die in den Jahren 2004 und 2005 in mehreren Raten als Kaufpreis bezahlt wurden. Dazu kommt, dass die Bilder, die im Inneren des Hauses gemacht wurden, nicht eben den Eindruck goldener Wasserhähne oder besonderer Pretiosen erwecken. Im Gegenteil: Räume und Einrichtung wirken eher schlicht.

"Bin Laden hat bequem im Vorstadthaus gesessen"

US-Sicherheitskreise beharren jedoch darauf, dass ihre ersten Schätzungen nicht übertrieben gewesen seien. "Abbottabad ist eine relativ wohlhabende Stadt in Pakistan, und der Wert des Anwesens wurde nach einer gründlichen Analyse der Immobilienpreise dort vorgenommen", zitiert die "Washington Post" einen namentlich nicht genannten Geheimdienstvertreter. Das Anwesen stehe auf einer großen Fläche Land, die zu seinem Wert beitrage. Das Haus sei mit dem Begriff "Villa" am besten beschrieben, betonte ein anderer Offizieller gegenüber der Zeitung.

Der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates, Tommy Vietor, sieht ebenfalls keinen Grund, die Informationen über den Lebensstil Bin Ladens zu korrigieren. "Er hat bequem in seinem Vorstadthaus gesessen, während er andere in den Kampf geschickt hat. Ich weiß nicht, was an dieser grundsätzlichen Feststellung nicht wahr sein sollte", sagte Vietor laut "Washington Post".

Dennoch gib es im Kongress Unmut, dass sich die Regierung bei den Angaben über den Ablauf der Militäraktion wiederholt korrigieren musste. "Warum haben sie nicht einfach mal gesagt: Ich weiß es nicht?", klagte der republikanische Abgeordnete Pete Sessions aus Texas in der Zeitung. "Das sind unerfahrene Leute, die nicht wirklich wissen, was sie tun oder wovon sie reden, aber trotzdem Antworten geben."

Andere Republikaner jedoch verteidigten das Weiße Haus. Der Abgeordnete Dan Lungren erklärte, er habe keinen Grund zu der Annahme, dass der Stab des Präsidenten Tatsachen verdrehe. "Das einzige Problem ist, dass sie versucht haben, die Welt detailliert zu informieren, bevor sie die beteiligten Soldaten eingehend befragen konnten", sagte Lungren. Zurückblickend würde man sich sicher auch im Weißen Haus eingestehen, dass es wohl besser gewesen wäre, die abschließende Befragung der Navy Seals abzuwarten.

Washington wollte keinen Märtyrer erschaffen

Die US-Regierung erklärte ihre Informationspolitik mit dem Ziel, die Öffentlichkeit möglichst zeitnah auf dem Laufenden zu halten, da es sich um eine Aktion gehandelt habe, die nach dem 11. September 2001 Millionen von Amerikanern betreffe. Unbedingt habe man auch ein Informationsvakuum vermeiden wollen, in das Bin Ladens Anhänger hätten stoßen können, um ihren Anführer zum Märtyrer zu stilisieren.

Immerhin hat die Obama-Regierung aus den PR-Katastrophen der Bush-Regierung im Zusammenhang mit Militäreinsätzen gelernt. Das amerikanische Volk erinnert sich schließlich noch gut daran, wie es den populären Ex-Footballer Pat Tillmann als Helden feierte, nachdem dieser im Krieg in Afghanistan gefallen war - angeblich in einem aufopferungsvoll geführten Gefecht. Später stellte sich heraus, dass er "friendly fire" zum Opfer fiel. Oder an die Geschichte von Jessica Lynch, die Kameraden schwer verwundet aus dem Irak gerettet haben sollten. Tatsächlich bestand die erst als dramatisch geschilderte Rettungsaktion darin, dass Elitesoldaten die Verletzte aus der Obhut unbewaffneter Ärzte und Krankenschwestern aus einem Krankenhaus holten.

Die Wahrheit kam in diesen Fällen nur langsam ans Licht. Im Fall Osama Bin Laden dagegen beeilt sich das Weiße Haus stets, fehlerhafte Angaben zu korrigieren. Mit weiteren Informationen will man nun aber grundsätzlich zurückhaltender sein. Am Mittwoch erklärte Obamas Sprecher Jay Carney, man sei mit Informationen so freigiebig gewesen wie möglich. Nun aber sei man "an einem Punkt angekommen, an dem wir unsere Fähigkeit schützen müssen, künftig weitere böse Jungs zur Strecke zu bringen, vielleicht auf die gleiche Art und Weise wie diesen."

ffr/phw

insgesamt 7405 Beiträge
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Seite 1
Greg84 02.05.2011
1.
Schlag gegen den Terror? Eher nicht. Ich glaube kaum, dass bin Laden noch an der Spitze der al-Qaida stand, vielleicht hatte er sich auch komplett aus dem "Geschäft" zurück gezogen. Das einzige was der Schlag gegen bin Laden gebracht hat ist die Schaffung eines weiteren Märtyrers. Für Obama hätte der Zeitpunkt allerdings kaum besser sein können. Politisch läuft es für verdienten Träger des Friedensnobellpreises nicht grade perfekt, da hilft so ne positive Nachricht schon unheimlich weiter.
endbenutzer 02.05.2011
2. Mission beendet
Hat George W. Bush eigentlich schon der Familie Bin Laden sein Beileid ausgesprochen? Unter alten (Geschäfts-) Freunden ist das doch so üblich. Oder lebt Bin Laden doch noch und man wollte eigentlich nur die nunmehr fast genau 10-jährige Mission "Krieg gegen Terror" zum bürgerfreundlichen Abschluss bringen? Merkwürdig: Gerade jetzt, da Obama und die gesamten USA in punkto Staatsverschuldung praktisch mit dem Rücken zur Wand stehen, wird für den amerikanischen Otto Normalverbraucher wieder einmal ein toller Grund geliefert, die Fahne zu schwingen und mit der Hand auf dem Herzen die Nationalhymne zu singen. Super Drehbuch...
G_Schwurbel 02.05.2011
3. weder noch
Zitat von sysopEr war der meistgesuchte Mann der Welt: Osama Bin Laden, der Anführer des Terrornetzwerks al-Qaida, ist tot. US-Spezialkräfte haben ihn bei einer Kommandoaktion in Pakistan getötet. Wir die weltweite Terrorgefahr nun geringer?
Die Welt wird durch seinen Tod weder sicherer noch unsicherer. Al Quaida ist ein Netzwerk, es würde mich wundern, gäbe es für Bin Laden keinen Nachfolger (seinen Tod hat er schließlich einkalkuliert). Vielleicht hat er auch vorher als Rache für seine Tötung den Auftrag erteilt, direkt danach Attentate zu verüben? Alles denkbar...
Hubatz 02.05.2011
4. Beweise
Dieser Mann ist ein Mysterium. Ich halte nicht viel von Verschwörungstheorien aber Beweisfotos oder besser Videos würden mich erfreuen.
lucario.75 02.05.2011
5. bin laden
Die Fernsehbilder der Freude hunderter Amerikaner, (nachvollziehbar) werder viele radikale Islamisten für ihre Propaganda nutzen um die Angst der Menschen auf der ganzen Welt weiter zu schüren und Terroranschläge zu planen. Ich selber Wohne nur ein paar Strassen weiter wo vor ein paar tagen Terroristen festgenommen worden sind, die konkrete Anschlägen zu Zeitnahen Ereignissen mit erheblichen Menschenaufkommen verübt werden sollte.
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