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Sturm auf britische Botschaft: Brennende Flagge, kaputte Scheiben

Foto: Abedin Taherkenareh/ dpa

Angriff auf britische Botschaft "Das waren organisierte Kräfte des Regimes"

Der Sturm auf die britische Botschaft in Teheran hat weltweit Empörung ausgelöst. Selbst iranische Beobachter sind sich sicher: Der Angriff war vom Regime inszeniert - und es könnten Attacken auf weitere westliche Botschaften folgen.
Von Mohammad Reza Kazemi

Tag eins nach dem Sturm auf die britische Botschaft in Teheran: Bei Vertretern westlicher Regierungen sitzt der Schock über den Angriff noch immer tief. Das britische Außenministerium hat seine Mitarbeiter in Teheran abgezogen, die Botschaft blieb am Mittwoch geschlossen. Am Nachmittag wies Großbritannien alle iranischen Diplomaten aus. Zahlreiche Staaten erklären sich mit Großbritannien solidarisch. Auch Norwegen hat seine Botschaft in der iranischen Hauptstadt geschlossen, als Begründung nannte die Regierung in Oslo Sicherheitsbedenken. Der Uno-Sicherheitsrat verurteilte den Angriff.

Die Bilder von der Attacke am Mittwoch haben ihre Wirkung getan: die brennende britische Flagge. Wütende Männer, die über das Eingangstor der Botschaft klettern und mit Stöcken Scheiben zerschlagen, Feuer legen. Und vor allem: Dutzende Sicherheitskräfte, die in aller Seelenruhe vor dem Tor stehen und sich nicht dafür zu interessieren scheinen, was nur wenige Meter hinter ihrem Rücken geschieht.

Irans Regime hat den Botschaftssturm also zumindest geduldet - oder sogar aktiv orchestriert?

Die Signale aus dem Machtapparat sind widersprüchlich. Die staatlichen Medien nennen die Angreifer "selbstmobilisierte Studenten", die "ihre Kritik an der feindlichen Politik Großbritanniens gegenüber der Islamischen Republik" zum Ausdruck bringen wollten. Hintergrund ist demnach der Atomstreit zwischen dem Westen und Teheran. Das iranische Außenministerium verurteilte die Erstürmung und bezeichnete sie als "inakzeptables Verhalten einiger weniger Protestierender", die nicht von der Regierung "genehmigt" worden sei. Der stellvertretende iranische Polizeichef Ahmed-Resa Radan beeilte sich laut der staatlichen iranischen Nachrichtenagentur Irna, am Mittwoch zu beteuern: Es seien "alle Maßnahmen" getroffen worden, um "alle an dem Angriff beteiligten Demonstranten festzunehmen".

Das ist die offizielle Linie des Regimes: eine spontane Aktion von Studenten.

"Mit Studenten hatte das nichts zu tun"

Doch Kenner des Landes sehen das anders. Die Angreifer seien gar keine Studenten gewesen, sagt Mohammad Reza Heidari, ehemaliger iranischer Konsul in Oslo, der im Jahr 2010 aus Protest gegen die brutale Unterdrückung der Opposition von seinem Posten zurücktrat. "Das waren organisierte und ausgebildete Kräfte des Regimes, die von der Revolutionsgarde und der Polizei geschützt werden. Das sind dieselben Leute, die bei den Protesten gegen die Fälschung der Präsidentschaftswahlen von 2009 Demonstranten angegriffen und zusammengeschlagen haben."

Ähnlich sieht es Fatemeh Haghighatdschu, bis 2004 iranische Parlamentsabgeordnete, die heute in den USA lebt. "In Iran dürfen sich noch nicht mal fünf Regimekritiker öffentlich versammeln - wie soll es da möglich sein, dass Hunderte Aktivisten unbehelligt eine Botschaft angreifen?", sagt sie. "Es gibt keinen Zweifel, dass diese Aktion von staatlichen Machtzentren koordiniert worden ist. Mit Studenten hatte das nichts zu tun."

Auch viele Iraner erinnerten die Szenen vom Dienstag an den November 1979, als sogenannte "Pro-Chomeini-Studenten" die US-Botschaft in Teheran gestürmt und Dutzende US-Diplomaten als Geisel genommen hatte. Ex-Parlamentarierin Haghighatdschu sieht allerdings einen Unterschied zu damals: "Ohne die Aktion rechtfertigen zu wollen: Die Besetzung der US-Botschaft damals war tatsächlich eine Initiative von Studenten, die wütend waren über das Verhalten Washingtons, vor allem wegen dem Putsch gegen die Regierung des Premierminister Mosaddegh und die US-Unterstützung für den Schah. Der Führer der Islamischen Republik unterstützte die Aktion erst nachträglich", sagt sie. "Aber was jetzt in Teheran geschehen ist, ist von Anfang an von Akteuren innerhalb des Machtapparats organisiert worden."

"Jahre und Jahrzehnte von England beleidigt"

Zu dieser Einschätzung passen die wohlwollenden Reaktionen staatlicher Medien und einiger Politiker auf die Attacke. Die Nachrichtenagentur Irna zitierte Alaeddin Borudscherdi, den Vorsitzenden des parlamentarischen Ausschusses für nationale Sicherheit, mit den Worten, die Aktion sei "die Verkörperung unschuldiger Gefühle der Studenten". Sein Parlamentskollege Mahmud Ahmadi behauptet, die Erstürmung der Botschaft sei der "Wille der ganzen iranischen Nation" gewesen, die "Jahre und Jahrzehnte von England beleidigt worden ist."

Hamid Rasaei, ein weiterer iranischer Parlamentsabgeordneter, hat sogar selbst an der Aktion teilgenommen und dabei eine Hetzrede gegen Großbritannien gehalten. "Die Briten haben während des Iran-Irak-Kriegs in den achtziger Jahren Saddam Hussein mit Chemie-Waffen beliefert und nach dem Krieg die Terroristen unterstützt", wettert er - und bezeichnet die britische Botschaft als "Spionagenest". Er erwähnt den Beschluss des iranischen Parlaments vom Sonntag, in dem die Ausweisung des britischen Botschafters gefordert worden war, und fügt hinzu: "Dieser Beschluss hat den Zorn der Bevölkerung und Studenten gemildert - sonst wäre heute die britische Botschaft dem Erdboden gleichgemacht worden." Deutlicher könnte eine Drohung kaum sein.

Eine Frage aber können sich die meisten Beobachter am Tag nach dem Angriff nur schwerlich erklären: Welchen Nutzen hat das Regime in Teheran von einer solchen gewalttätigen Aktion, die weltweit Empörung auslöst? "Nichts, außer verstärkter Isolation", sagt Ex-Diplomat Reza Heidari. Trotzdem hält er es sogar für möglich, dass als Reaktion auf die erweiterten Sanktionen gegen Teheran in Zukunft noch weitere Botschaften westlicher Staaten angegriffen werden könnten.

Eine Aussage des konservativen iranischen Parlamentariers Mohammad Esmail Kosari bestätigt diese Befürchtung: "Großbritannien und seine Verbündeten sollten aus der Aktion der Studenten eine Lektion ziehen", sagte Kosari in einem Interview mit der Nachrichtenagentur ISNA. "Wenn diese Länder ihr Verhalten nicht verbessern, sollten sie mit weiteren Maßnahmen rechnen." Noch eine unverhohlene Drohung.

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