Angriff auf Bundeswehr in Kunduz Tödlicher Anschlag entfacht Debatte über deutschen Afghanistan-Einsatz

Selbstmordanschlag mit politischen Folgen: Der Tod von drei deutschen Soldaten in Afghanistan hat die Diskussion über den Einsatz der Bundeswehr neu angeheizt. In der SPD werden Stimmen laut, das Mandat nicht zu verlängern.

Berlin - Nach dem Tod von drei Bundeswehrsoldaten in Afghanistan rechnen SPD-Politiker mit Schwierigkeiten bei der Verlängerung des Mandats. "In der SPD-Fraktion war die Diskussion darüber ohnehin schwierig", sagte der SPD-Außenpolitiker Rolf Mützenich der "Welt am Sonntag". Wenn es im Herbst um eine Verlängerung des Mandats gehe, "wird natürlich auch ein solch schrecklicher Anschlag Einfluss auf den Entscheidungsprozess haben".

Bei einem Selbstmordanschlag in der nordafghanischen Stadt Kunduz waren heute Morgen drei Bundeswehrsoldaten ums Leben gekommen, weitere Soldaten wurden verwundet. Die Entscheidung über ein längeres Mandat für die Bundeswehr steht im Oktober an. Zuletzt hatten 69 SPD-Abgeordnete bei der Bundestags-Entscheidung zur Entsendung von Aufklärungs-Tornados im März mit Nein gestimmt.

Der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Rainer Arnold, sagte, seine Partei wolle noch im Juni eine Bundestagsdebatte anlässlich des 15. Jahrestags der ersten Auslandseinsätze der Bundeswehr führen. Die Union sperre sich aber noch, sagte Arnold.

Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) lehnte eine Änderung des Bundeswehr-Einsatzes in Afghanistan kategorisch ab. Man müsse den Soldaten den Rücken stärken, statt über ihren Einsatz zu debattieren.

Nach Jungs Angaben stammen die drei getöteten Soldaten aus Hessen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein. Darüber hinaus seien zwei Soldaten schwer und drei weitere sowie ein afghanischer Dolmetscher leicht verletzt worden. Zudem seien fünf afghanische Zivilisten getötet und sechzehn verletzt worden. Die verletzten Bundeswehrangehörigen sollen morgen nach Deutschland ausgeflogen werden.

Die Taliban bekannten sich offen zu dem Anschlag. Am Nachmittag erschien auf einer von vielen Terrororganisationen für Bekennerschreiben genutzten dschihadistischen Website die regelmäßige Zusammenstellung der "Ergebnisse der militärischen Operationen Eurer Brüder, der Soldaten des Islamischen Emirats der Taliban in Afghanistan". Ohne jede Ausschmückung wird dort auch der heutige Anschlag auf die deutsche Bundeswehr erwähnt: "Tötung 11 deutscher Soldaten durch einen Selbstmordanschlag in der nördlichen Region Kunduz", heißt es dort knapp. Die Taliban sind bekannt dafür, die Zahl ihrer Opfer zu übertreiben.

Jung kündigte eine intensive Fahndung nach den Hintermännern der Tat an. Es werde alles getan, um "die Drahtzieher dingfest zu machen", sagte er auf einer Pressekonferenz im Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Geltow bei Potsdam. Der Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Peter Wichert, sowie ein General aus dem Ministerium seien in Afghanistan an den Ermittlungen gegen die Täter beteiligt.

CDU-Außenpolitiker Andreas Schockenhoff sagte der "Welt am Sonntag", bei Erteilung des Einsatzmandats sei jedem bewusst gewesen, "dass es mit Risiken für Leib und Leben unser Soldaten verbunden ist". Darum dürfe nun nicht so getan werden, "als sei eine neue Situation entstanden".

Der verteidigungspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Bernd Siebert (CDU), sagte dem "Tagesspiegel am Sonntag": "Es wird auch in Zukunft Anschläge geben." Dies betreffe auch den Norden des Landes. Die deutsche Strategie in Afghanistan sei aber richtig. Es gebe jedoch Engpässe bei der Ausstattung, die beseitigt werden müssten. Dies betreffe geschützte Fahrzeuge und besondere Sicherheitseinrichtungen. "Der Anschlag vom Samstag muss dem Bundestag eine Mahnung sein", sagte Siebert.

Auch SPD-Politiker Arnold, sagte, es gehöre zum Auftrag der Bundeswehr in Afghanistan, auf die Bevölkerung zuzugehen. "Wenn wir Kontakt zur Bevölkerung suchen, kann es keine absolute Sicherheit vor Selbstmordanschlägen geben."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) reagierte bestürzt auf den Tod der drei deutschen Soldaten. "Dieser perfide Mord erfüllt uns alle mit Abscheu und Entsetzen", sagte sie. "Unser tiefes Mitgefühl gilt den Angehörigen unserer Soldaten und der getöteten afghanischen Zivilisten".

Bei dem Anschlag waren auch mehrere Zivilisten ums Leben gekommen. Nach Angaben der afghanischen Behörden hatte der Selbstmordattentäter zugeschlagen, als die deutschen Soldaten auf einem belebten Markt in der nordafghanischen Stadt ihr Patrouillenfahrzeug verließen. Zu dem Anschlag bekannten sich die radikal-islamischen Taliban.

"Solche Anschläge kann es in ganz Afghanistan geben"

Der ranghöchste deutsche General in Afghanistan, Bruno Kasdorf, warnte nach dem Anschlag davor, die gesamte ISAF-Mission in Frage zu stellen. Kasdorf sagte der ARD, der deutsche Ansatz in Nordafghanistan, Kontakt zur Bevölkerung zu suchen, sei bisher erfolgreich gewesen. Er betonte aber auch: "Ich mache mir große Sorgen um das, was dort passiert ist. Das macht deutlich, dass es in ganz Afghanistan solche Anschläge geben kann."

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) betonte ebenfalls die Bedeutung des deutschen Engagements in dem ehemaligen Bürgerkriegsland: "Der Auftrag, den die Bundeswehr im Norden des Landes übernommen hat, ist ein zentraler Beitrag zur Stabilisierung Afghanistans."

Neben dem tödlichen Selbstmordattentat in Kunduz hat es am Samstag nach Angaben des Verteidigungsministeriums noch einen zweiten Anschlag außerhalb der nordafghanischen Stadt gegeben. Die Umstände des Zwischenfalls, bei dem offenbar niemand zu Schaden kam, seien aber noch unklar, sagte ein Ministeriumssprecher.

Mehr als hundert tote Taliban-Kämpfer

Unterdessen sind bei schweren Gefechten in Afghanistan mehr als 100 Kämpfer der radikal-islamischen Taliban getötet worden. Allein in der südostafghanischen Provinz Paktia kamen nach offiziellen afghanischen Angaben mehr als 70 Taliban ums Leben. Paktias Polizeichef Abdul Rahman Sarjang sagte, bei den Kämpfen am Vortag seien auch Luftangriffe der US-geführten Koalitionstruppen geflogen worden. Unter den getöteten Rebellen seien Tschetschenen, Araber und Pakistaner gewesen.

Auch ein afghanischer Polizist sei bei der gemeinsamen Operation afghanischer Sicherheitskräfte und der Koalitionstruppen getötet worden. Die Kämpfe entbrannten nach einem Angriff der Aufständischen. Die Koalitionstruppen bestätigten die achtstündigen Kämpfe, sprachen jedoch nur von mehreren getöteten Taliban, ohne Zahlen zu nennen.

Mehrere Dutzend weitere Taliban-Kämpfer wurden nach Angaben der Koalition ebenfalls am Freitag bei einem US-Luftangriff in der Provinz Kapisa nördlich von Kabul getötet. Zivilisten seien nicht zu Schaden gekommen. Luftangriffe der internationalen Truppen in Afghanistan haben in den vergangenen Wochen Dutzende Zivilisten getötet und zu Massenprotesten im Land geführt.

Bei weiteren Kämpfen töteten afghanische Soldaten und Koalitionstruppen nach einem Angriff auf einen Fahrzeugkonvoi ebenfalls in Kapsia am selben Tag mindestens 20 Taliban, wie der Provinzgouverneur mitteilte. In der westlichen Provinz Farah starben nach afghanischen Polizeiangaben am Donnerstag 14 Taliban bei einem Luftangriff der Koalition auf einen Rebellen-Konvoi.

Nach dem Ende des Winters haben die Taliban ihre Angriffe wieder verstärkt. Bei den Gefechten sind seit Jahresbeginn mehr als 1400 Menschen, zumeist Aufständische, ums Leben gekommen.

wal/yas/AFP/Reuters/AP/dpa

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