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Krawall in Kairo: Sturm auf Israels Botschaft

Foto: Amr Nabil/ AP

Angriff auf israelische Botschaft in Kairo Die Panzertür als letzte Rettung

Vor der Tür ein tobender Mob, der Botschafter geflohen, am Telefon Ministerpräsident Netanjahu: Sechs Israelis fürchteten beim Sturm auf die diplomatische Vertretung in Kairo um ihr Leben. Jerusalem ist alarmiert - und in Ägyptens Hauptstadt gibt es neue Krawalle.

Es sind solche Momente, für die Panic Rooms gebaut werden: Sechs Angehörige der israelischen Botschaft in Kairo wurden in der Nacht stundenlang von einem aggressiven Mob belagert. Anscheinend trennte sie nur eine letzte Tür von mindestens 30 aufgebrachten Ägyptern, die sich bis in die Wartezimmer der im 18. bis 21. Stock eines Wohnhochhauses untergebrachten Vertretung vorgearbeitet hatten und dort randalierten. Einer riss die am Haus angebrachte israelische Flagge aus ihrer Halterung. Angefeuert wurden die Angreifer von Tausenden, die es nicht gewagt hatten, an der Fassade hochzuklettern und unten auf der Straße Hassparolen skandierten.

Wie Ernst die Lage war, zeigen Details der Belagerung, die am Samstagmorgen bekannt wurden: Während Botschafter Itzhak Levanon und 80 Mitarbeiter sowie deren Familien schon kurz nach Beginn des Angriffs mit einer israelischen Militärmaschine aus Kairo ausgeflogen wurden, verhinderte die aufgebrachte Menge die Flucht der sechs Diplomaten und Sicherheitskräfte aus dem Gebäude. Dort eingeschlossen, harrten die sechs nun auf ihre Rettung - oder darauf, dass die Meute in den letzten, eigens gesicherten Teil der Vertretung eindringen würde. Per Standleitung verfolgte ein zusammengetrommelter Krisenstab in Jerusalem die Geschehnisse an der Universitäts-Brücke im Zentrum Kairos.

Dass in Jerusalem durchaus damit gerechnet wurde, dass die Episode blutig enden könnte, zeigt die Anteilnahme auf höchster Ebene: Dreimal telefonierte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu im Laufe der Nacht mit den Eingeschlossenen, sprach ihnen Mut zu und versicherte, alles in seiner Macht stehende zu tun, um sie zu retten. Die sechs Festsitzenden sollen dem Vernehmen nach mit dem Schlimmsten gerechnet haben. Einige von ihnen hätten Netanjahu gesagt, sie fürchteten um ihr Leben. Sie sollen dem Regierungschef aufgetragen haben, letzte Grüße an ihre Familien auszurichten, schreibt die "Jerusalem Post".

"Desaster" abgewendet

Im Morgengrauen wurden die Israelis dann von einem Kommando ägyptischer Spezialeinheiten gerettet und zum Flughafen eskortiert. Eine bereits wartende Maschine der israelischen Luftwaffe nahm die Nachzügler auf, inzwischen sind sie sicher in Israel gelandet. "Der Angriff eines Mobs auf die israelische Botschaft in Kairo ist ein ernster Zwischenfall. Aber es hätte schlimmer ausgehen können, wenn die Randalierer es geschafft hätten, durch die letzte Tür zu brechen und unsere Leute zu verletzen", sagte Netanjahu nach der Rettung. Er sei glücklich, dass man es geschafft habe, "ein Desaster" abzuwenden.

Die Bilanz der Nacht ist dennoch verheerend: Drei Menschen kamen nach Angaben des ägyptischen Gesundheitsministeriums ums Leben, mehr als tausend wurden verletzt. Darunter seien auch 46 Polizisten und Soldaten.

Der Vorfall markiert einen neuen Tiefpunkt in der schwierigen Beziehung zwischen Ägypten und Israel. Seit dem Fall von Diktator Husni Mubarak im Februar ist der Druck auf die ägyptische Militärregierung, den Frieden zu seinem ungeliebten Nachbarn aufzukündigen, zunehmend größer geworden. Mehrere Male versammelten sich Tausende vor der Botschaft, um gegen die Politik Israels zu demonstrieren. Vor zwei Wochen hatte es schon einmal ein junger Mann gewagt, die Fassade zu erklettern und die israelische Flagge abzuhängen.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) verurteilte den jüngsten Angriff auf die Botschaft. Er erwarte, dass die ägyptischen Behörden den Schutz der Vertretung gemäß den internationalen Verpflichtungen sicherstellten, teilte das Auswärtige Amt mit. Eine weitere Eskalation müsse unbedingt vermieden werden.

Neue Krawalle am Samstag

Doch schon am Morgen gab es in Kairo neue Zusammenstöße zwischen Demonstranten und der Polizei. Protestierer hätten eine Straße blockiert und die Sicherheitskräfte mit Steinen und Flaschen beworfen, berichtete das ägyptische Staatsfernsehen. Ministerpräsident Issam Scharaf rief sein Kabinett für Samstag zu einer Krisensitzung zusammen. Laut der ägyptischen Zeitung "al-Ahram" kursieren in der Hauptstadt Gerüchte über einen Rücktritt der Regierung, weil sie die Situation nicht unter Kontrolle bekommen habe. Scharaf steht einer Übergangsregierung vor, doch die eigentliche Macht liegt beim Militärrat.

Nun wäre die Sorge in Jerusalem nicht so groß, wenn es sich bei den Aktionen um spontane Ausschreitungen handeln würde. Doch die Demo vom Freitag war augenscheinlich orchestriert: Pünktlich um 17 Uhr trafen sich Tausende mit Hammer, Meissel und Brechstangen bewaffnet vor der Botschaft, um eine Schutzmauer abzutragen, die erst Tage zuvor errichtet worden war. Stundenlang ließen die ägyptischen Sicherheitskräfte die Aufrührer gewähren, bevor sie eingeschritten seien, berichtet "al-Ahram". Es scheint, als wolle sich die ägyptische Führung den Volkszorn zunutze machen, um politischen Druck auf Israel auszuüben.

Ägypten versucht, Israel zu einer versöhnlicheren Politik gegenüber den Palästinensern zu bewegen. Auch will Kairo durchsetzen, dass Jerusalem sich Ägypten gegenüber respekt- und rücksichtsvoller erweist. Nur so kann die Führung dem unwilligen Volk verkaufen, warum es an dem Frieden mit dem jüdischen Staat festhält. Die Beziehungen zwischen den beiden Partnern haben zusätzlich gelitten, weil israelische Truppen auf der Sinai-Halbinsel versehentlich fünf ägyptische Grenzsoldaten töteten. Die israelische Regierung hat sich offiziell entschuldigt, dennoch fordern die ägyptischen Demonstranten einen generellen Kurswechsel im Verhältnis zu dem Nachbarstaat.

Jerusalems Repräsentanten in Kairo sind in der Nacht zum Samstag noch mal glimpflich davongekommen. Doch der Beziehung zwischen Ägypten und Israel ist schwerer Schaden zugefügt worden. Ein einziger Diplomat, der Stellvertreter des Botschafters, ist in Kairo zurückgeblieben, um die Vertretung zumindest symbolisch offen zu halten. Doch de facto ist eine von nur zwei Botschaften Israels in der arabischen Welt - die andere steht im jordanischen Amman - ab heute geschlossen.