Angriff auf Mumbai Protokoll eines mörderischen Feldzugs

Die Mordserie von Mumbai war das akribisch ausgeführte Werk eines kleinen Terrorkommandos. Die Attentäter, mutmaßlich in Pakistan geschult, ermordeten mindestens 172 Menschen und hielten drei Tage die Welt in Atem - SPIEGEL ONLINE rekonstruiert den Angriff auf die indische Metropole.

Mumbai - Zehn junge Männer sollen es gewesen sein. Vielleicht ein paar mehr. Eine 20-Millionen-Einwohner-Metropole haben sie drei Tage lang mit blutigem Terror überzogen. Sie haben wahllos Menschen erschossen, im Bahnhof, in Cafés, im jüdischen Zentrum und in zwei Luxushotels, deren Gäste und Personal sie als Geiseln genommen haben.

Erst nach drei Tagen konnten Spezialkräfte am vergangenen Freitag den letzten Terroristen überwältigen. Mindestens 172 Menschen waren bis dahin ermordet worden, 239 wurden verletzt.

Indische Medien und Politiker sprechen von "Krieg". Das Land steht unter Schock: Wie konnte das passieren? Wer steckt hinter dem Angriff? Gab es keine Warnungen? Insider der Sicherheitskräfte und Augenzeugen, Polizisten und Soldaten schildern in der indischen Presse und internationalen Reportern jetzt Details und Hintergründe. SPIEGEL ONLINE rekonstruiert auf Basis dieser Angaben den Ablauf des Angriffs:

Prolog: Wer hat die Terroristen geschult?

Im Dezember 2006 erhält die Polizei von Mumbai einen Bericht, wonach die Wahrscheinlichkeit "sehr groß" sei, dass islamistische Angreifer per Boot in Mumbai anlanden. Die relativ schlecht überwachte Küste der Halbinsel, auf der die Metropole liegt, sei ein "besorgniserregender Schwachpunkt in der Sicherheit der Stadt". Diesem Bericht zufolge trainieren der berühmt-berüchtigte pakistanische Geheimdienst Inter-Services Intelligence (ISI) und die pakistanische Marine junge Männer für Bootsfahrten.

Anfang 2008 liegt den Behörden ein neuer Bericht des indischen Geheimdienstes vor, der vor mehr Angriffen militanter Muslime auf Indien warnt. Die Terroristen hätten vor allem Mumbai im Visier, wegen seiner Größe und seiner Bedeutung als wirtschaftliches und kulturelles Zentrum des Landes - und wegen seiner Beliebtheit bei westlichen Touristen. Die öffentliche Wirkung wäre größer als bei Angriffen auf andere indische Metropolen. Außerdem seien in dieser Stadt islamkritische politische Kräfte besonders einflussreich. Die Hindu-nationalistische Partei Shiv Sena hat in Mumbai ihr Zentrum, ebenso eine noch radikalere Abspaltung dieser Partei.

Im Frühjahr 2008 kommt nach jetzigem Ermittlungsstand in einem Trainingscamp in Mansera im pakistanischen Punjab eine Gruppe radikaler Islamisten zusammen. Unter ihnen: Azam Amir Kasav, 21, aus der Stadt Faridkot in Punjab. Er wird später als einziger überlebender Terrorist von Mumbai den Ermittlern von seiner Ausbildung berichten. Von ihm stammen der Polizei zufolge die meisten derzeitigen Erkenntnisse über den Ablauf der mehrtägigen Terroranschläge.

Keiner der Männer ist älter als 30. Sie sind bereit zu töten und zu sterben. Kasav zufolge sind insgesamt 24 Männer in dem Camp, alle unter Tarnnamen.

Drei Monate verbringen sie den Angaben zufolge auf der Schießbahn, laufen täglich mehrere Kilometer, machen sich mit Gewehren und Pistolen vertraut, trainieren den Umgang mit Handgranaten und Sprengstoff. Sie üben den Straßen- und Häuserkampf, um möglichst effektiv morden zu können. Ihre Trainer sagen ihnen, im Zweifel sollten sie einfach auf alles schießen, was sich bewegt. Der Cheftrainer ist ein Ex-Soldat der pakistanischen Armee. Er heißt angeblich Abdul Rahman, seine Lehrlinge nennen ihn "Onkel".

Nach einigen Wochen kommen sie im Spätsommer 2008 erneut zu einem Training zusammen, diesmal in Muzaffarabad in Kaschmir. Jetzt steht maritime Ausbildung auf dem Plan. Hierin sind sie alle Anfänger; sie bekommen Schwimmunterricht und Einweisungen in Navigation, Wetterkunde und darin, wie man unauffällig mit einem Schlauchboot an einem Strand anlandet.

Sie üben das Kasav zufolge in einem Fluss und bekommen Fotos und Videos von Mumbai zu sehen, die eine Vorhut gemacht hat. Sie zeigen den Chhatrapati-Shivaji-Bahnhof im Stadtzentrum; die Hotels "Oberoi Trident" am Hafen im Westen und "Taj Mahal" an der Ostküste der Stadt; außerdem den "Gateway of India", ein großer Torbogen in der Nähe des "Taj Mahal", von wo aus sie ihren mörderischen Feldzug starten sollen. Schon bald soll es soweit sein, gleich nach dem Ende der Ausbildung. Damit die Männer ihr Kampfgebiet gut kennen, sollen sie sich die Bilder gut anschauen und den Stadtplan einprägen. Sie werden für ein paar Tage nach Mumbai geschickt, sagt Kasav. Sie schauen sich die Hotels an, prägen sich die Wege ein.

Am Ende ihres Trainings im Oktober sind sie gut ausgebildete, hoch motivierte Gotteskrieger. Sie ziehen gemeinsam nach Karatschi - in Wohnungen, die die Drahtzieher der Anschläge für sie angemietet haben.


Attentate in Mumbai - Protokoll eines mörderischen Feldzugs:

Anreise der Attentäter: Der Terror kommt vom Meer

Vermutlich am 24. November erhalten zehn der 24 Terroristen das Signal, dass der Einsatz beginnt. Mit zwei Schiffen verlassen sie am folgenden Tag Karatschi. Kasav und vier seiner Komplizen nehmen Kurs auf den nordwestindischen Bundesstaat Gujarat.

Dort, wenige Meilen vor der Küste, überfallen sie ein Boot der indischen Küstenwache und überwältigen die beiden Offiziere. Einen töten sie sofort und werfen ihn über Bord. Den zweiten, Amar Singh Nazam, zwingen sie, sie bis nach Mumbai zu fahren. So ist es zumindest den indischen Ermittlern zufolge abgelaufen.

Die rund 300 Kilometer bis Mumbai legen die Terroristen demnach in wenigen Stunden zurück. Vier Meilen vor der Küste töten sie Nazam. Auch das andere Schiff ist inzwischen da; dessen Besatzung hat den derzeitigen Erkenntnissen zufolge das Fischerboot "Kuber" vor Gujarat gekapert, den Fischer umgebracht und ist damit bis nach Mumbai gefahren. Allerdings sind diese Angaben noch nicht gesichert; ein Polizeisprecher sagt, man müsse noch "abschließend ermitteln", ob tatsächlich zwei Schiffe involviert waren oder nur eines.

Sicher dagegen scheint, dass vor Mumbai zwei Schlauchboote für die Terroristen bereit stehen. Sie steigen um und landen an. Augenzeugen berichten, "maskierte Männer" am Strand ankommen gesehen zu haben. Eine später aus dem "Taj Mahal" gerettete Frau behauptet, die beiden Boote vom Hotelfenster aus beobachtet zu haben. Den ersten Ermittlungen zufolge handelt es sich tatsächlich um zehn Männer; weitere könnten schon früher in die Stadt gekommen sein.


Attentate in Mumbai - Protokoll eines mörderischen Feldzugs:

26. November: Angriff am Abend

Es ist Abend am Mittwoch des 26. November, gegen 20 Uhr, die Sonne ist untergegangen, Mumbai trotzdem hell erleuchtet von Straßenlaternen, Autoscheinwerfern und Reklametafeln. Mit makabrer Präzision beginnt nun der Angriff auf die Wahrzeichen von Mumbai. Auf Wohn- und Krankenhäuser. Auf Polizeistationen. Auf Staatsbürger der USA, Großbritanniens und Israels. Auf die Menschen in Mumbai, ob Einheimische oder Touristen.

In ihrem Blutrausch werden die Terroristen jeden töten, der ihnen vors Gewehr kommt.

Die Männer strömen auseinander. Jeder steuert ein Ziel im Umkreis von fünf Kilometern des Gateways of India an. Zwei Männer erreichen gegen 21.15 Uhr als erstes das "Leopold Café"; dort wimmelt es von Menschen an diesem warmen Novemberabend. Das abendliche Partyleben in Mumbai beginnt gerade erst. Das "Leopold" ist voll. Die Menschen unterhalten sich, trinken Bier, essen eine Kleinigkeit, auf der Karte stehen neben indischen und chinesischen Spezialitäten auch diverse Pasta-Gerichte und Burger.

Von der Hauptstraße aus, dem Colaba Causeway, wirft einer der Terroristen eine Handgranate in das Café.

Sie trifft nahe der Wand auf den Boden und explodiert. Die Gäste springen auf, schreien in Panik. Dann schießen die Attentäter in die Menge. Die Menschen fliehen, drängen zum Seiteneingang. "Links und rechts von mir sackten Menschen zusammen. Überall war Blut", sagt Shivaji Mukhopadhyay, dem die Flucht gelingt.

Die beiden Terroristen feuern etwa acht Minuten lang von der Straße aus in das Café hinein. Dann laufen sie um die Straßenecke, am Seitenausgang vorbei, aus dem die Gäste geflüchtet sind. Ein Kellner stolpert ihnen vor die Füße, sie erschießen ihn. Sie lassen ein leeres Magazin zurück, außerdem einen leeren Rucksack.

Am Ende sind hier acht Menschen tot: zwei Kellner, drei indische Gäste und drei ausländische, darunter angeblich zwei Deutsche. Die Terroristen laufen weiter. Nur ein paar hundert Meter, bis zum Hotel "Taj Mahal". Einige ihrer Komplizen sind schon dort.

"Leopold"-Besitzer Farhang Jehani versucht, die Polizei zu rufen. Er kommt nicht durch, die Leitung ist besetzt.

Fast zeitgleich, um 21.20 Uhr, betritt Amir Azam Kasav einige Kilometer weiter nördlich gemeinsam mit Abu Dera Ismael Khan, 25, den Bahnhof Chhatrapati Shivaji, kurz CST genannt. Um kurz nach 21 Uhr sind noch viele Pendler unterwegs; auch Touristen reisen von hier aus in alle Richtungen. Die beiden Männer laufen durch die Halle und beginnen zu schießen. Eine Kamera nimmt auf, wie Kasav in die Menge blickt, das Gewehr in der Hand. Das unscharfe Foto wird später um die Welt gehen.

Kasav und Khan ermorden in mehr als einer Stunde 48 Menschen, bevor sie sich um 22.50 Uhr zu Fuß auf den Weg zum benachbarten Cama & Albless Hospital machen. Hier erschießen sie um 22.59 Uhr zwei Wachleute und zwei Passanten, die zufällig auf der Straße sind.

Ein weißer Toyota-Jeep mit Sicherheitskräften erreicht das Krankenhaus, darin der Chef der Anti-Terror-Einheit von Mumbai, Hemant Karkare, und zwei weitere hochrangige Polizisten. Weitere Polizeiautos kommen an. Karkare legt eine schusssichere Weste und einen Helm an und begibt sich zusammen mit den anderen Polizisten zum Krankenhaus. Bei dem folgenden Feuergefecht töten die Terroristen Kasav und Khan insgesamt neun Polizisten - auch Karkare.

Den beiden gelingt es, den Polizei-Toyota zu stehlen. Mit Sirene fahren sie nun durch die Stadt, der Beifahrer schießt durchs Fenster auf Passanten. Ein Mensch stirbt. Der Polizei nimmt die Verfolgung auf. Es gelingt ihr, den Wagen mit einem Schuss in einen Reifen zu stoppen. Das Terroristenduo flieht zu Fuß, stoppt ein anderes Auto, einen Skoda, und zwingt die zwei Insassen heraus. Mit dem Wagen setzen sie ihre Flucht fort.

Plötzlich merken die Polizisten, dass Kasav atmet

In Girgaum Chowpatty im Nordwesten der Stadt, nahe des Strands, stoßen sie auf eine Straßensperre der Polizei. In dem folgenden Gefecht - es ist inzwischen Donnerstag um 1.43 Uhr morgens - wird ein Polizist erschossen. Auch Terrorist Khan stirbt. Kasav wird in die Hand getroffen.

Die Polizisten halten die Terroristen für tot. Sie finden zwei Gewehre, fünf geladene Magazine, zwei automatische Pistolen und eine Handgranate bei ihnen. Als sie merken, dass Kasav noch atmet, fahren sie beide ins Krankenhaus.

Kasav ist schnell wieder bei Bewusstsein und erklärt, nachdem er mit dem blutigen Leichnam von Khan konfrontiert wurde, dass er bereit sei, auszupacken. Er wird von Anti-Terror-Einheiten an einen geheimen Ort gebracht.

Kriegsschauplatz "Taj Mahal": Die beiden Terroristen vom "Leopold Café" treffen nach wenigen Metern Fußweg ein. Zwei weitere sind den derzeitigen Erkenntnissen zufolge schon da. Sie stürmen am Mittwochabend um 21.30 Uhr die Hotellobby und schießen wahllos in den Raum. Dann brüllen sie Augenzeugen zufolge, es solle sich melden, wer "Amerikaner, Brite oder Jude" ist.

Das "Taj Mahal" gehört zum Tata-Konzern des indischen Industriellen Ratan Tata. Es wird von wohlhabenden Indern und westlichen Geschäftsleuten, Diplomaten und Politikern, aber auch von Touristen geschätzt. Das 105 Jahre alte Gebäude, noch zu Zeiten der britischen Kolonialherrschaft erbaut, gilt als eines der Wahrzeichen von Mumbai.

Im Hotelrestaurant "Golden Dragon" sitzen viele Gäste. Sie hören Gewehrsalven - und halten sie im ersten Moment für Baulärm. Erst als Schreie folgen, ahnen sie, was gerade in der Lobby vor sich geht. Ein Wachmann des Hotels kommt ins Restaurant und ruft: "Alle auf den Fußboden, schnell!" Er verspricht den verängstigten Menschen, sie durch die Restaurantküche in Sicherheit zu bringen.

Als auch die Menschen in den Zimmern mitbekommen, dass Bewaffnete das Hotel gestürmt haben, knoten viele Bettlaken zusammen und binden sie an die Leisten der Fensterrahmen. "Ich habe gebetet, dass das hält", sagt ein älterer Inder, dem auf diese Weise die Flucht gelingt. Bei manchen reichen die Laken auf den Zimmern nicht. Sie lassen sich aus einigen Metern Höhe fallen. Andere wie der Münchner Medienunternehmer Ralph Burkei stürzen ab, als sie sich über die Fassade zu retten versuchen.

Die Spezialtruppen sollen helfen - haben aber kein Flugzeug

Polizisten in einer Station ganz in der Nähe des "Taj Mahal" haben schon die ersten Schüsse vor dem "Leopold" gehört. Als sie dort um 21.35 Uhr eintreffen, finden sie Tote, Verletzte und einige verstörte Gäste, die sich um die Verletzten kümmern. Vom "Taj Mahal" dringen nun Schüsse und Explosionen. Die Polizisten rufen Rettungskräfte zum "Leopold" und fahren selbst weiter zum Hotel. Dort finden sie vor und hinter dem Gebäude je eine Bombe mit RDX-Sprengstoff. Sie schaffen es, den Zeitzünder zu deaktivieren.

Um 21.57 Uhr werden auch aus dem anderen Luxushotel "Oberoi Trident" Schüsse gemeldet. Gegen 23 Uhr erreicht den Fernsehsender "India TV" ein Anruf. Der Mann ruft mit dem Mobiltelefon eines Hotelgasts an, er nennt sich Shahdullah. Er sagt: "Wir Muslime in Indien wollen nicht länger hinnehmen, dass wir unterdrückt werden. So etwas wie die Zerstörung der Babri-Moschee und die Ermordung von Muslimen muss aufhören."

Zwei Terroristen dringen außerdem in das Nariman-Haus ein, ein Kulturzentrum, in dem überwiegend Juden leben. Vorher werfen sie noch eine Handgranate auf eine benachbarte Tankstelle - eine Explosion der Benzintanks bleibt zum Glück aus. Die Terroristen nehmen mehrere Menschen als Geiseln und verschanzen sich in dem Gebäude.

Gegen 22 Uhr ruft der Ministerpräsident des Staates Maharashtra, dessen Hauptstadt Mumbai ist, beim indischen Innenminister Shivraj Patil an. Er fordert Hilfe der Bundesregierung an. Es will, dass Einsatzkräfte der National Security Guard (NSG) kommen. "Wie viele?", fragt Patil. "Zweihundert." Patil befiehlt NSG-Chef J. K. Dutt, die Männer zur Verfügung zu stellen.

Die Männer werden zu Hause angerufen. Manche schlafen schon. Ihnen wird befohlen, sich sofort zum Einsatz in Mumbai bereit zu machen. Doch es steht kein Flugzeug bereit, das die Männer von Neu-Delhi in das rund tausend Kilometer südlich gelegene Mumbai bringen kann.


Attentate in Mumbai - Protokoll eines mörderischen Feldzugs:

27. November: Eine Metropole wird Kriegsgebiet

Eine Iljuschin IL-76 kommt am Donnerstag gegen 2 Uhr nachts aus Chandigarh bei den indischen Spezialeinheiten in Neu-Delhi an. 25 Minuten später starten gut 200 Männer in Richtung Mumbai. Die Maschine braucht für die Strecke, die moderne Jets in eineinhalb Stunden schaffen, gut drei Stunden. Um 5.25 Uhr am Donnerstagmorgen landen die NSG-Polizisten in Mumbai.

Dort tobt der Krieg nun schon seit acht Stunden. An zehn Orten haben die Terroristen inzwischen das Feuer eröffnet - unter anderem an einem weiteren Krankenhaus und vor dem Gebäude der Tageszeitung "Times of India". In den Stadtteilen Wadi Bunder und Vile Parle explodieren zwei Taxis. Polizisten vermuten, entweder sollten deren Fahrer als Zeugen ausgeschaltet oder einfach nur Verwirrung gestiftet werden. Aus mehreren Stadtteilen werden Schießereien gemeldet. Gerüchte genügen mancherorts, um die Menschen in Panik zu versetzen.

Ein Attentäter aus dem Nariman-Haus, er nennt sich Imran Babar, nimmt einer Geisel das Handy weg und ruft bei "India TV" an. "Wir haben es satt, ständig gequält zu werden und Ungerechtigkeit zu erfahren. Wir sind gezwungen, dies zu tun", sagt er. Die Spezialeinheiten starten an dem jüdischen Kulturzentrum am Donnerstag eine Befreiungsaktion aus der Luft. Aus einem Hubschrauber seilen sich Elitepolizisten in schwarzen Uniformen ab. Doch die zwei Terroristen können sich extrem lange verteidigen. "Wir gehen davon aus, dass diese beiden Männer selbst eine Zeitlang in dem Haus gelebt haben, weil die sich offensichtlich sehr gut hier auskannten", sagt ein Polizeisprecher.

Wie viele Terroristen sich im "Oberoi" und im "Taj Mahal" verschanzt halten, ist am Donnerstag zunächst ein Rätsel. Die Anti-Terror-Einheiten gehen von zwei im "Oberoi" und vier im "Taj Mahal" aus. Sie halten mit ihrer Guerillataktik rund 500 Sicherheitskräfte im "Oberoi" und 400 im "Taj Mahal" in Schach - Polizisten, NSG-Einsatzkräfte, Einheiten der Marine und der Armee. Später, nachdem die Leichen der Terroristen in den Hotels gefunden sind, bestätigt die Polizei diese Zahlen.

Am Donnerstag explodieren im "Taj Mahal" mindestens 400 Handgranaten. Viele Räume werden zerstört. Dunkle Rauchwolken steigen auf, aus den oberen Fenstern lodern Flammen. Etwa 400 Gäste werden an dem Tag befreit - von 468, die sich zu Beginn der Terrorattacke in dem Hotel befanden. Die Überlebenden erzählen Horrorgeschichten. Die Terroristen haben Handgranaten in den Swimmingpool des "Taj Mahal" geworfen. Eine Französin berichtet von "vielen leblosen Körpern und Blut". Die Attentäter haben die Restaurants gestürmt und um sich geschossen. Einige Gäste wurden wahllos dahingemetzelt, andere selektiert: Die Terroristen fragten die Gäste nach den Pässen.

Wer US-Bürger, Brite oder Israeli war, sollte nicht überleben.

Am Abend tritt Ratan Tata tief erschüttert vor sein Hotel und beklagt den Tod vieler Hotelgäste, Polizisten und Mitarbeiter. Die Kämpfe dauern zu diesem Zeitpunkt noch an, weiter sind Geiseln in der Hand der Verbrecher.

Plötzlich fallen auch Schüsse auf Journalisten vor dem Hotel. Sie suchen Deckung hinter Betonpfeilern und Zäunen, werfen sich auf den Boden. Ein Terrorist feuert aus einem Hotelfenster auf sie.

Dass die Polizei die Lage nicht schneller unter Kontrolle bekommt, rechtfertigt sie mit der Weitläufigkeit des Hotels. Es brauche Zeit, bis alle 565 Räume gesichert seien. Ein Kommando der Elitetruppe NSG beklagt, durch die Radio- und Fernsehsender würden zu viele Informationen nach draußen dringen - das erschwere den Einsatz.


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28. November: Kommandoaktion gegen die Killer

Im "Oberoi Trident" ist die Lage kaum besser als im "Taj Mahal". Anderthalb Tage lang sind immer wieder Explosionen und Schüsse zu hören. Erst am Freitag um 14 Uhr meldet die Polizei, zwei Terroristen seien "neutralisiert".

Nach einer ersten Durchsuchung zählt die Polizei 30 Tote in dem Hotel. 31 Gäste hätten sich zuvor selbst befreien können. Auch im "Oberoi Trident" findet die Polizei eine RDX-Bombe - kann sie aber nicht entschärfen. Sie lassen den Sprengsatz unter einer Schutzvorrichtung kontrolliert explodieren. Der Knall löst in der Umgebung des Hotels erneut Panik aus.

Am Freitagabend gegen 19.30 Uhr werden die Kämpfe im Nariman-Haus durch eine Kommandoaktion beendet: Ein Spezialtrupp stürmt das Gebäude. Am Ende der Gefechte sind die beiden Täter tot - sie haben fünf jüdische Bewohner des Zentrums und einen NSG-Polizisten auf dem Gewissen.

Im "Taj Mahal" dauern die Kämpfe zu diesem Zeitpunk immer noch an. Schwarzer Rauch steigt auf, Schüsse und Explosionen sind zu hören. Angeblich ist es nur ein einziger Terrorist, der den Komplex zu diesem Zeitpunkt unter Kontrolle hält.


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29. November: Ende des Horrors

Am Samstagmorgen um 3.30 Uhr werden die Kämpfe am "Taj Mahal" heftiger. Die Polizisten verstärken das Feuer, mindestens zehn Explosionen in verschiedenen Teilen des Gebäudes sind zu hören. Der finale Angriff auf den oder die Attentäter beginnt.

Viereinhalb Stunden später, um 8 Uhr, meldet NSG-Chef Dutt, das "Taj Mahal" sei befreit, alle Terroristen besiegt. Zu den "etwa hundert Todesopfern" zähle auch NSG-Major Sandeep Unnikrishnan. Mumbais Polizeichef Hasan Gaffoor sagt, man brauche noch Zeit, um das Hotel gründlich zu durchsuchen, alle Verletzten zu versorgen und die Toten abzutransportieren.

Das Ende der Kämpfe im "Taj Mahal" markiert das Ende des Terrors von Mumbai. Knapp 60 Stunden dauerte der Schrecken vom Anlanden der Terroristen bis zum letzten Schuss.

Die Polizei bestätigt, dass ihren ersten Erkenntnissen zufolge nur zehn Terroristen direkt an den Anschlägen beteiligt waren. Außer Azam Amir Kasav seien alle tot.

Maharashtras Polizeichef A. N. Roy sagt, es würden aber auch noch neun weitere Verdächtige verhört: "Zu diesem Zeitpunkt kann ich nur sagen, dass neun Männer in unserem Gewahrsam sind, die wir in der Nähe der Einsatzorte verhaftet haben." Erst nach dem Ende der Vernehmungen könne er Einzelheiten zu der Zahl der Terroristen sagen - ob es also zehn waren oder wie anfangs angenommen 24 oder mehr.


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Epilog: Wer hat Schuld, wer hat versagt?

In einer E-Mail hat sich eine Organisation namens "Deccan Mudschahidin" zu den Anschlägen bekannt - doch Ermittler, Politiker und Medien in Indien halten dies für eine falsche Fährte. Da wolle sich nur eine unbedeutende Terrorgruppe wichtig machen, oder es solle Verwirrung gestiftet werden.

Dass hinter den Angriffen allerdings radikale Islamisten stecken, gilt als ausgemacht. Konkret wird in Indien die Gruppe Lashkar-i-Toiba aus Pakistan verdächtigt; auch einige Attentäter wie Azam Amir Kasav sollen aus dem jahrzehntelang verfeindeten Nachbarstaat stammen. Kasav soll sich zu Lashkar-i-Toiba bekannt haben.

Die Sicherheitskräfte halten eine "unheilige Allianz" zwischen dem islamistischen Studentenbund "Students' Islamic Movement of India" (Simi) und dem pakistanischen Geheimdienst ISI für die wahrscheinlichste Variante. Beide hätten einen Grund, Indien zu destabilisieren, sagen Insider: die jungen Muslime in Indien, weil sie sich unterdrückt fühlen und den Abriss der berühmten Babri-Moschee in Ayodhya rächen wollen; die "kriminellen Elemente in Pakistan", weil sie Indien den Aufstieg in den Kreis der wirtschaftlich, politisch und kulturell wichtigen Nationen neiden.

Erst die Unterstützung durch Simi und ISI versetze Lashkar-i-Toiba in die Lage, Anschläge wie jetzt in Mumbai zu verüben, argumentieren indische Politiker, Polizisten und Medien. Womöglich habe sogar al-Qaida die Finger im Spiel - jenes globale Terrornetzwerk, dem Lashkar-i-Toiba nacheifert.

Die pakistanische Regierung hat die Anschlagserie verurteilt und sich distanziert. Ob sie allerdings die volle Kontrolle über das Militär und den Geheimdienst ISI hat, steht seit langem in Zweifel.

Zunächst hat der pakistanische Präsident Asif Ali Zardari zugesichert, dass der ISI-Chef persönlich zum Informationsaustausch über die Anschläge nach Indien reisen wird. Dieses Versprechen wurde allerdings rasch zurückgezogen - jetzt soll nur ein "Vertreter des ISI" kommen. Indische Zeitungen kritisierten das als Feigheit: Pakistans Machthaber seien offenbar nicht wirklich daran interessiert, Licht in die Sache zu bringen.

Indiens Schuldzuweisungen an Pakistan sind durch keine belastbaren Beweise unterfüttert. Die Indizien deuten allerdings darauf hin, dass Profis des islamistischen Terrorismus zumindest involviert waren. Die perfekte Vorbereitung, die präzise Koordination, das kühl kalkulierte Vorgehen - das spricht nicht für ein Werk von Anfängern.

Ein hochrangiger Sicherheitsexperte im indischen Außenministerium gibt die Schuld klar "kriminellen Elementen in Pakistan" und verweist auf Vernehmungen von Terroristen, die bei früheren Anschlägen verhaftet wurden. Schließlich haben islamistische Attentäter in den vergangenen Jahren immer häufiger zugeschlagen, über das ganze Land verteilt. "Wir haben in den vergangenen Jahren viel gelernt. Wir wissen mehr über den islamischen Terrorismus, als viele Menschen glauben", sagt der Experte und weist damit Kritik zurück, die Regierung habe der Gefahr tatenlos zugesehen.

Wieso die Attentate trotz aller Kenntnisse über die Islamisten und trotz der konkreten Vorzeichen nicht verhindert wurden - das müssen sich jetzt die indischen Staatsvertreter fragen lassen. Menschen demonstrieren, die Zeitungen stellen unbequeme Fragen: Wieso hat die Polizei so lange gebraucht, die Mordserie von Mumbai zu stoppen? Wie konnten so wenige Attentäter eine Millionenmetropole so lange mit Horror und Gewalt überziehen? Und vor allem: Wieso hat die Terrorabwehr so dramatisch versagt?

Indiens Innenminister Shivraj Patil und Sicherheitsberater M. K. Narayanan sind am Sonntag zurückgetreten. Die Regierung droht in eine schwere Krise abzudriften.

Ein weiterer Erfolg für die Terroristen.


Attentate in Mumbai - Protokoll eines mörderischen Feldzugs: