Warnung an Iran Israel und der Angriff auf die Waffenfabrik
Feuer in Waffenfabrik Jarmuk: "Keine geheime oder verbotene Anlage"
Foto: STRINGER/ REUTERSArabische Politiker sind mit Vorwürfen gegen Israel oft schnell zur Hand. Mal soll der Mossad hinter Hai-Attacken an der ägyptischen Küste stecken, hinter Anschlägen in Libyen und dem Libanon sowieso. Auf den ersten Blick reiht sich auch der Vorwurf der sudanesischen Regierung, Israel habe in der Nacht zum Mittwoch eine Waffenfabrik in Khartum angegriffen, in diese Kette abwegiger Beschuldigungen ein.
Doch völlig aus der Luft gegriffen ist die Behauptung von Informationsminister Ahmed Bilal Osman nicht. Denn seit 2009 ereigneten sich im Sudan zwei Luftangriffe, für die Israel sehr wahrscheinlich die Verantwortung trägt.
- Im Jahre 2009 wurde ein Lkw-Konvoi im Nordosten des Landes bombardiert. Dutzende Menschen kamen ums Leben. US-Medien berichteten später unter Berufung auf Regierungskreise in Washington, Israel habe damals eine Waffenlieferung für die Hamas im Gaza-Streifen beschossen.
- 2011 beschuldigte der Sudan Israel, für einen Luftangriff in Port Sudan verantwortlich gewesen zu sein. Bei dem Angriff auf einen Pkw kamen zwei Menschen ums Leben, unter ihnen soll mit Abdel-Latif al-Aschkar ein Waffeneinkäufer der Hamas aus Gaza gewesen sein.
Augenzeugen gaben jetzt an, sie hätten in der Nacht zum Mittwoch kurz vor den Explosionen im Stadtteil Schigara mehrere Flugzeuge am Himmel kreisen sehen. Sudans Regierung präsentierte zudem ein Video, das mehrere zerstörte Gebäude und Metalltrümmer zeigt, die von einer Rakete stammen könnten. Ein Journalist vor Ort gab an, dass eine Stunde vor dem Angriff sämtliche Telekommunikationsverbindungen in der Umgebung unterbrochen worden seien. Ein Sprecher der sudanesischen Armee sagte, möglicherweise habe ein Kollaborateur vor Ort mit den Israelis zusammengearbeitet und den Luftschlag ermöglicht.
Sudan und Iran kooperieren militärisch
Es gehört zur israelischen Strategie, Freund und Feind im Unklaren darüber zu lassen, ob seine Armee hinter Angriffen dieser Art steckt. Auch zum möglichen Luftschlag gegen die Waffenfabrik Jarmuk hüllt sich Jerusalem in lautes Schweigen. "Es gibt nichts, was ich zu dem Vorfall sagen könnte", erklärte Verteidigungsminister Ehud Barak. Sein Berater Amos Gilad ließ sich am Donnerstag im israelischen Armeeradio immerhin zu der Aussage hinreißen, der Sudan sei "ein gefährlicher, terroristischer Staat".
Israel hat das afrikanische Land seit Jahren im Visier: Ein von WikiLeaks veröffentlichter Kabelbericht der US-Botschaft in Tel Aviv vom April 2009 zitiert Regierungschef Benjamin Netanjahu mit den Worten: "Die Waffenpipeline verläuft von Iran über den Sudan nach Ägypten." Gemeint sind Lieferungen an die Hamas und andere militante Gruppen im Gaza-Streifen.
Eine Diplomatendepesche aus dem gleichen Jahr belegt, dass Sudans Regierung von dem Waffenschmuggel wusste. Salah Ghosch, damaliger Geheimdienstchef und Sicherheitsberater von Präsident Umar al-Baschir, sagte damals dem US-Botschafter, der Raschaida-Stamm sei dafür verantwortlich. Die Regierung habe damit nichts zu tun und habe selbst ein Interesse, den Schmuggel zu unterbinden. "Der Sudan sucht keine Konfrontation mit Israel", heißt es in dem Bericht. Im August 2009 fiel Ghosch bei Diktator Baschir in Ungnade und wurde entlassen, seit April vergangenen Jahres sitzt er in Haft.
Israelische Medien berichten unter Berufung auf sudanesische Oppositionelle, Irans Revolutionswächter hätten in dem Komplex Jarmuk eine Fabrik errichtet, um militante Gruppen im Gaza-Streifen mit Waffen und Munition zu versorgen. Wie ernst das Problem der Raketenangriffe für die israelische Bevölkerung ist, zeigt sich just in dieser Woche. Allein an den vergangenen beiden Tagen feuerten Palästinenser nach Angaben der israelischen Armee 86 Raketen auf den jüdischen Staat ab. Mehrere Menschen wurden dabei verletzt, zahlreiche Gebäude beschädigt. Israel reagierte mit Luftangriffen, bei denen vier mutmaßliche Hamas-Kämpfer getötet wurden.
Im März 2008 unterzeichneten Khartum und Teheran ein Abkommen über militärische Zusammenarbeit. Seither bilden iranische Revolutionswächter sudanesische Soldaten aus. Beide Staaten sollen sich laut westlichen Geheimdiensten nach dem Sturz Muammar al-Gaddafis auch Boden-Luft-Raketen aus Beständen der libyschen Armee gesichert haben. Diese sollen sich in Militäranlagen in Darfur befinden, die von den Revolutionswächtern kontrolliert werden. Fest steht, dass der Sudan trotz Sanktionen des Westens und eines internationalen Haftbefehls gegen Präsident Umar al-Baschir sein Waffenarsenal in den vergangenen Jahren aufgestockt hat.
Irans Atomanlagen liegen näher als Khartum
Sudans Regierung erklärte am Donnerstag, "die von Israel angegriffene Fabrik stellte konventionelle Waffen her. Sie ist keine geheime oder verbotene Anlage." Doch 1998 behauptete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) in einem Bericht, in dem Jarmuk-Komplex lagerten Chemiewaffen für das irakische Regime von Saddam Hussein. HRW bezog sich auf Angaben sudanesischer Oppositioneller. Von unabhängiger Seite wurden diese Vorwürfe nie bestätigt.
Die israelische Website Debka, der gute Verbindungen zum Mossad nachgesagt werden, meldet unter Berufung auf westliche Geheimdienste, Iran habe in Jarmuk Raketen vom Typ Schehab hergestellt. Die Fabrik soll demnach als strategische Reserve gedacht gewesen sein, für den Fall, dass Israel Waffenarsenale in Iran bombardiert.
Sollte Israel tatsächlich hinter dem nächtlichen Angriff auf die Anlage am südlichen Stadtrand von Khartum stecken, wäre dies der weitest reichende Schlag seiner Luftwaffe seit 1985. Damals bombardierten israelische Kampfjets das Hauptquartier der palästinensischen Befreiungsbewegung PLO in Tunis.
Um das Ziel in Sudans Hauptstadt anzugreifen, müssten Israels Flugzeuge inklusive Rückweg mindestens 4000 Kilometer in der Luft zurücklegen. Das ist deutlich mehr als bei vergleichbaren Einsätzen in der Vergangenheit - etwa 1981 beim Angriff auf den irakischen Atomreaktor Osirak oder bei der Attacke auf den mutmaßlichen Kernreaktor al-Kibar in Syrien vor fünf Jahren. Wegen der großen Entfernung hätten die Bomber während des Fluges nach Khartum und zurück wohl mindestens einmal aufgetankt werden müssen.
Daher könnte der Angriff in zweifacher Sicht eine Warnung an Iran gewesen sein: Einerseits wäre es eine weitere unmissverständliche Aufforderung an Teheran, die Aufrüstung militanter palästinensischer Gruppen zu stoppen. Andererseits wäre es das klare Zeichen an Irans Regime, dass Israels Luftwaffe logistisch in der Lage ist, Ziele in Iran zu bombardieren. Die Nuklear- und Militäranlagen in Natanz, Parchin oder Ghom liegen näher an Israel als Khartum.