Angriff befürchtet Zehn neue Besetzer in Arafats Amtssitz

Am Sonntag gelang es erneut zehn bis zwölf Friedensdemonstranten in den von israelischen Truppen besetzten Amtssitz des Palästinenserpräsidenten Arafat einzudringen, berichtete die einzige deutsche Teilnehmerin SPIEGEL ONLINE. Damit sind jetzt 40 Demonstranten aus zehn Ländern in dem Gebäude, das lokalen Nachrichten zufolge demnächst von Sondertruppen gestürmt werden soll.

Von Holger Kulick


Geplantes Ziel eines neuen Sturmangriffs? Arafats Hauptquartier in Ramallah

Geplantes Ziel eines neuen Sturmangriffs? Arafats Hauptquartier in Ramallah

Jerusalem - Die neuen Demonstranten, denen es gelang in den Amtssitz zu kommen, kämen aus den USA, Australien, Belgien, Dänemark und England, berichtete die 21-jährige Julia Deeg SPIEGEL ONLINE am Telefon. Die Berlinerin hält sich seit mehreren Wochen in dem Gebäude auf. Laut ihren Angaben habe sich die Gesamtzahl der Demonstranten nun auf rund 40 aus zehn Nationen erhöht. Weitere Demonstranten seien von israelischem Militär zurückgehalten und festgenommen worden.

Zuvor scheiterte ein Versuch des zuständigen französischen Konsuls, die noch im Amtssitz Arafats befindlichen internationalen Friedensdemonstranten zu überreden, das Gebäude zu verlassen. Laut lokalen Nachrichten stehe ein Sturm der israelischen Truppen auf den Amtssitz unmittelbar bevor, berichtete die einzige noch in Ramallah befindliche deutschen Teilnehmerin der Aktion gegenüber SPIEGEL ONLINE. Frau Deeg bat die Bundesregierung "endlich klare Worte" gegenüber Israel zu gebrauchen, um eine noch schlimmere Eskalation zu verhindern. Schon jetzt seien Jahre der Friedens- und Vertrauensarbeit verloren gegangen, nun stehe "alles auf dem Spiel".

"Ich hoffe, dass ich überlebe"

Auch sie werde in dem Gebäude bleiben und sich "im Notfall auf den Boden schmeißen und hoffen, dass ich überlebe". Der Amtssitz sei von Scharfschützen umstellt und lokalen Meldungen zufolge sei eine israelische Sondertruppe sei im Anmarsch. Die Strom- und Wasserversorgung werde durch Bewohner immer wieder notdürftig hergestellt, aber durch israelische Angriffe immer wieder zerstört. Zu Essen gebe es unter anderem schimmeliges Brot. Auf die Frage, ob es eine andere, regelmäßige Versorgung gebe, meinte sie: "Wenn ich mir in die Finger beißen würde, ja".

In mehreren Fällen habe sie beobachten können, wie israelischen Soldaten verhindert hätten, dass Verwundeten geholfen werden konnte. Ärzte würden erheblich in ihrer Arbeit behindert.

Scharon spricht vom "Ende dieser Stufe"

Ariel Scharon
AFP

Ariel Scharon

"Wir haben diese Stufe der Operation Schutzschild beendet", sagte unterdessen Israels Premierminister Ariel Scharon nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters vor Journalisten. "Wir haben sehr tiefschürfende Ergebnisse erzielt, aber der Kampf gegen Terrorismus dauert an. Doch dieses Mal wird es nach einer anderen Methode funktionieren", sagte Scharon mit Blick auf Pufferzonen, die er innerhalb des Westjordanlandes einrichten will, um palästinensische Selbstmordattentäter davon abzuhalten, nach Israel zu gelangen.

Die Armee teilte mit, sie habe Ramallah, mit Ausnahme des Amtssitzes von Palästinenser-Präsident Jassir Arafat, und die Stadt Nablus verlassen. Die Belagerung der Geburtskirche in Bethlehem, wo sich bewaffnete Palästinenser verschanzt haben, bleibe jedoch bestehen.

Insgesamt mehr als 1700 Todesopfer

Israel hatte am Karfreitag mit einer Militäroffensive im Westjordanland begonnen. Zuvor waren bei einer Serie von palästinensischen Selbstmordanschlägen Dutzende von Israelis getötet worden. Bei dem seit Ende September 2001 andauernden Palästinenser-Aufstand gegen die israelische Besatzung sind mindestens 1289 Palästinenser und 453 Israelis ums Leben.



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