Angriff im Stadion Ägyptens Co-Trainer berichtet von Warnungen

Die Gerüchte darüber, dass die Gewaltaktionen im Fußballstadion von Port Said geplant waren, erhalten neue Nahrung. Der Co-Trainer der ägyptischen Fußball-Nationalmannschaft, Kaczmarek, gibt an, rechtzeitig gewarnt worden zu sein. Der gesamte Stab sei deshalb nicht im Stadion gewesen.

Co-Trainer Tomek Kaczmarek: "Wir sind vorher gewarnt worden"
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Co-Trainer Tomek Kaczmarek: "Wir sind vorher gewarnt worden"


Bonn/Kairo - Bislang war es nur ein Verdacht. Verschiedene Indizien deuteten darauf hin, dass die Katastrophe im Stadion von Port Said nicht spontan entbrannt ist: Die üblichen strikten Sicherheitskontrollen beim Einlass fanden nur vereinzelt statt, ein Großteil der Polizei wurde frühzeitig abgezogen, der Gouverneur der Stadt erschien gar nicht erst zum Spiel, obwohl er sonst immer zuschaut. Nun gibt es eine konkrete Aussage, die den Verdacht untermauert. Sie stammt vom Co-Trainer der ägyptischen Fußball-Nationalmannschaft, Tomek Kaczmarek, bis vor Kurzem noch Trainer in Deutschland beim Landesligisten Bonner SC.

Kaczmarek berichtete nun der "Bonner Rundschau", er sei den brutalen Ausschreitungen in Port Said durch eine rechtzeitige Warnung entgangen. "Ich war nicht im Stadion in Port Said, mir geht es gut. Wir sind vorher gewarnt worden", sagte Kaczmarek, der seit Januar als Assistent des Cheftrainers Bob Bradley arbeitet. Der 27-Jährige zeigte sich schockiert. "Das ist eine furchtbare Tragödie." Wegen der Warnungen habe sich der Stab der Nationalmannschaft entschlossen, nicht ins Stadion zu fahren.

Bereits einige Tage vorher habe es einen ähnlichen Vorfall gegeben: Dabei sei der Stab der Nationalmannschaft während eines laufenden Spiels aus dem Stadion geführt worden. Kurz darauf seien Unruhen ausgebrochen und das Spiel abgebrochen worden. "Auch hier sind wir gewarnt worden", sagte Kaczmarek.

Die Zukunft der Nationalmannschaft ist nach der Tragödie weiter offen: "Bislang weiß ich, dass sechs Nationalspieler im Schock zurückgetreten sind", sagte Kaczmarek. Trotzdem will er vorerst in Ägypten bleiben: "Ich fühle mich hier jederzeit sicher, ich empfinde Ägypten als phantastisches Land."

Tausende sammeln sich zum Protest

Am Mittwochabend war es nach dem Spiel Al-Masrys gegen Al-Ahly Kairo zur schlimmsten Katastrophe der ägyptischen Fußball-Geschichte gekommen. 74 Menschen starben. Seitdem breiten sich Unruhen über das ganze Land aus. Nach erneut heftigen Ausschreitungen in der Nacht zum Freitag haben sich Hunderte Demonstranten im Zentrum der Hauptstadt Kairo zum Protest gegen den regierenden Militärrat versammelt. Nach dem Freitagsgebet kam es in der Nähe des Innenministeriums wieder zu Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften. Demonstranten warfen Steine, die Polizei setzte Tränengas ein.

Am Nachmittag waren auf dem Tahrir-Platz sowie um das nahe gelegene Innenministerium herum als Reaktion auf die Katastrophe von Port Said Massendemonstrationen geplant. Polizei und Militär wird vorgeworfen, nichts gegen die tödliche Eskalation unternommen zu haben. Tausende Demonstranten warfen Steine auf das Gebäude im Stadtzentrum. Die Polizei setzte Tränengas gegen die Protestierer ein, die sich immer wieder neu gruppierten. Bis Freitagmorgen hatte ein harter Kern der Demonstranten eine Betonbarriere beiseite geräumt und sich dem Ministerium genähert.

Ausschreitungen von gewaltbereiten Fans gibt es in ägyptischen Fußballstadien häufiger. Aber einen solchen Gewaltexzess wie in Port Said haben die Menschen noch nicht erlebt.

ler/sid/dpa/Reuters

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katzekaterkarlo 04.02.2012
1. Wie soll das ...
... jemals eine Demokratie werden?
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