Angriffe in Bagdad und Basra Alarm in der Grünen Zone - Machtprobe zwischen Radikalen und irakischer Regierung

Swimmingpools, Parks, Frieden: Die Grüne Zone galt als Bagdads Luxus-Sicherheitstrakt. Die Machtprobe zwischen Regierung und Opposition zieht jetzt auch dieses abgeschottete Gebiet in Mitleidenschaft - heftige Raketenangriffe erschüttern das Viertel. Auch in Basra brechen Kämpfe aus.

Aus Bagdad berichtet


Sarah ist keine Frau, die schnell laut und hektisch wird. Dafür hat die Mitarbeiterin des US-Außenministeriums zu viel gesehen. Immer wieder ist sie von ihren Dienstherren in Washington an die Hot Spots dieser Welt versetzt worden. Nun also ist Sarah als Special Agent des US-Außenministeriums, Sektion Personenschutz, in Bagdad für die Sicherheit hochrangiger Gäste zuständig.

Seit diesem Dienstag bedeutet das, unter anderem die deutsche Politikerin Elke Hoff zu betreuen. Und seit dem Mittwochnachmittag muss Sarah dabei auch – "Sorry for that, Madame" – schon mal Druck machen und energischer werden im Ton: "Hurry up. We have to duck and cover!" – "Beeilen Sie sich, wir müssen in Deckung gehen!"

Rauch über Grüner Zone (Sonntag): Raketen- und Granateneinschläge
AP

Rauch über Grüner Zone (Sonntag): Raketen- und Granateneinschläge

Schutzhelme und Splitterweste hat Sarah bereits zur Hand, dann drängt sie mit ihren Kollegen die kleine Delegation der Bundestagsabgeordneten in den gepanzerten Geländewagen. Wenig später sind auch schon Einschläge von Raketen und Granaten zu hören.

Wo genau die Geschosse niedergehen, geben die Sicherheitsleute der deutschen Delegation nicht bekannt. Dass sie überhaupt Angriffe auf die "Grüne Zone" einräumen müssen, auf den am besten gesicherten Bezirk der irakischen Hauptstadt, ist ihnen schon peinlich genug.

Und weil die Attacken auch am Nachmittag nicht abreißen, werden sogar lang anberaumte Begegnungen der FDP-Abgeordneten mit so hochrangigen Politikern wie dem früheren Premierminister Ibrahim Dschafari abgesagt - "aus Sicherheitsgründen".

Hier lebten schon Saddams Hofschranzen

Die Angriffe auf die auf die "IZ" , die "Internationale Zone", wie das einstige Stadtviertel al-Karkh von den Militärs nur genannt wird, ist eine der bisher größten Provokationen der US-Streitkräfte im Irak. Die gerade mal sieben Quadratkilometer große Enklave, in der die US-Streitkräfte und ihre Verbündeten ihr Hauptquartier haben, galt bis Anfang der Woche als der sicherste Fleck in dem von Gewalt und Terror heimgesuchten Land.

Strategisch günstig gelegen in einer Biegung des Tigris, hatte schon Diktator Saddam Hussein seine Paläste hier errichten lassen. In diesem Viertel lebten die Hofschranzen des Regimes, nur treuesten Schergen des Despoten war der Zutritt erlaubt.

Auch heute wird das Land von hier regiert, auch heute ist das Viertel nur schwer zugänglich. Hinter haushohen Betonwällen wohnen und arbeiten Zehntausende Soldaten und Diplomaten. Allein auf dem Gelände der US-Botschaft, die in einem einstigen Saddam-Palast Quartier bezogen hat, leben schätzungsweise 4000 Menschen, vorwiegend Soldaten und Wachleute.

Das riesige Areal ist eine Art Klein-Amerika mitten im Feindesland. Auch wenn die Zahl der Anschläge verglichen mit den Spitzenzeiten des Terrors vor drei Jahren um mehr als die Hälfte zurückgegangen ist: In der vergangenen Woche zählten westliche Nachrichtendienste landesweit noch immer 455 Angriffe. Nur in ihrer "IZ" durften sich Ausländer und vor allem Amerikaner sicher fühlen.

"Eine gezielte Provokation"

Auch für privilegierte Iraker ist in der Sonderzone Platz. Hier hat Premierminister Nuri al-Maliki seinen Amtssitz, hier stehen die wichtigsten Ministerien, hier hat das Parlament vorübergehend Einzug gehalten in einem ehemaligen Kongresszentrum, das Saddam noch Anfang der achtziger Jahre hatte bauen lassen. Und hier leben einflussreiche Iraker wie der sunnitische Abgeordnete Mithal al-Alussi, der zu den populärsten Politikern des Nachkriegs-Irak zählt und damit selbstverständlich auch zu den Gesprächspartnern der Hoff-Delegation.

Alussi hat sich daran gewöhnt, dass sein Leben bedroht ist – einst von Saddam und seinen Geheimdiensten, heute von Aufständischen wie den Brigarden des schiitischen Geistlichen Muktadr al-Sadr. Dessen Milizen macht Alussi auch verantwortlich für die Raketen- und Mörserangriffe der vergangenen Tage. Eine "gezielte Provokation" seien die Angriffe.

Alussi wagt als einer der wenigen auch eine Erklärung: In einer Woche müssten die beiden höchsten US-Vertreter im Irak, Oberbefehlshaber General David Petraeus und Botschafter Ryan Crocker, ihre Berichte zur Lage im Land abgeben. In den Sicherheitsanalysen für Washington solle auf keinen Fall stehen, "dass die Amerikaner die Lage im Griff haben", glaubt Alussi - zumindest nicht, wenn es "nach Sadr und dessen Hintermännern im Iran" gehe.

Die Geschosse sind iranischer Bauart

Dass der fanatische Geistliche die Amerikaner hasst und sie so schnell wie kein anderer aus dem Land treiben will, ist unbestritten. Dass er mit seinen schiitischen Glaubensbrüdern in Teheran paktiert, gilt zumindest als wahrscheinlich. Als neustes Indiz gelten auch westlichen Sicherheitsexperten die Geschosse, die in der Grünen Zone und ihrer Umgebung niedergehen: Sie sind iranischer Bauart.

Die Angriffe auf die Sicherheitszone sollen auch die irakische Regierung des Schiiten Maliki treffen. Manche politische Beobachter in Bagdad glauben, dass sie sogar mehr dem Premier als den Amerikanern gelten. Denn der weltlich orientierte Maliki hat dem religiösen Eiferer Sadr vor einigen Tagen den Kampf angesagt.

In der südirakischen Hafenstadt Basra gehen Regierungstruppen seit dem Wochenende energisch gegen "Terroristen, Banditen und auch einige ausländische Elemente vor", sagt Regierungssprecher Ali Aldabagh. Dass der Angriff eigentlich Sadrs Milizen gilt, die im Süden ihre Bastion ausbauen und dabei von iranischen Kämpfern Verstärkung erhalten haben sollen, erwähnt der gewiefte Diplomat nicht.

Dafür betont Aldabagh die Erfolge der eigenen Truppen. In der Hauptstadt zumindest mehren sich Berichte, dass sich die Staatsfeinde über die Grenze ins Ausland absetzen. Von Iran ist dabei keine Rede, wohl auch aus Rücksicht auf die neue Partnerschaft mit dem Regime dort.

USA zur Tatenlosigkeit verdammt

Der Besuch des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad Anfang des Monats ist für die Regierung in Bagdad noch immer ein "historisches Ereignis". Schließlich hatte Saddam Hussein beide Länder in einen Krieg gestürzt, der acht Jahre dauerte und Millionen Tote forderte. Nun planen die irakische und die iranische Regierung Wirtschaftskooperationen in Milliardenhöhe, zum Ärger von US-Präsident George W. Bush.

Die USA sind zur Tatenlosigkeit verdammt - auch bei den Angriffen auf ihre einzig wahre Bastion im Irak. Das Feuer auf die Grüne Zone soll aus dem Osten der Stadt kommen, wo der Geistliche Sadr und seine Milizen herrschen. Angeblich feuern die Aufständischen ihre Raketen und Mörser von beweglichen Rampen ab und tauchen danach gleich wieder in der dicht bewohnten Gegend unter.

"Angriffe aus der Luft mit vielen Toten und Verwundeten", das sei die "Falle, in die wir gelockt werden sollen", heißt es auf dem Gelände der US-Botschaft. Einen aufreibenden Häuserkampf im Sadr-Viertel können sich die USA kaum leisten. Erst in dieser Woche mussten die Streitkräfte ihren 4000. gefallenen Soldaten vermelden.

Tatsächlich beschränkten sich die Amerikaner denn auch vorerst aufs Wegducken. Selbst gegenüber politischen Besuchern wie der deutschen Abgeordneten Hoff, der sie eigentlich die Fortschritte im Irak präsentieren wollten.

Am Dienstagabend wurde der "geschätzte Gast" aus Berlin, für dessen Sicherheit die US-Botschaft die Verantwortung übernommen hatte, umquartiert: vom Rascheed-Hotel am Rande des Sicherheitsgebiets, in dem schon zu Saddams Zeiten Regierungsgäste logierten, in die US-Botschaft.

An diesem Donnerstag soll die kleine Delegation ausgeflogen werden. Vorzeitig.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.