Angriffe in Gaza Uno wirft Israel Beschuss von Hilfstransport vor

Heftiger Protest gegen Israels Kriegsführung im Gaza-Streifen: Die Armee hat nach Uno-Angaben einen Lastwagen beschossen, der Hilfsgüter transportierte. Auch das Rote Kreuz schlägt Alarm - in einem dramatischen Fall hätten Kinder tagelang neben ihren toten Müttern ausharren müssen.


Hamburg - Der beschossene Lastwagen sollte eine Hilfslieferung der Vereinten Nationen in den Gaza-Streifen bringen. Dann eröffneten israelische Einheiten nach Angaben der Uno das Feuer - der Fahrer kam ums Leben.

Nach Angaben eines Uno-Sprechers trug sich der Angriff während der täglichen Feuerpause zu, die Israel zugestanden hatte. Der Lastwagen sei mit Flagge und Abzeichen der Vereinten Nationen gekennzeichnet gewesen. Der Transport sei außerdem mit Israel abgesprochen gewesen. In einer ersten Stellungnahme der Armee hieß es, der Vorfall werde untersucht.

Bisher zumindest war es der israelischen Armee weitgehend gelungen, das Leid in Gaza unter Verschluss zu halten. Die Armee riegelt das Kampfgebiet rigide ab, der internationalen Presse wird der Zugang rundweg verwehrt. Seit Tagen zögert die Armee es immer wieder hinaus, Helfer, Beobachter und Reporter in die Kampfzone zu lassen. Doch dieser Versuch der israelischen Regierung, die Offensive als Kampf gegen die islamistische Hamas zu legitimieren, wird nun allmählich unterlaufen. So erhebt an diesem Donnerstag auch das Rote Kreuz schwere Vorwürfe gegen Israel und berichtet von schockierenden Szenen bei einem kurzen Besuch während der dreistündigen Waffenruhe am Mittwoch in Gaza.

Dringend müsse man Helfern breiten Zugang zu Verwundeten in der Stadt Gaza ermöglichen, fordern Vertreter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) und kritisieren heftig die israelische Regierung.

Zuerst hatte den Angaben zufolge ein Rettungsteam des IKRK und des Palästinensischen Roten Halbmondes (PRCS) tagelang vergeblich versucht, in das von der israelischen Armee beschossene Viertel Saitun zu gelangen. Erst am Mittwoch, während der kurzen Waffenruhe, ließen Soldaten die Retter mit vier Ambulanzen passieren. Das Militär erklärte die Verzögerung damit, dass die eigenen Soldaten wichtiger seien, als die Fahrten von Ambulanzen zu koordinieren.

Kinder harrten neben ihren toten Müttern aus

In einer Wohnung fanden die Helfer schließlich vier kleine Kinder, daneben ihre toten Mütter. Zum Aufstehen zu schwach, hätten die Kinder neben den Leichen der Mütter ausgeharrt. Auch ein völlig entkräfteter Mann sei gefunden worden.

Insgesamt lagen in der Wohnung den Angaben der Helfer zufolge zwölf Leichen auf Matratzen. In einem anderen Haus fand das Rettungsteam 15 teils verletzte Überlebende dieses Angriffs sowie drei Tote. Israelische Soldaten befahlen dem Team, das Gebiet sofort zu verlassen, was dieses jedoch verweigerte.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte

"Das ist ein schockierender Vorfall", sagte Pierre Wettach, Chef der IKRK-Delegation in Israel und den besetzten Palästinensergebieten. Die israelische Armee habe ihre völkerrechtliche Verpflichtung nicht eingehalten, Verwundete bergen und versorgen zu lassen, kritisierte das IKRK.

Ein Beamter des israelischen Verteidigungsministeriums zeigte sich unbeeindruckt: "Es ist Krieg, und unser Hauptanliegen sind die eigenen Soldaten und nicht in jedem Fall die (palästinensischen) Zivilisten", sagte er. Die Koordinierung von Ambulanzfahrten sei während laufender militärischer Operationen "nicht immer möglich".

Die Berichte lassen ahnen, wie die Lage in Gaza wirklich ist. Auch einem norwegischen Team von Ärzten gelang es, in den Gaza-Streifen zu kommen - offenbar hatte ihre Regierung sehr viel Druck gemacht. Die Einschätzung eines der Ärzte, der schon viele Kriege gesehen hat, ist eindeutig: Noch nie habe er eine so schlechte Versorgung gesehen, sagte er einem TV-Sender. Die Mediziner kämen mit dem Amputieren von Armen und Beinen kaum noch nach. Nach Angaben der wenigen Ärzte, die in Gaza tätig sind, herrschten in den Krankenhäusern mittlerweile chaotische Zustände.

Auch wenn die israelische Armee immer wieder ihren Willen wiederholt, die Zivilbevölkerung zu schonen, sprechen die Zahlen eine andere Sprache. Ein Vertreter der palästinensischen Gesundheitsbehörde sagte dem TV-Kanal al-Dschasira, 46 Prozent der bisher etwas mehr als 700 Toten seien Frauen und Kinder.

Auf israelischer Seite werden solche Angaben als Propaganda abgewertet. Diesen Vorwurf zu überprüfen, ist wegen der Zugangssperre allerdings nicht möglich.

"Der siebte Tag ohne einen Tropfen Wasser"

Ein freiberuflich arbeitender Kameramann hat das Leid in Gaza in bewegten Bildern festgehalten. Sein zwölf Jahre alter Bruder und der zwei Jahre ältere Cousin hatten auf dem Dach des Hauses, in dem die Familie lebt, gespielt, als eine Rakete einschlug. Beide starben. Der Kameramann filmte danach die Trauer und Verzweiflung der Angehörigen und den vergeblichen Kampf der Ärzte um das Leben der Jungen. Er nahm das Haus auf, nun voller Einschusslöcher und Blutspritzer, weinende Angehörige, die den Leichnam des Jüngeren in ein Laken hüllen und wiegen. Seine Motivation: "Meine Familie will, dass die Welt sieht, welchen menschlichen Preis dieser Konflikt fordert", zitiert ihn CNN.

Wie gefährlich es ist, in der zum Kriegsgebiet gewordenen Großstadt Gaza einen Schritt vor das Haus zu machen, erleben auch die Rettungsmannschaften am eigenen Leib. Ein Arzt, fünf Sanitäter und ein Mitarbeiter der Hilfsorganisation Care kamen seit Beginn der israelischen Angriffe am 27. Dezember ums Leben. Von 56 Kliniken funktionieren nur noch 29, und auch die nur eingeschränkt, gab die Weltgesundheitsorganisation WHO bekannt. Drei Kliniken wurden beschädigt, drei mobile Ambulanzen bei Angriffen zerstört.

Die Besuche von Patienten in den funktionierenden Krankeneinrichtungen sind laut WHO um 90 Prozent zurückgegangen. Die meisten Menschen, selbst wenn sie schwerverletzt sind, trauen sich entweder nicht aus den Häusern oder finden keinen Rettungswagen, der sie wegbringen würde. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) hatte schon in den vergangenen Tagen intern darüber geklagt, dass es praktisch nicht möglich sei, Ambulanzfahrten mit dem israelischen Militär zu koordinieren. Nun wandte sich die sonst eher diskret agierende Organisation mit ungewöhnlich scharfen Worten an die Öffentlichkeit.

Die Nachrichtenagentur dpa sprach mit Palästinensern im Gaza-Streifen, die sich über ihre Lage bitter beklagen. "Wir haben jetzt den siebten Tag in Folge ohne einen Tropfen Wasser", sagte der 26-jährige Ladenbesitzer Abu Schaaba am Donnerstag. "Die Küche ist voll schmutzigen Geschirrs, und auch unsere Kleidung können wir nicht waschen." Er habe zwei kleine Kinder, darunter ein Säugling, dessen Windeln nicht gewaschen werden können. Er gehe zwar jeden Tag auf die Suche nach Wasser und riskiere dabei sein Leben, aber es sei vergeblich.

"Wir leben von getrocknetem Zeug"

An diesem Donnerstag hat Israel erneut eine Waffenruhe für einige Stunden eingelegt, um die Versorgung für die Opfer zu verbessern. Nur während dieser Feuerpausen wagen sich viele überhaupt erst aus ihren Häusern, um nach Lebensmitteln Ausschau zu halten, es gibt lange Schlangen. In den Läden finden sie aber nach dpa-Angaben kaum mehr Milch, andere Molkereiprodukte, Eier, Mehl oder frisches Gemüse: "Wir leben von getrocknetem Zeug", sagte Mustafa, ein 40-jähriger Angestellter aus Gaza, der Agentur, "von Bohnen und Thunfischkonserven."

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat Israel und Ägypten aufgefordert, ihre Grenzen zum Gaza-Streifen zu öffnen, um humanitäre Hilfe zu ermöglichen und der palästinensischen Bevölkerung die Möglichkeit zur Flucht aus dem Kampfgebiet zu geben. Der Uno-Sicherheitsrat solle diese Forderung unterstützen, heißt es in verbreiteten Mitteilung.

mgb/ffr/AP/Reuters/dpa



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