Angst vor Attentaten Zehntausende Soldaten bewachen Kommunalwahlen im Irak

Strengste Sicherheitsvorkehrungen für die ersten Wahlen im Irak seit 2005: Rund 15 Millionen Menschen sollen ihre Stimme für die Besetzung der Kommunalparlamente abgeben. Aus Angst vor Anschlägen sind Zehntausende Soldaten und Polizisten im Einsatz - sogar mit Luftschiffen.


Bagdad - Umgeben von Stacheldrahtzäunen und Polizeiketten haben die Iraker am Samstag begonnen, über neue Kommunalparlamente abzustimmen. Die Wahlen in 14 der 18 Provinzen gelten als wichtiger Test für die sich in den vergangenen Monaten verbesserte Sicherheitslage vor dem geplanten Abzug der US-Truppen.

Tausende von irakischen Polizisten und Soldaten sicherten die Gebiete um die Wahllokale. Fahrzeuge wurden nicht in die Innenstädte gelassen, um Anschläge mit Autobomben zu verhindern. Flughäfen und Grenzen blieben geschlossen. Sicherheitskräfte untersuchten Wähler nach Sprengstoffwesten und Rückständen von Bomben.

Über den Städten schwebten neben Ballons mit politischen Botschaften der Kandidaten auch Luftschiffe, mit denen die US-Truppen versuchten, mögliche Raketen- oder Granatenangriffe aufzuspüren.

Für den ersten Urnengang seit 2005 sind 15 Millionen der 28 Millionen Iraker registriert. Die Wahllokale öffneten um 5.00 Uhr MEZ und sollen um 15.00 Uhr MEZ schließen. Mit vorläufigen Zahlen wird erst in den nächsten Tagen gerechnet, das endgültige Ergebnis könnte erst nach Wochen vorliegen. In drei kurdischen Provinzen wird getrennt gewählt. Zudem wurde in dem ölreichen Gebiet von Kirkuk der Urnengang abgesagt, weil sich niemand auf die Abstimmungsregeln einigen konnte.

"Es könnte einige Zwischenfälle geben"

Angesehen von ein paar leichteren Zwischenfällen verliefen die ersten Stunden ruhig. In Tikrit, der Heimatstadt des früheren Machthabers Saddam Hussein, schlugen drei Mörsergranaten nahe eines Wahllokals ein. Niemand wurde verletzt. Bei einem Feuergefecht mit Soldaten in dem Bagdader Elendsviertel Sadr City wurden zwei Zivilisten angeschossen. Bereits während des Wahlkampfs starben bei Anschlägen mindestens fünf Kandidaten.

DER SPIEGEL
Ein Sprecher des Innenministeriums erklärte, es sei unrealistisch, einen perfekten, gewaltfreien Tag zu erwarten. "Es könnte ein, zwei oder drei Zwischenfälle geben. Das erwarten wir. Aber dieses Land ist eine neu entstandene Demokratie. Es wäre jenseits der Erwartungen, wenn nichts passiert."

Nach dem Anfang des Jahres in Kraft getretenen Sicherheitsabkommen übergibt das US-Militär der irakischen Armee immer mehr Verantwortung im Land. Die Gewalt ist in den vergangenen Montane zwar deutlich zurückgegangen, trotzdem kommt es immer wieder zu Anschlägen. Die 2003 in den Irak einmarschierten US-Truppen sollen das Land bis Ende 2011 wieder verlassen. Der neue Präsident Barack Obama hatte aber im US-Wahlkampf immer wieder betont, die Soldaten innerhalb von 16 Monaten nach Hause zu holen.

Stimmungstest für Ministerpräsident al-Maliki

Die Hoffnung der Iraker auf einen Neuanfang ist groß. "Mein Leid hat mich dazu gebracht, zu wählen", sagte der Wahlhelfer Asad Wahajab in der südirakischen Stadt Basra. Nach der Abstimmung sei er wieder arbeitslos, erklärte der Mann. "Wir haben viel erduldet, und dies ist unsere Chance auf Veränderung." In einer Wüstenstadt nahe der syrischen Grenze erklärte der 19-jährige Jamil Kirtohamo am Rande einer von Schlaglöchern gesäumten Straße: "Es ist meine erste Wahl und ich bin wirklich aufgeregt. Ich hoffe, dass wer auch immer die Abstimmung gewinnt, er diese Straße befestigt." Über ihm bewegten sich gleichzeitig Scharfschützen der Polizei auf dem Dach der Schule, in der das Wahllokal untergebracht war.

Der Ausgang der Abstimmung gilt auch als Stimmungsbarometer für die Parlamentswahl, die ebenfalls in diesem Jahr ansteht und bei der sich Ministerpräsident Nuri al-Maliki zur Wiederwahl stellen will. Al-Maliki sieht sich zahlreichen Herausforderungen in den verschiedenen Regionen gegenüber. Im Süden fordern schiitische Rivalen seine Regierung heraus, im Westen wollen sunnitische Stammesführer nach ihrem Kampf gegen die radikal-islamische al-Qaida ihren Einfluss in religiösen Parteien stärken, während im Norden arabische Gruppen nach dem Boykott der vergangenen Wahlen versuchen, den Kurden einen Teil der regionalen Macht abzunehmen.

amz/Reuters

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