Angst vor Bürgerkrieg Pulverfass Syrien

Auf der einen Seite die Gewalt des Regimes - auf der anderen eine wachsende Zahl bewaffneter Deserteure: Die Anzeichen mehren sich, dass Syrien in einen Bürgerkrieg schlittert. Wenn Assad nicht abtritt oder weggeputscht wird, könnte ein solcher Konflikt die gesamte Region destabilisieren.

Demonstranten in Syrien: "Jetzt bist du dran, Baschar!"
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Demonstranten in Syrien: "Jetzt bist du dran, Baschar!"

Von Yassin Musharbash


Noch herrscht kein Bürgerkrieg in Syrien, denn es gibt nur eine Partei, die schießt und tötet: das Regime. Auf 3500 wird die Zahl der Todesopfer mittlerweile geschätzt, die meisten vermutlich getötet von Militär, Sicherheitskräften, Geheimdiensten und regimetreuen Paramilitärs - oder von gedungenen oder freiwilligen Schlägertrupps. Die Demonstranten, die im ganzen Land seit über einem halben Jahr immer wieder auf die Straße gehen und einen Wandel verlangen, verhalten sich fast ausnahmslos friedlich.

Doch seit einigen Wochen mehren sich mögliche Vorboten eines Bürgerkriegs. So scheint die Zahl der Soldaten, die desertiert ist und sich der "Freien Syrischen Armee" (FSA) angeschlossen hat, angeschwollen zu sein. Die Folge ist eine Zunahme bewaffneter Konfrontationen. Schon im September sagte Riad Asaad, der Oberkommandierende der Deserteurs-Truppe, zu SPIEGEL ONLINE, dass seine Männer es als ihre erste Aufgabe ansähen, die Bevölkerung zu schützen. "Wir schießen zurück", sagte Asaad, "und wenn das Regime behauptet, bewaffnete Banden hätten Sicherheitskräfte getötet, dann waren wir das."

Am Sonntag schlugen in der bis dato weitgehend ruhigen Hauptstadt Damaskus zwei Granaten im Hauptgebäude der Staatspartei Baath ein. Die FSA bekannte sich zunächst, dann zog Asaad das Bekenntnis zurück: "Wir zielen nicht auf zivile Einrichtungen." Das Regime von Präsident Baschar al-Assad versuche vielmehr, das Ansehen der Aufständischen zu schädigen.

Die Wahrheit lässt sich nicht eruieren, aber eines ist klar: Ein Szenario, in dem Syrien in den Bürgerkrieg abgleitet, ist nicht länger nur eine Horrorvision, sondern eine von mehreren Möglichkeiten.

Entscheidungskampf zwischen Alawiten und Sunniten?

Das Ziel der FSA ist es nach eigenem Bekunden, so viele Deserteure auf die eigene Seite zu ziehen, dass ein Militärputsch möglich wird. Es mag sein, dass immer mehr Soldaten dem Regime den Rücken kehren, öffentlich oder im Geheimen; aber ein Militärputsch ist trotzdem unwahrscheinlich, weil - wie die FSA selbst zugibt - die Deserteure sämtlich sunnitische Muslime sind. Das Assad-Regime jedoch wird von der alawitischen Minderheit am Leben erhalten.

Die loyalsten, am besten ausgestatteten Einheiten sind religiös und oft auch familiär an die Assad-Familie gebunden. Das erhöht die Gefahr, dass es zu einem bewaffneten Machtkampf zwischen Deserteuren und Loyalisten im großen Maßstab kommt.

Eine solche Situation würde auch die normale Bevölkerung treffen, zunächst als mögliche Opfer der Gewalt. Aber Syrien ist ein religiös-ethnischer Flickenteppich, und es stünde zu befürchten, dass dieser sich dann auflöst: Der Kampf würde wahrgenommen werden als einer zwischen Sunniten und Alawiten, und er würde im schlimmsten Fall auch in den Straßen der Städte und Dörfer ausgetragen.

Vermutlich würden einzelne soziale Gruppen dann Milizen aufstellen - zur Selbstverteidigung, zum Schutz, vielleicht aber auch, um in die Kämpfe einzugreifen. Die christliche Minderheit, gut ausgebildet, eher wohlhabend und vom Baath-Regime jahrzehntelang relativ beschützt, würde den Verlust dieser Protektion fürchten und sich möglicherweise zu rüsten versuchen. Die islamistischen Muslimbrüder, unter dem Regime verboten und bekämpft, würden als organisierter Block sichtbar werden - auf welcher Seite sie wie eingreifen könnten, ist schwer vorherzusehen. Sicher nicht als Unterstützer der Alawiten, aber auch nicht notwendigerweise als Verbündete der FSA. Hinzu kommen Stammesverbände, die ebenfalls eigene Interessen verfolgen könnten, und kleinere soziale und religiöse Gruppen.

Würde die Türkei intervenieren?

Sollte es so weit kommen, dass Syrien de facto auseinander bricht, dürfte der Konflikt auch den Libanon erfassen, der sich historisch als Teil Großsyriens verstehen lässt und unter einer ähnlichen, wenn auch nicht analogen Zerrissenheit leidet. Aber einige Konflikte des Libanon sind kommunizierende Röhren zu denen in Syrien.

Schließlich existieren weitere Faktoren, die das Chaos vergrößern könnten: In Syrien hat die Hamas ihr Politbüro. Syrien ist zudem entschiedener Gegner Israels. Das Denken der Hamas ist von außen nicht leicht zu ergründen, aber als Halbverbündeter Irans, der das Baath-Regime unterstützt, könnten sie sich zu Entlastungsangriffen auf Israel von Syrien aus hergeben. Baschar al-Assad könnte auf diese Weise versuchen, eine Art nationale Einheit im Angesicht einer Konfrontation mit Israel herbeizuführen. Die Hisbollah im Libanon könnte eine ähnliche Rolle spielen. Das alles würde nicht zuletzt von iranischen Erwägungen abhängen, die ebenfalls schwierig vorherzusagen, aber potentiell bedrohlich sind.

Gleichzeitig würden Flüchtlingsströme in großem Ausmaß entstehen. Viele Syrer würden versuchen, in die Türkei zu gelangen, die bisher die Grenzen offen hielt. Was aber wenn Hunderttausende kommen? Ankara hat sich klar von Assad distanziert und verfolgt eine eigenständige, selbstbewusste Außenpolitik. Würde die Türkei im Falle eines Bürgerkriegs in Syrien intervenieren? Auszuschließen ist das nicht - und könnte Folgen innerhalb der Türkei haben, bis hin zu Vergeltungsanschlägen.

Angst vor angeblichem Assad-Plan

Die syrische Opposition fürchtet, dass Baschar al-Assad und seine Männer gezielt Chaos schüren werden - angeblich kursiert ein Plan namens "Jüngstes Gericht", der darauf basiert, dass das Regime Anschläge verübe, um sie den Aufständischen zuzuschreiben und dann umso härter zuzuschlagen. Beweise gibt es nicht; besonderen Grund, Assad zu vertrauen, freilich ebenso wenig.

Andererseits ist Assad der einzige Akteur, der einen entscheidenden Schritt zur Deeskalation leisten könnte: Ein Rücktritt würde eine Phase der Entspannung bringen, die helfen könnte, einen konstruktiven Weg aus der Krise zu finden. Aber nichts deutet darauf hin, im Gegenteil: Assad verspricht viel, hält jedoch nichts.

Bleibt die Möglichkeit, dass Assad gewaltsam aus dem Weg geräumt wird, zum Beispiel von Militärs in seiner Umgebung. Aber bei einer solchen Entwicklung wäre sehr fraglich, ob sie noch beruhigend oder im Gegenteil erst recht eskalierend wirken würde.

Eine internationale Intervention unter Beteiligung westlicher Staaten gilt bisher noch immer als extrem unwahrscheinlich - eben weil Syrien ein solches Pulverfass ist. Libyen ist im Vergleich wesentlich homogener, hat eine kleinere Bevölkerung und zudem eine regionalpolitisch viel geringere Bedeutung. An Syrien mag sich niemand die Hände verbrennen. Andererseits ist ebenso klar: Je mehr Syrien in ein unkontrollierbares Chaos abgleitet, das ohnehin all jene schlimmen Folgen hätte, die man sonst als Konsequenzen einer Intervention befürchten könnte, desto mehr verliert dieses Argument an Durchschlagskraft. Denn dann könnte es eines Tages darum gehen, das Chaos beenden zu helfen - oder das Blutvergießen.

Nichts muss so kommen wie in diesem Szenario, und ein Bürgerkrieg ist niemandes erklärtes Ziel. Aber es kann so kommen. Die Lage in Syrien ist heute explosiver und gefährlicher denn je.

Mit Material von AP und dpa

insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
celsius234 21.11.2011
1. Na da kann man ja froh sein über den demokratischen wechsel
Zitat von sysopAuf der einen Seite die Gewalt des Regimes - auf der anderen eine wachsende Zahl bewaffneter Deserteure: Die Anzeichen mehren sich, dass Syrien in einen Bürgerkrieg schlittert. Wenn*Assad nicht abtritt oder weggeputscht wird, könnte ein solcher Konflikt*die gesamte Region destabilisieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,799009,00.html
in Tunesien, Ägypten und lybien. Und Irak erst, und Afghanistan. Wo wir sind ist die Demokratie nicht weit,... sondern sehr weit weg.
Family Man 21.11.2011
2. ?
Bewaffnete Deserteure? Das klingt aber seltsam. Deserteure laufen normalerweise weg, weil sie nicht kämpfen wollen!
unente, 21.11.2011
3. "Bürgerkrieg"?
Wie würde man eigentlich in der BRD einen "Bürgerkrieg" bekämpfen, bzw. welche Organisation sollte es tun? Müssten dann nicht die offiziellen staatlichen Sicherheitskräfte eingreifen, sich auf die Seite einer "Bürgerkriegs"-Partei schlagen und die andere Seite bekämpfen? Wie hat man das in Libyen gemacht? Da hat die NATO eine "Bürgerkriegs"-Partei für gut befunden, und die andere Seite zum Feind erklärt - und dann mit brutalster Gewalt zugeschlagen. So verfährt die Regierung in Syrien auch gerade. Fazit: mit brutaler Gewalt kann man einen "Bürgerkrieg" beenden - dann müsste man ihn auch so verhindern können. Allerdings scheint es so zu sein, dass der Westen bestimmt, wer Sieger eines "Bürgerkrieges" sein darf.
47/11 21.11.2011
4. Wie gut ...
... dass so etwas bei uns in Deutschland nichtr passieren kann : unsere bürgerfreundliche Regierung würde sofort zurücktreten, wenn die Bürger es je verlangen sollten . Und " Bundesmutti " würde auch niemals nicht die BW im Lande einsetzen und auf Ihre " Untertanen " schiessen lassen ?!!!Was bin ich aber froh und "erleichtert " .
moliebste 21.11.2011
5. USA schüren die Konflikte
Der russische Außenminister Lawrow erklärte heute, dass die Aufrufe des Westens, insbesonders von "Killary Clinton", die Opposition solle sich nicht an Verhandlungen beteiligen und die Zeit für Assad sei abgelaufen, eine Provokation darstelle. Zur Abschreckung ist jetzt ein russischer Flottenverband von Raketenschiffen in den Flottenstützpunkt Tartus eingelaufen. Offizielle Begründung : Wegen Wartungsarbeiten.
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