Angst vor Hamas-Rache Aschkelons Einwohner fürchten Raketen-Sturm

Wann schlägt die Hamas zurück? Die Einwohner der israelischen Mittelmeerstadt Aschkelon erwarten nach den Luftangriffen auf den Gaza-Streifen heftige Raketenangriffe, erste Geschosse sind bereits niedergegangen. In den Krankenhäusern bereitet man sich auf das Schlimmste vor.

Aus Aschkelon berichtet


Die Bewohnern der Stadt Aschkelon wissen, dass jederzeit ein Sturm losbrechen kann über ihrer Stadt. Eine halbe Stunde vor dem Beginn der israelischen Angriffe auf den Gaza-Streifen hatten die Stadt-Oberen der 110.000 Einwohner-Gemeinde eine Warnung der Armeeführung erhalten: Es geht los, macht euch bereit. Die Warnung war berechtigt. Um 14:02 Uhr, keine drei Stunden, nachdem Israel gegen die Hamas losgeschlagen hatte, heulten in dem Badeort die Sirenen. Sieben Raketen schlugen ein – dass niemand verletzt wurde, ist den für den Zivilschutz Zuständigen kein Trost: "Das war erst der Anfang", sagt Yossi Greenfeld, Sicherheitsbeauftragter der Stadtverwaltung. "Wir fürchten nicht nur, dass es hier irgendwann zum Big Bang kommt, wir wissen es." Die Hamas hat bereits Vergeltung angekündigt.

Die Ausläufer von Aschkelon liegen nur etwa zehn Kilometer nördlich des Gaza-Streifens. Jahrelang galt eine solche Entfernung noch als sicher, doch dann entwickelten Gazas militante Raketenbauer Geschosse die bis zu 15 Kilometer weit fliegen. Seit Frühjahr diesen Jahres ist die Hafenstadt erklärtes Ziel der Raketen-Kommandos, die wissen, dass sie mit Aschkelon einen empfindlichen Nerv Israels treffen. Denn dass eine Großstadt der ständigen Bedrohung durch die Hamas ausgesetzt war, kann Jerusalem nicht hinnehmen.

Aschkelon war auch insofern ein Wendepunkt: Die Bewohner kleinerer Orte und Kibbuze entlang der Grenze zum Gazastreifen litten seit Jahren unter dem Beschuss der feindlichen Nachbarn. Doch erst als eine Handels- und Hafenstadt ins Visier der Militanten geriet, rang sich Jerusalem durch, entschlossener zu handeln. Doch die Versuche, die Raketen-Kommandos zu stoppen, schlugen fehl. Israel akzeptierte daraufhin den halbjährigen Waffenstillstand mit der Hamas. Seit der vor einer Woche ausgelaufen ist, stehen die Bürger Aschkelons wieder da, wo sie schon im Sommer standen: an vorderster Front.

Grün für Katjuscha-Raketen, blau für Kassams

Am Samstagabend herrscht deshalb Hochbetrieb in Rathaus – oder besser darunter. Der Krisenstab der Stadtverwaltung hat im unterirdischen Bunker Stellung bezogen, gut zwanzig Männer und Frauen in neonoranger Kleidung bereiten hier den Ernstfall vor. Dutzende Kevlar-Helme hängen an Kleiderhaken, auf Flachbildschirmen laufen stumm geschaltete Nachrichtenkanäle. Die Aufmerksamkeit der Menschen in der Leitstelle gilt jedoch einem anderen Bild: Eine Satellitenaufnahme von Aschkelon wie man sie von Google-Earth kennt. Mit farbigen Kreisen sind die Einschläge von heute Mittag markiert, grün für Katjuscha-Raketen, blau für Kassams.

"Wir sind auf Szenarien mit Hunderten von Verletzten vorbereitet", sagt Sicherheitsexperte Greenfeld. Die Armee habe am Vormittag Reservisten einberufen, der Militärstützpunkt der Stadt sei voll besetzt. "Die Krankenhäuser seien in Alarmbereitschaft, Notfallteams im Falle von Wasser- oder Stromausfällen stünden bereit. Dass nicht der Bürgermeister persönlich über den Stand der Vorbereitungen berichten kann, bittet Greenfeld zu entschuldigen. "Der ist gerade beim Rundfunksender und zeichnet eine Botschaft an die Bevölkerung auf: Die Leute sollen bis auf weiteres in ihren Häusern bleiben."

Dass Greenfeld das Gefühl vermittelt, die Lage sei ernst, aber unter Kontrolle, liegt in der Natur seines Jobs. Aber nicht alle sind der Meinung, dass Aschkelon auf das, was die kommenden Tage bringen könnten, ausreichend vorbereitet ist. Im Büro von Schimon Scharf hängt ebenfalls eine Luftaufnahme der Stadt. Am 27. Februar diesem Jahres schlug da, wo der rote Punkt klebt, eine Kassam-Rakete ein – nur Schritte vom Heliport der Klinik, deren Chefarzt Scharf ist, entfernt. "Weshalb wir trotzdem noch keine verstärkten Dächer und mehr Bunker bekommen haben, ist mir schleierhaft", sagt Scharf. Gerade für sein Klinikum sei es immens wichtig, auch unter Beschuss arbeiten zu können. "Wir sind das größte Krankhaus der Gegend, versorgen die gesamte Region in der Einflugschneise der Raketen", sagt Scharf.

"Für Eltern ist die Lage besonders schwer"

Auf eine Diskussion, warum Jerusalem seiner Klinik nicht genügend Hilfe angedeihen lässt, will er sich jedoch nicht einlassen. "Es ist nicht die Zeit, meine Regierung zu kritisieren", sagt er. Als das Gespräch auf die Toten von Gaza kommt, winkt er ab: "Als Arzt hat man ein Privileg", sagt er. "Man darf ein politischer Zombie sein." Er habe dringlichere Probleme, als über die Gerechtigkeit der israelischen Offensive nachzudenken, sagt er und deutet auf die Zimmerdecke. "Das die da nur papierdünn ist, ist frustrierend."

Seit Beginn der Offensive haben Scharf und seine Kollegen improvisiert. Am Vormittag haben sie die Hälfte ihrer Patienten nach Hause entlassen. "Wir brauchen die Betten für den Ernstfall." Die restlichen Stationen werden gerade in die Tiefgeschosse verlegt. In einer Art Heizungskeller stehen ein Dutzend Kinderbetten, dicht an dicht. Kranke Babys weinen, Mütter reden nervös in ihre Handys. Stationsarzt Menachem Schlesinger geht herum, brieft die Schwestern, redet beruhigend auf die Mütter ein. "Für Eltern ist die Lage besonders schwer, die machen sich wahnsinnige Sorgen", sagt der 65-Jährige. Dass die Krankenhausleitung ihre Ärzte darauf vorbereitet hat, dass es in den kommenden Tagen Raketen hageln wird, sagt er erst, als keine Angehörigen in Hörweite stehen.

Es sind vor allem drei Patienten und ihre Mütter, um die sich Schlesinger heute Abend bemüht. Es sind palästinensische Kinder aus dem Gaza-Streifen, die für komplizierten Therapien nach Aschkelon gekommen sind. Ihre Mütter sitzen still auf den Feldbetten im improvisierten Bunker, reden wollen sie nicht. "Diese Frauen sind heute sehr unglücklich", sagt der Arzt.



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