Angst vor Veröffentlichung CIA filmte Terrorverhöre - und vernichtete die Bänder

Die Videos zeigten die ganze Härte der US-Agenten: Die CIA hat nach den Anschlägen vom 11. September die Verhöre mutmaßlicher Terroristen aufgezeichnet. Drei Jahre später vernichtete der Geheimdienst die Bänder - um ihre Veröffentlichung zu verhindern.


Washington - Die CIA hat im Jahr 2005 mindestens zwei Videobänder zerstört, auf denen die Verhöre mutmaßlicher Qaida-Terroristen durch Agenten des US-Geheimdienstes dokumentiert waren. Übereinstimmenden US-Medienberichten zufolge wurden die Bänder just zu der Zeit unschädlich gemacht, als Kongress und Justiz sich eingehend mit dem geheimen Entführungsprogramm der CIA beschäftigten und von Regierung und Behörden Aufklärung einforderten.

CIA-Zentrale in Langley: Verhöre gefilmt, Bänder vernichtet
Getty Images

CIA-Zentrale in Langley: Verhöre gefilmt, Bänder vernichtet

Die Videos sollen demnach CIA-Mitarbeiter beim harten Verhör von Abu Subeida, einem Vertrauten von Osama Bin Laden, und einem weiteren hochrangigen Qaida-Mitglied zeigen. Wie die "New York Times" ("NYT") unter Berufung auf CIA-Offizielle berichtet, wurden die Aufnahmen unbrauchbar gemacht, weil man Sorge hatte, die beteiligten Agenten könnten anhand der Bilder identifiziert und juristisch belangt werden.

Laut "NYT" erklärte CIA-Chef Michael Hayden seinen Mitarbeitern in einer Stellungnahme, dass die Aufnahmen zur "internen Kontrolle" angefertigt worden. Die Entscheidung zur Zerstörung der Bänder sei "innerhalb der CIA" getroffen worden, um die Undercover-Agenten zu schützen: Die Aufnahmen stellten ein "Sicherheitsrisiko" für die Kollegen dar, da sie und ihre Familien bei einer Veröffentlichung der Bilder Racheakte der Qaida und ihrer Sympathisanten hätten befürchten müssen.

Der Vorgang wirft die Frage auf, ob die CIA dem Kongress, der Justiz und der Untersuchungskommission zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 möglicherweise Informationen zu den geheimen Verhörprogrammen des Dienstes vorenthalten hat.

Presse bekam Wind - CIA ging in die Offensive

"Washington Post" und die "NYT" schreiben, die Weisung zur Vernichtung sei im November 2005 durch den damaligen Leiter der Abteilung für Geheimoperationen, Jose A. Rodriguez, erfolgt - und zwar kurz nachdem das US-Justizministerium einem Bundesrichter im Terrorprozess um Zacarias Moussaoui mitgeteilt hatte, die CIA besitze keine Videoaufzeichnungen von Verhören. Der französische Staatsbürger Moussaoui ist der bislang einzige Qaida-Helfer, der für die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon verurteilt wurde. Seine Anwälte hatten während des Prozesses nach Bilddokumenten von Terrorverhören gefragt. Ein Sprecher der CIA sagte der "Washington Post", die Anfrage hätte sich nicht auf die zerstörten Bänder bezogen.

In seiner Erklärung an seine Mitarbeiter behauptet CIA-Direktor Hayden den Berichten zufolge, dass führende Kongressabgeordnete über die Vernichtung der Bänder vorab informiert worden seien. Die in der fraglichen Zeit maßgeblichen Mitglieder im Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses wiesen dies gegenüber der "NYT" jedoch zurück.

Ein Sprecher des Republikaners Peter Hoekstra, zwischen 2004 und 2006 Vorsitzender des Ausschusses, sagte, Hoekstra sei "niemals darüber informiert oder darauf hingewiesen worden, dass diese Bänder existierten oder dass sie in irgendeiner Weise vernichtet werden sollten". Die zwischen 2002 und 2006 im Ausschuss führende demokratische Abgeordnete Jane Harman erklärte, sie habe CIA-Mitarbeitern vor einigen Jahren gesagt, dass sie es für ein "schlechte Idee" halte, Aufzeichnungen von Verhören zu vernichten. "Wie um alles in der Welt konnte die CIA behaupten, die Bänder seien für eine parlamentarische Untersuchung nicht relevant?", empörte sich Harman in der "NYT". Der Vorgang bestätige sie in der Ansicht, dass der Geheimdienst kein eigenes Verhörprogramm unterhalten sollte.

Gesetz gegen Folter

Die Berichte über die zerstörten Aufnahmen dürften die Debatte um die Methoden der CIA erneut anheizen. Erst gestern hatten sich Repräsentantenhaus und Senat darauf geeinigt, Folter wie das umstrittene "waterboarding", bei dem der Verhörte den Eindruck hat zu ertrinken, den Einsatz von Hunden, oder sexuelle Erniedrigungen von Häftlingen für alle US-Behörden zu verbieten.

Das Gesetz muss noch von beiden Häusern des Kongresses verabschiedet werden. Der Sprecher des Weißen Hauses, Tony Fratto, warnte bereits, dass der Präsident bei ähnlichen Gesetzesinitiativen in der Vergangenheit sein Veto angedroht habe.

Welche Verhörmethoden genau auf den vernichteten Bändern zu sehen waren, ist unklar. Laut "Washington Post" hätten mit der Angelegenheit vertraute Regierungsvertreter jedoch erklärt, dass die Aufnahmen mehrere Stunden einer "rauen Befragung" der beiden Häftlinge zeigten. Über Subeida, der erste in CIA-Gewahrsam überhaupt, war in der Vergangenheit mehrfach berichtet worden, dass US-Agenten nicht gerade sanft mit ihm umgingen.

CIA-Direktor Hayden wies in seiner Erklärung darauf hin, dass man die Zerstörung der Videos zum jetzigen Zeitpunkt nur öffentlich gemacht habe, weil US-Medien davon Wind bekommen hatten.

Die "New York Times" hatte im Oktober berichtet, Hayden habe eine Untersuchung der Arbeit des internen Generalinspekteurs der CIA, John Helgerson, angeordnet, nachdem dieser Berichten über Folter in Verhören nachgegangen war. Helgerson hatte zuvor einen Bericht über die Versäumnisse der US-Geheimdienste im Vorfeld der Anschläge vom 11. September vorgelegt und damit zahlreiche Geheimdienstmitarbeiter verärgert.

phw



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