Anhörung im US-Kongress Republikaner heizen Stimmung gegen Muslime an

Bei einer Kongressanhörung wollen US-Republikaner "radikalisierten Muslimen" nachspüren - das provoziert eine heftige Debatte. Konservative verunglimpfen den Islam, Demokraten wittern eine "Hexenjagd".
Muslime in New York (2010): "Nicht ganze Gemeinden brandmarken und dämonisieren"

Muslime in New York (2010): "Nicht ganze Gemeinden brandmarken und dämonisieren"

Foto: SPENCER PLATT/ AFP

Peter King war lange ein guter Freund der Muslime. Schon 1993 reiste der US-Republikaner nach Bosnien und Serbien, um die dortigen Minderheiten zu unterstützen, es war sein erster Auslandstrip als Abgeordneter. Auch zu den Muslimen in seinem Wahlkreis hatte er beste Beziehungen. "Kaum ein US-Politiker", prahlt der New Yorker auch heute noch, "hatte ein engeres Verhältnis zu der muslimischen Gemeinschaft und zu ihrer Führung als ich."

Doch dann kam der 11. September 2001, der Tag des Terrors, und alles änderte sich. Von seinem Bürofenster in Washington aus sah King das Pentagon brennen. Der Sohn eines Bekannten, ein Feuerwehrmann, wurde getötet.

Kings Meinung drehte sich radikal. In seinem Roman "Vale of Tears" offenbarte der Hobbyautor 2004 seine neuen Ansichten: "Die muslimische Gemeinschaft ist die radikalste und terroristischste aller Immigrantengruppen, die je in dieses Land gekommen ist", lässt er eine Hauptfigur da sagen.

US-Kongress

Diese Einstellung zieht sich seither durch Kings Karriere im - und wird am Donnerstag noch schärfer als bisher öffentlichen Ausdruck finden, dank seiner mächtigen Rolle als neuer Vorsitzender des US-Heimatschutzausschusses. Als solcher hat King eine Sitzung zu diesem Reizthema einberufen: "Das Ausmaß der Radikalisierung der muslimischen Gemeinschaft in Amerika und die Reaktion dieser Gemeinschaft."

Der Titel lässt keinen Zweifel daran, welche Antworten King hören will. So schlagen die Wogen jetzt schon hoch. Die Demokraten sprechen von einer "Hexenjagd". Keith Ellison, der erste Muslim im Kongress, verglich King mit Senator Joseph McCarthy, dem berüchtigten Kommunistenhasser des Kalten Krieges. Der Islamistikprofessor John Esposito warf King in der "Washington Post" vor, "Islamophobie im Gewand der US-Flagge" zu schüren.

Republikaner

Das Misstrauen gegen King und seine Anhörung wächst - auch, weil er um seine Zeugenliste noch ein Geheimnis macht. Bekannt sind bisher nur wenige Teilnehmer, darunter Kings muslimischer Kongresskollege Ellison.

Am Sonntag protestierten am New Yorker Times Square rund 500 Demonstranten im strömenden Regen gegen die "Stigmatisierung" von Muslimen. Am selben Tag schickte US-Präsident Barack Obama seinen Vize-Sicherheitsberater Denis McDonough in eine Moschee nach Virginia, um den Betenden zu versichern, dass "wir wegen der Handlungen von wenigen nicht ganze Gemeinden brandmarken und dämonisieren werden".

"Dies wird in der ganzen islamischen Welt nachhallen"

Die Anhörung, die der konservative Kabelsender Fox News seit Tagen aufbauscht, soll nur die erste einer ganzen Reihe zum Thema Muslime sein. Kings Kritiker fürchten, dass sich die Lage dadurch verschärfen könnte. "Wenn man nach dem Schlimmsten im Islam sucht und es dann so darstellt, als seien das die religiösen Ansichten von 1,6 Milliarden Menschen, stärkt man die wahren Extremisten nur", warnte der Terrorismusexperte Brian Fishman von der New America Foundation in der "New York Times".

"King muss einsehen, dass dies nicht nur eine Anhörung in Washington ist", sagte auch Faroque Khan vom Islamic Center in Long Island dem "New York Magazine". "Dies wird in der ganzen islamischen Welt nachhallen. Und je nachdem, wie er es handhabt und wie es läuft, könnte es noch mehr Probleme schaffen."

Die Debatte plagt die mit Vorurteilen und irrationalen Ängsten ringenden USA. Die Furcht vor einer Infiltrierung Amerikas durch radikale Islamisten bricht immer wieder durch.

Das Bild der US-Muslime ist seit dem 11. September 2001 in der Tat weniger von der Realität ihrer Religion geprägt als von den Terror-Schlagzeilen der letzten Jahre: Faisal Shahzad, der 2010 am Times Square eine Bombe hochgehen lassen wollte; Nidal Hasan, der 2009 im Militärstützpunkt Fort Hood 13 Menschen erschoss; die "Lackawanna Six", eine Bande aus Exil-Jemeniten, die 2002 als mutmaßliche al-Qaida-Schläferzelle verhaftet wurden.

Muslime sind die neuen Sündenböcke

Ganze Gesellschaftgruppen pauschal als Sündenböcke für die Verfehlungen Einzelner haftbar zu machen - das ist nichts Neues in der Geschichte, auch in den USA nicht. Ob sich die Stimmung gegen Kommunisten, Schwarze, Juden oder Japaner richtete: Keine Generation Amerikas hat da eine weiße Weste.

Jetzt also geht es gegen die Muslime - und es sind vor allem Republikaner und Rechtskonservative, die gegen sie wettern. Als im Sommer vorigen Jahres eine Islam-Vereinigung in Lower Manhattan ein Begegnungszentrum mit Gebetssaal bauen wollte, brachten die Kritiker diese "Moschee bei Ground Zero" schließlich zu Fall - unter anderem dank des heftigen Engagements von Polemikern wie Sarah Palin.

"Im vergangenen Jahr ist die anti-muslimische Stimmung landesweit auf ein sehr beunruhigendes Maß angewachsen", berichtet Ibrahim Hooper, der Sprecher des Council on American-Islamic Relations (CAIR), der größten islamischen US-Bürgerrechtsbewegung. Der Streit bringt US-Präsident Obama unter Zugzwang. 18 Prozent der Amerikaner - und sogar 34 Prozent der Republikaner - halten ihn selbst für einen Muslim. Viele Muslime dagegen fühlen sich von Obama im Stich gelassen - trotz seiner hochgelobten Rede an die islamische Welt im Juni 2009 in Kairo.

Verschwörungstheorien und Brandschriften

Die Stimmung gegen Muslime in den USA nutzt besonders die Organisation ACT! for America. Deren Gründerin Brigitte Gabriel wuchs als Christin im Libanon auf, floh aber vor den Kriegswirren in die USA. "In der muslimischen Welt ist Extremismus Mainstream", schrieb sie 2008 in ihrer Brandschrift "Because They Hate: A Survivor of Islamic Terror Warns America" ("Warum sie hassen: Eine Überlebende des islamischen Terrors warnt Amerika"). Vom Koran gehe ein "Krebsgeschwür" aus, das auch die USA "auf allen Ebenen" infiziert habe - "CIA, FBI, Pentagon, Außenministerium".

ACT! for America behauptet, 155.000 Mitglieder in 500 US-Ortsverbänden zu haben. Es pflegt enge Kontakte zur Tea Party und zu den Christlich-Konservativen, zwei Gruppen der republikanischen Basis. Einen weiteren Vasallen offenbarte Gabriel jetzt: "Wir arbeiten mit Peter King zusammen."

Auch King - der ansonsten nicht als Hardliner gilt - ist überzeugt, dass die USA von radikalen Muslimen unterwandert sind: "Von der muslimischen Gemeinde geht eine echte Bedrohung für unser Land aus." Er behauptet, 85 Prozent aller US-Moscheen hätten eine extremistische Führung. Seine Quellen nennt er nicht, beruft sich statt dessen auf Geheiminformationen, die er als Chef der Heimatschutz- und Geheimdienstausschüsse habe.

Viele Muslime weigerten sich, mit der Polizei zu kooperieren, so King. Abgesehen davon, dass auch auf Seiten der Muslime Angst und Vorurteile herrschen, ist das jedoch nicht belegt. Im Gegenteil: Nach einer Studie des Triangle Center on Terrorism and Homeland Security an der Duke University wurden von den 120 US-Muslimen, die seit dem 11. September 2001 terroristischer Aktivitäten verdächtigt wurden, 48 von Glaubensbrüdern angezeigt - manche sogar von den eigenen Verwandten.

Von Kings Populismus ließen sich die Teilnehmer der Demonstration am Times Square am Sonntag nicht beeindrucken. Gekommen waren auch Feisal Abdul Rauf, der geistige Kopf hinter der "Ground-Zero-Moschee", und der Rabbi Marc Schneier, Präsident der Foundation for Ethnic Understanding. Die Inszenierung der Anhörung sei ein "Unrecht", sagte Schneier und fügte hinzu: "Heute bin auch ich ein Muslim."

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