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Berlin-Attentäter erschossen: Die Nacht von Mailand

Foto: Daniele Bennati/ dpa

Das kriminelle Leben von Anis Amri Endstation Mailand

Anis Amri wurde in Mailand erschossen. Er hinterlässt Spuren eines tristen kriminellen Lebens und viele offene Fragen - auch an italienische Behörden.

Drei Uhr nachts, auf dem Platz des 1. Mai in Sesto San Giovanni, einer öden Vorstadt im Norden der Dreieinhalb-Millionen-Metropole Mailand. Eine Polizeistreife auf Kontrolle sieht einen Mann mit Rucksack auf dem ansonsten menschenleeren Platz. Offenbar war der gerade vom Bahnhof gekommen. Die zwei Beamten im Auto fahren zu ihm, stoppen, bitten um die Ausweispapiere. Routine. Wie es scheint.

Der Mann stellt den Rucksack auf den Boden, kramt darin und während die Polizisten darauf warten, dass er seinen Ausweis präsentiert, zückt der eine Pistole und feuert. Einen erwischt er an der Schulter. Dann trifft es ihn, tödlich. Der uniformierte Schütze heißt Luca Scatà. 29 Jahre alt, Beamter auf Probe. Der Angreifer heißt Anis Amri, der Islamist, der in Berlin zwölf Menschen getötet und fast 50 verletzt hat.

"Allahu Akbar" habe er gerufen, während er schoss, berichten italienische Medien. Andere wollen wissen, er habe "Scheißbullen" gebrüllt. Klar indes scheint die Identität des Opfers zu sein. An der bestehe "nicht der geringste Zweifel", sagt später Italiens Innenminister Marco Minniti. Italien könne "stolz sein", sagt er noch dazu, man habe gezeigt, dass die "Kontrolle des Territoriums" funktioniere, dass ein gesuchter Flüchtiger umgehend "identifiziert und neutralisiert" werde. (Alle Entwicklungen hier im Newsblog)

Im Video: Tödliche Schüsse in Mailand

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"Ich schneide dir den Kopf ab"

Nur, wenn man die Geschichte etwas genauer betrachtet, wäre vielleicht ein wenig mehr italienische Selbstkritik angebracht. Denn Amri war fast fünf Jahre in Italien, überwiegend in Gefängnissen. Und als er 2015 das Land - Richtung Deutschland - verließ, wussten die Behörden über seine Gefährlichkeit Bescheid. Die Gefängnispolizei hatte dem Anti-Terror-Zentrum einen umfangreichen Bericht über Amris "Radikalisierung und Bereitschaft zu islamistischem Terror" geschickt. Danach habe er einem christlichen Mithäftling etwa angedroht: "Ich schneide dir den Kopf ab."

Ob Anis Amri schon in seiner tunesischen Heimat als Jugendlicher ohne Perspektiven zum islamistischen Fanatiker wurde, ist nicht klar. Klar ist, er kam nicht, wie viele seiner Landsleute, als "Kind des arabischen Frühlings" übers Mittelmeer nach Europa. Er kam als Verbrecher auf der Flucht.

Ein Jahr soll er in seiner Heimat schon eingesessen haben, weil er einen Lkw geklaut hatte. Und als er Tunesien hinter sich ließ, drohten ihm dort wegen eines bewaffneten Raubüberfalls weitere fünf Jahre Knast, erzählte sein Vater jetzt dem tunesischen Radiosender Mosaique.

Auf Gefängnistour in Sizilien

Von Nordafrika nach Europa gab es damals, Anfang 2011, eigentlich nur den Weg über die Insel Lampedusa. Aber auch der war monatelang versperrt, weil Italien sich überfordert sah, die schnell wachsende Zahl der Migranten aufzunehmen.

Die Infrastruktur des kleinen Eilands weit vor der italienischen Küste brach zusammen. Italiens damaliger Regierungschef Silvio Berlusconi eilte herbei und "löste das Problem" auf die ihm eigene Art: Die 13.000 sich auf Lampedusa drängenden Flüchtlinge dürften nach Italien, versprach er, mit Ausnahme jener, die in Tunesien aus dem Knast oder vor der Polizei geflohen waren. Die tunesischen Behörden würden das zügig klären. Und sie würden alle weiteren Flüchtlingstrecks übers Mittelmeer unterbinden.

Überblick: Der Weg des Anis Amri durch Europa

Nichts von beidem wurde wahr - und so gelangte auch der Jungkriminelle Amri problemlos nach Italien. Und das, obwohl er offenbar sogar auf Lampedusa Spuren hinterlassen hatte: Gemeinsam mit Freunden soll er in der Flüchtlingsunterkunft Feuer gelegt haben. Aus Protest, dass man sie nicht schneller aufs Festland brachte.

Er kam nach Sizilien und auch dort ging sein Leben mit Lug und Trug weiter: Er sei 17 Jahre alt, sagte er. Tatsächlich war er längst 18 - also nicht minder-, sondern volljährig. Bei seiner "Karriere" ist der kleine Unterschied allerdings wichtig: Als Amri, nur ein paar Monate später, am 24. Oktober 2011 verhaftet wurde - wegen Brandstiftung, Körperverletzung, Bedrohung und Diebstahl - wurde er in einer Jugendstrafanstalt festgesetzt und nicht in dem harten Knast für Erwachsene.

Vier Jahre saß er in verschiedenen sizilianischen Haftanstalten ein. Und spätestens dort profilierte er sich als "Führer der jungen Islamisten", wie ein Bericht der Sicherheitsbehörden seinerzeit vermerkte.

Amris Abgang in Italien: Freigelassen und vergessen

Als er 2015 entlassen wurde, legte ihm die Polizei gleich einen Ausweisungsbescheid vor. Aber die tunesischen Behörden, die die Herkunft des Abzuschiebenden hätten bestätigen müssen, damit es zum Vollzug der Ausweisung kommen kann, hatten offenbar wenig Interesse, ihren hochkriminellen Staatsbürger zurückzunehmen. Sie verschleppten das Verfahren so lange - so jedenfalls stellen es die italienischen Behörden dar - bis die vom italienischen Recht vorgeschriebene Frist für ein solches Verfahren überschritten war. Die Ausweisung war damit gescheitert. Nun wollten auch die Italiener den gefährlichen jungen Mann offenkundig nicht unbedingt im Land behalten.

Amri wurde freigelassen und reiste, vermutlich im September 2015, ungehindert nach Deutschland. Italien habe freilich, so sagen die dortigen Behörden, alle Informationen über den gefährlichen, kriminellen und islamistisch radikalisierten Tunesier in die Europäische Polizeidatenbank und in das Schengen-Informationssystem eingespeist. Die deutschen Behörden hätten also alles über dessen Untaten in Italien erfahren können.

Italiens Behörden interessierten sich offenbar erst im Juni 2016 wieder für Amri. Das legt ein Bericht der Polizei von Catania nahe, den die römische Zeitung "La Repubblica" zitiert. Demnach wollte das römische Innenministerium damals genaueres über Amris Jahre in den sizilianischen Gefängnissen wissen. Aber da war der längst unerreichbar für die Italiener. In deren Hoheitsbereich kehrte er erst jetzt, nach seiner grauenhaften Tat in Berlin zurück. Mit der Eisenbahn reiste er über Chambéry in Frankreich nach Turin, dann nach Mailand. Dort kam er gegen ein Uhr an und fuhr zwei Stunden später weiter nach Sesto San Giovanni. Seiner Endstation.

Viele offene Fragen

Doch der Fall ist damit längst nicht zu Ende. Vieles ist ungeklärt. Auch in Italien. Warum zog es Amri nach Mailand? Nach Italien? Wo die Behörden mehr über ihn wissen, als irgendwo sonst? Warum riskierte er das? Zu wem hatte er Kontakt aufgenommen und wie? Ein Handy fand man nicht bei ihm (inzwischen haben Ermittler in Berlin sein Mobiltelefon sichergestellt). Auch keine Adresse.

Aber niemand fährt zufällig nächtens nach Sesto San Giovanni. Früher war das eine Arbeiterstadt. Heute ist es eine krisengeplagte Problemzone. Mit vielen Drogen und Islamisten. Dort, wie im gesamten Mailänder Raum, gebe es radikalislamische Netzwerker zu Hauf, heisst es.

Video: Terror in Berlin - Chronik der Ereignisse

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