Terroranschlag in Ankara Die Türkei trauert, die Türkei zürnt

Proteste, Trauermärsche, Streiks: Nach den Anschlägen von Ankara will die Regierung zur Tagesordnung zurückkehren - doch viele Türken weigern sich. Sie misstrauen Staatschef Erdogan.

AFP

Von , Ankara


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Ein paar Dutzend Rosen, willkürlich verstreut am Straßenrand. Mehr lassen die türkischen Behörden an Gedenken nicht zu. Mindestens 97 Menschen starben und mehrere Hundert wurden zum Teil schwer verletzt, als sich vergangenen Samstag vermutlich zwei Attentäter auf einer Friedensdemonstration am Bahnhofsplatz in Ankara in die Luft sprengten.

Nun, wenige Tage nach dem schlimmsten Anschlag in der jüngeren türkischen Geschichte, ist in Ankara von den Spuren der Tat nicht mehr viel zu sehen. Die Stadt hat die Straße gereinigt und die Scheiben des Bahnhofsgebäudes ersetzt, die bei der Bombenexplosion zerbarsten. Auch der Verkehr ist längst wieder freigegeben.

Nichts, so scheint es, soll an das Massaker erinnern.

Polizisten bewachen den Bahnhofsplatz. Sie halten Trauernde fern. Die Regierung will offenbar mit aller Macht verhindern, dass der Ort zu einem Mahnmal wird, womöglich gar zu einer Stätte des Protests. Denn die Wut vieler Türken ist inzwischen fast so groß wie ihre Trauer um die Toten.

Viele Türken weigern sich, wieder zur Tagesordnung überzugehen. In einigen Städten formierten sich am Montag Trauer- und Protestzüge. Gewerkschaften und Verbände riefen landesweit zu Streiks auf.

Im Istanbuler Stadtteil Maltepe etwa, so berichtet es die Zeitung "Hürriyet Daily News", legten Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung ihre Arbeit nieder und zogen durch die Straßen. Anwälte skandierten Protestslogans vor Gericht, Studenten boykottierten ihre Lehrveranstaltungen, Angestellte demonstrierten.

Klima der Unsicherheit und Brutalität

Zwar glaubt nur eine Minderheit, die Regierung von Recep Tayyip Erdogan könnte tatsächlich hinter dem Anschlag stecken, doch viele sagen, der Präsident habe durch seine Innen- und Außenpolitik in den vergangenen Jahren zur Eskalation der Gewalt beigetragen.

Der türkische Autor und Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk fasst als prominenter Kritiker der AKP-Regierung nur in Worte, was viele denken und fürchten: Pamuk warnt, das Land könne in einem sektiererischen Konflikt versinken - und weist Erdogan die Schuld zu, weil er ein Klima der Unsicherheit und Brutalität geschaffen habe. Erdogan habe aus wahltaktischen Gründen den Krieg gegen die Kurden neu entfacht und das Land ins Chaos gestürzt, so zitiert die Zeitung "Hürriyet Daily News" den Schriftsteller.

Suche nach den Tätern

Mahnungen wie die des Vize-Ministerpräsidenten Numan Kurtulus verhallen in dieser Stimmungslage. Der AKP-Mann mahnte Einheit und Solidarität an. Die Hintergründe des Anschlags seien zwar noch nicht geklärt, aber man habe bereits "eine große Zahl" Verdächtiger festgenommen. Die Fahnder stünden kurz davor, die Verantwortlichen zu identifizieren. Die Terroristen seien es, die das Land mit ihren Anschlägen spalten wollen.

Der Vorsitzende der prokurdischen HDP, Selahattin Demirtas, warf der Regierung hingegen erneut vor, von den Anschlagsplänen gewusst und nichts dagegen unternommen zu haben. Das politische Klima ist mittlerweile so vergiftet, dass auch die Neuwahlen Anfang November kaum Besserung versprechen. Wie sollen Parteien miteinander koalieren, deren führende Vertreter sich des Terrorismus bezichtigen?

"Das optimistische Szenario ist, dass sich eine breit aufgestellte Regierung bildet", sagt Sinan Ulgen vom Thinktank Edam in Istanbul. Diese Regierung müsse sich auf einen Neustart des Friedensprozesses mit den Kurden konzentrieren und für Stabilität sorgen. "Die andere Möglichkeit ist, dass wir dasselbe Bild haben wie heute, dass keine Koalition gebildet wird, dass die Türkei in eine tumultartige Zukunft geführt wird."

Mitarbeit: Oliver Trenkamp


Zusammengefasst: Bei zwei Explosionen in der türkischen Hauptstadt Ankara sind am Samstag mindestens 97 Menschen gestorben, Hunderte weitere wurden verletzt. Noch ist unklar, wer dafür verantwortlich ist. Die Regierung möchte schnellstmöglich zum Alltag zurückkehren, doch viele Bürger sind traurig und wütend. Präsident Erdogan habe durch seine Politik zur Eskalation der Gewalt im Land beigetragen.

Video: Premier Davutoglu macht IS für Anschlag verantwortlich

Mit Material von AP und Reuters

insgesamt 37 Beiträge
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ubiorum 13.10.2015
1. Die Türkei muss in die EU
damit man Sie kontrollieren kann. Hinzu käme das die Türkei durch einen Beitritt enorm stabiler und das Land als säkularer Staat gestärkt wäre. Ich halte es für falsch die Türkei von Europa fern zu halten. Als Grieche ist das für mich die einzige Lösung in dem man das Land durch Verträge bindet und integriert. Vor allem würde man die liberalen Kräfte im Land stärken und den Türken das Gefühl geben sich als Europäer zu fühlen.
majonga 13.10.2015
2. leider ist es aus für Erdogan
Hass ?S Unterstützung Zwiespalt säen etc... Irgendwann geht es einfach nicht mehr. Die AKP hat mit ihrer hasspolitik gemeinsam mit dem Staat im Staate die komplette türkische Bevölkerung in Missmut gebracht, die kurden aufgehetzt, angst geschürt. .. Aber dann sagen die AKP Leute wenn wir 400 Abgeordneten hätten wäre dies nicht alles passiert. allein schon das bei allen 3 demos die die HDP inietiert hat waren keine sicherheitskräfte anwesend. Was kommt nach der Wahl? Noch mehr Hass ,noch mehr hetzte noch mehr....Ein Menschenleben hat zur Zeit in der Türkei keinen Wert mehr. Das schlimme ist das die Anhänger der AKP immer noch hinter der Verlogenheit des Sultans steht wie eh und je. Es wird leider Gottes immer schlimmer in der Türkei. Hut ab vor den kurden da sie an allen drei Fronten tapfer gegen Erdogan und seine ?S mutig bis zum Schluss kämpft.
ozoli 13.10.2015
3. Kein Problem ...
... fuer Erdogan. Er wird ziemlich bald in guter alter Putinmanier einen oder mehrere Schuldige praesentieren, die sich, natuerlich ohne nachzuhelfen, schuldig bekennen werden.
mesalliance 13.10.2015
4.
arme türkei.. trauen sich die leute nur nicht zu sagen dass der anschlag extrem deutlich nach einem werk von erdogan und seinen leuten ist, oder trauen sie sich nicht einmal es zu denken?
kojak2010 13.10.2015
5.
>>>doch viele Türken weigern sich. Sie misstrauen Staatschef Erdogan.
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