Anklage in der Türkei Staatsanwalt wirft deutschem Autor Umsturzversuch vor

Dem Kölner Autoren Dogan Akhanli droht in der Türkei lebenslange Haft. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Der Deutsche mit türkischen Wurzeln sei Chef einer linksextremen Terrorgruppe und habe einen bewaffneten Umsturzversuch geplant. Der Angeklagte weist das empört zurück.


Istanbul - Die türkische Staatsanwaltschaft fordert lebenslange Haft für den deutschen Autor Dogan Akhanli. In der Anklageschrift wird dem türkischstämmigen Schriftsteller ein bewaffneter Umsturzversuch zur Last gelegt, der nach dem türkischen Strafgesetzbuch mit einer lebenslangen Gefängnisstrafe geahndet wird.

Akhanli selbst reagierte bestürzt. Die Kölner Organisation "Recherche International", bei der Akhanli mitarbeitet, sprach von einem "absurden Schauspiel". Wann der Prozess beginnen soll, steht noch nicht fest.

Akhanli soll im Oktober 1989 an einem bewaffneten Überfall auf eine Wechselstube in Istanbul beteiligt gewesen sein, bei der ein Mensch starb. Die Anklage wirft Akhanli vor, als Führungsmitglied einer linksextremen Terrorgruppe gehandelt zu haben und den Umsturz der verfassungsmäßigen Ordnung angestrebt zu haben.

Der Autor, der seit Anfang der neunziger Jahre in Deutschland lebt, die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt und sich unter anderem in der für die Türkei sehr heiklen Armenierfrage engagiert, war Mitte August bei der Einreise in die Türkei verhaftet worden. Er hatte seinen kranken Vater besuchen wollen.

Akhanli weist die Vorwürfe der Anklage zurück. Laut seinem Anwalt Haydar Erol basiert die Anklage auf einer Aussage, die unter Folter erpresst wurde. Für Akhanli entlastende Zeugenaussagen seien von der Staatsanwaltschaft ignoriert worden. "Ich habe mit vielem gerechnet, bin aber davon ausgegangen, dass es Grenzen gibt", zitierte Erol seinen Mandanten. "Ich habe mich getäuscht." Der Anwalt vermutet, der in der Türkei politisch missliebige Akhanli habe mit allen Mitteln hinter Gitter gebracht werden sollen. Dessen Festnahme sei eine späte Abrechnung mit der politischen Linken.

ffr/AFP/dpa



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Seite 1
w.-d.w 08.09.2010
1. wer ist hier einTerrorist?
Zitat von sysopDem Kölner Autoren Dogan Akhanli droht in der Türkei lebenslange Haft. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Der Deutsche mit türkischen Wurzeln sei Chef einer linksextremen Terrorgruppe und habe einen bewaffneten Umsturzversuch geplant. Der Angeklagte weist das empört zurück. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,716331,00.html
Laut Akhanlis Anwalt Haydar Erol basiert die Anklage auf einer Aussage, die unter Folter erpresst wurde. Für Akhanli entlastende Zeugenaussagen seien von der Staatsanwaltschaft ignoriert worden. R.T Erdogan lässt grüßen ...
NaDenn 08.09.2010
2. Alles klar
"... und sich unter anderem in der für die Türkei sehr heiklen A r m e n i e r f r a g e engagiert..." Genozid - der Vorläufer (30 Jahre) des Holocaust. Damals eben an Christen - denen bis heute der Gebrauch Ihrer eigenen Sprache verboten ist.
delta058 08.09.2010
3. typisch
Zitat von sysopDem Kölner Autoren Dogan Akhanli droht in der Türkei lebenslange Haft. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Der Deutsche mit türkischen Wurzeln sei Chef einer linksextremen Terrorgruppe und habe einen bewaffneten Umsturzversuch geplant. Der Angeklagte weist das empört zurück. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,716331,00.html
Also ein Überfall auf eine Wechselstube ist ein Umsturzversuch? Was ist dann ein Banküberfall in der Türkei, ein Weltkrieg? Das in der Türkei unter Folter erpresste Aussagen als Beweise genommen werden ist nicht neu, genauso wenig wie die Willkür wenn es gegen angebliche Staatsfeinde geht. Staats ist da ja jeder der es wagt Wahrheiten auszusprechen die nicht ganz in das geschichtliche Selbstbild der Türken passen, egal ob es um die Kurden, die Armenier oder die Zyprioten geht. Bin gespannt wie sich das auf die Beziehungen zu Dt. auswirkt, vor allem wenn man die aktuelle Situation in Dt. bedenkt.
hilfloser, 08.09.2010
4. Na,
die Deutschen werden ihren Landsmann schon raushauen. Und wegen der Milde und Großzügigkeit des türkischen Staats und Rechtsapparates würde ich gern auch mal wieder die Eu-Beitrittsfrage aufs Tablet bringen. Die Türkei ist ja nun mittlerweile WIRKLICH soweit, wie man sieht!
OK123, 08.09.2010
5. Wen wunderts...
in einem Staat, in dem es einen strafrechtlichen Tatbestand der "Beleidigung des Türkentums", der mit Haftstrafen geahndet werden kann, gibt? Die Türken stimmen gerade über eine Verfassungs"reform" ab, in der u.a. die Auswahl von Richtern und die Kontrolle der Justiz dem Parlament unterstellt werden soll. Noch Fragen? Ist das nun eine Demokratie, oder nicht doch eher eine Diktatur (wenn man mal ehrlich ist)? Da hilft auch das Wirtschaftswachstum nix, wenn sich das Bewusstsein nicht mitentwickelt.
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