Anklagen gegen Milosevic Gräueltaten in Bosnien, Kroatien und Kosovo


Den Haag - Der jugoslawische Ex-Staatschef Slobodan Milosevic steht zunächst wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen in der serbischen Provinz Kosovo vor dem Uno-Tribunal. Die Anklagen wegen Verbrechen in Kroatien und Völkermordes in Bosnien werden vermutlich in diesem Sommer präsentiert. Für alle Vorwürfe sieht Chefanklägerin Carla Del Ponte ein einheitliches Motiv und einen inneren Zusammenhang. Deshalb stimmte das Tribunal ihrem Antrag zu, später einen einheitlichen Balkan-Prozess gegen Milosevic zu führen.

Die Kosovo-Anklage: Sie bezieht sich auf Verbrechen zwischen dem 1. Januar 1999 und dem serbischen Truppenabzug aus der Provinz am 20. Juni 1999. Milosevic wird zur Last gelegt, so genannte ethnische Säuberungen von Nicht-Serben geplant, angeordnet, überwacht und gezielt gefördert zu haben. Vier weitere prominente Serben, die noch frei sind, seien daran beteiligt gewesen. Ziel sei die Sicherung eines "Groß-Serbiens" gewesen. Der Angeklagte habe durch ein "gemeinschaftliches kriminelles Unternehmen" eine gezielte Kampagne des Terrors vorbereitet und betrieben. Tausende Menschen seien ermordet, 600.000 bis 800.000 ethnische Albaner gewaltsam verjagt, gefangen, gefoltert oder ausgeplündert worden.

Die Kroatien-Anklage: Sie stammt vom Oktober 2001 und wirft Milosevic vor, als Präsident Serbiens 1991 und 1992 für die Vertreibung von 170.000 Nicht-Serben aus ihrer Heimat und den Mord an Hunderten Zivilisten verantwortlich zu sein. Er habe die Verbrechen "geplant, angestiftet, angeordnet, begangen" oder deren Vorbereitung unterstützt und begünstigt. Obwohl er nicht formeller Chef der jugoslawischen Armee und serbischen Freischärler war, sei er "Mittäter" gewesen. Zu den Milosevic konkret angelasteten Verbrechen gehört auch das Massaker in einem Krankenhaus der ostslawonischen Stadt Vukovar, dem im November 1991 schätzungsweise mehr als 400 Menschen zum Opfer fielen.

Die Bosnien-Anklage: Im November 2001 wurden darin Milosevic Völkermord und Beihilfe vorgeworfen, die schwerwiegendsten aller Verbrechen, begangen in den Jahren 1992 bis 1995. Er trage die Verantwortung für das "Töten von Tausenden bosnischer Muslime und bosnischer Kroaten". Als konkretes Verbrechen nennt die Anklage das Massaker von Srebrenica im Juli 1995. Unter den Augen niederländischer Uno-Soldaten hatten damals bosnisch-serbische Truppen die Muslim-Enklave erobert und die Menschen vertrieben. Etwa 8000 Bewohner gelten seither als vermisst. Die Anklage nennt 14 mutmaßliche Mittäter. Zu ihnen zählen General Ratko Mladic, der den Srebrenica-Einsatz kommandierte, und Radovan Karadzic, damals Präsident der bosnischen Serben.



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