Internationale Presseschau "Deutschland steht unter Schock"

Die Angriffe in Deutschland werden auch im Ausland besorgt verfolgt. Pariser Medien ziehen Parallelen zu islamistischen Anschlägen in Frankreich, Polen trauert um die in Reutlingen getötete Frau. Die Presseschau.

Altstadt von Ansbach
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Altstadt von Ansbach


Der schnelle Überblick
    • Mohammad Daleel, 27, hat am Sonntagabend bei einem Musikfestival im fränkischen Ansbach eine Splitterbombe gezündet und sich damit selbst getötet.

  • • 15 Personen wurden verletzt, vier von ihnen schwer.

  • • Der Syrer Daleel hatte 2014 Asyl in Deutschland beantragt, der Antrag wurde abgelehnt. Er lebte mit einer Duldung in Ansbach.

  • • Ein Video auf Daleels Handy zeigt einen Vermummten, der Daleel sein soll. Er droht mit einem Anschlag "im Namen Allahs" und bekennt sich zum "Islamischen Staat".

• Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen wegen Terrorverdachts an sich gezogen.

Nach dem Anschlag in Ansbach berichtet und kommentiert auch die internationale Presse die Tat - aus ganz verschiedenen Blickwinkeln. Die meisten konzentrieren sich auf sachliche Berichte über das Vorgehen des Attentäters und seine Motivation. Immer wieder werden Parallelen gezogen zu innenpolitischen Diskussionen, die im jeweiligen Land geführt werden.

Ein Überblick:

Im Nachbarland Frankreich - selbst immer wieder Opfer von Angriffen - werden insbesondere die islamistischen Taten verfolgt. "Deutschland stürzt in den Terror", schreibt "Le Figaro" und weist darauf hin, dass nun auch Deutschland vom "Islamischen Staat" getroffen worden sei.

Wie sich schützen vor künftigen Attacken? In Frankreich wird die Diskussion über Sicherheit zurzeit intensiv geführt. Nach dem Attentat von Nizza machen sich lokale Verantwortliche und die Pariser Regierung gegenseitig heftige Vorwürfe. Die französischen Medien weisen aber darauf hin, dass nur zwei Attacken der vergangenen Tage in Deutschland offenbar einen islamistischen Hintergrund hatten.

Nach der Serie von Bluttaten stehe "Deutschland unter Schock", schreibt "Le Monde". Auch wenn die Debatte über die Flüchtlingspolitik sich in den vergangenen Monaten nach Schließung der Balkanroute beruhigt habe, so könnten diese Ereignisse die politische Debatte neu befeuern, vermutet "Le Monde".

Ähnlich sieht das "El País" aus Spanien. Kritiker des Kurses von Kanzlerin Angela Merkel fühlten sich nun angestachelt, meint die Tageszeitung. Besonders gelte das für die bayerische Regierung, so "El Mundo" aus Madrid. Die Zeitung konzentriert sich ebenfalls auf die mögliche Debatte um die Flüchtlingspolitik und verweist darauf, dass der Ton zwischen Berlin und München in den vergangenen Monaten rauer geworden ist.

Betroffen zeigen sich Medien in Italien. "Der Albtraum, in den Deutschland gestürzt ist, scheint in diesen Stunden kein Ende zu nehmen", schreibt der Mailänder "Corriere della Sera". Als der Schmerz nach dem noch frisch gewesen sei, "haben zwei weitere Attacken die Nerven des Landes angegriffen".

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Anschlag in Ansbach: Vom Asylsuchenden zum Attentäter

In Großbritannien wird fast überall prominent und nachrichtlich über Ansbach berichte. Die Medien halten sich mit einer kommentierenden Einordnung der Geschehnisse zurück. Im Liveblog des "Guardian" stellt die Autorin Kate Connolly fest: Einer der interessantesten Punkte der Pressekonferenz von Innenminister Thomas de Maizière sei seine Verteidigung der Einwanderungspolitik von Kanzlerin Merkel gewesen.

In Polen gehen die Portale gelassen mit dem Anschlag um, aufgedrehte Schlagzeilen gibt es dort nicht zu lesen - die Einwanderungsdebatte hingegen wird offensiver abgebildet. Innenminister Marian Blaszczak sagte der Zeitung "Rzeczpospolita": "Die Probleme, die derzeit unsere Nachbarn umtreiben, sind das Ergebnis einer jahrzehntelangen Einwanderungspolitik, das Resultat einer Multikulti-Politik, das Resultat dessen, dass über Jahre Immigranten aus dem Nahen Osten und Nordafrika hereingelassen wurden, die sich nicht in die europäische Gesellschaft integrieren."

Bei Twitter geht es krawalliger zu. Der PiS-Abgeordnete Dominik Tarczynski schrieb dort: "Dringend. Eine Polin, schwanger, wurde ermordet mit einer Machete durch einen syrischen Flüchtling. Das kann nur eines heißen: Krieg gegen die Hunde des islamischen Terrors." Damit bezog er sich auf die Attacke von Reutlingen, bei der ein Syrer auf eine Frau losgegangen ist, die möglicherweise seine Freundin war. Berichte über eine Schwangerschaft des Opfers bestätigte die Polizei nicht.

Von der Tirade des PiS-Abgeordneten haben sich viele bereits distanziert, zum Beispiel die Sprecherin von Premier Beata Szydlo. Das Narrativ "Einwanderung bringt Terror" ist aber typisch für die Regierungspartei, die dieses "Argument" anführt, um keine Flüchtlinge aufnehmen zu müssen.

Vor dem Hintergrund der Anschläge der vergangenen Woche, nicht nur in Deutschland, spannt "Der Standard" aus Österreich einen größeren Bogen: Extremsituationen seien plötzlich alltäglich geworden - von Nizza über Baton Rouge, Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach bis zum Putsch in der Türkei.

Video - der Anschlag in Ansbach:

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vks/kgp/jpu/dpa

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