Anschläge auf Botschaften in Rom Italiens Terrorfahnder jagen die Paketbomber

Wer steckt hinter den Anschlägen auf die chilenische und die Schweizer Botschaft in Rom? Die italienische Polizei hält einen Zusammenhang mit den innenpolitischen Protesten der vergangenen Tage für unwahrscheinlich. Am Abend tauchte ein Bekennerschreiben einer Anarchistengruppe auf.

Von Michael Braun, Rom


Die Via Barnaba Oriani liegt in einem der vornehmsten Viertel Roms, im großbürgerlichen Parioli. Beschaulich geht es hier normalerweise zu, zwischen Villen und edlen Palazzi. Doch an diesem Donnerstagmittag war es mit der Beschaulichkeit vorbei: Gegen 12 Uhr erschütterte eine Explosion die Schweizer Botschaft, als ein Angestellter im Posteingang eine Sendung öffnete.

Offenbar war die Briefbombe - die Fahnder sprechen von einem Umschlag in Größe einer Videokassette - nicht von enormer Sprengkraft. Der Schweizer Botschaftsbedienstete trug keine lebensgefährlichen Verletzungen davon. Doch bei der Detonation wurde seine linke Hand, in der er offenbar das Paket hielt, schwer verletzt, während er an der rechten Hand leichtere Brandverletzungen davontrug. Der 53-Jährige wurde umgehend in die Universitätsklinik gebracht.

Kaum hatte die Meldung von dem Anschlag auf die Schweizer Botschaft in Rom die Runde gemacht, da explodierte gegen 14 Uhr ein zweiter Sprengsatz in der chilenischen Botschaft. Der Botschaftsmitarbeiter, der dort den Posteingang bearbeitet, trug ebenfalls Verletzungen an beiden Händen davon. Außerdem könne er womöglich ein Auge verlieren. Im Gegensatz zu der Explosion in der Schweizer Botschaft seien nicht alle Spuren vollständig vernichtet worden, berichtet die Nachrichtenagentur Ansa. Demnach wurde die Sendung in Italien abgeschickt.

Als Fehlalarm stellte sich dagegen die Nachricht heraus, auch in der ukrainischen Botschaft sei ein Sprengstoffpäckchen gefunden worden; die verdächtige Sendung stellte sich als harmlos heraus. Umgehend wurden bei allen diplomatischen Vertretungen in Rom, auch bei der deutschen Botschaft, die Sicherheitsvorkehrungen erhöht.

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Rom: Anschläge in Botschaften
Die Ermittlungen übernahm Staatsanwalt Pietro Saviotti von der Anti-Terrorismus-Abteilung der Staatsanwaltschaft Rom. Als einigermaßen gesichert gilt bisher nur, dass kein Zusammenhang zu den innenpolitischen Spannungen besteht, denen Italien in den vergangenen Tagen ausgesetzt war.

Am 14. Dezember, dem Tag des Misstrauensvotums gegen die Regierung Berlusconi, hatten in Rom etwa 100.000 Studenten gegen die Universitätsreform demonstriert. Dabei war es zu schweren Ausschreitungen gekommen, als zahlreiche Protestierende versuchten, in das abgeriegelte Regierungsviertel vorzudringen, und sich mit der Polizei heftige Straßenschlachten lieferten. Dabei wurden zahlreiche Autos in Brand gesteckt.

Entsprechend hoch war denn auch die Anspannung im Vorfeld einer erneuten Studentendemonstration am Mittwoch. Zahlreiche Politiker aus dem Regierungslager hatten schwere Gewaltakte der Demonstranten prophezeit, ja selbst mögliche Todesopfer nicht ausgeschlossen, da sich unter den Protestierenden "potentielle Mörder" befänden. Ins Bild fügte sich, dass am Vortag in einer römischen U-Bahn eine vermeintliche Bombe gefunden worden war, die sich allerdings als Attrappe herausstellte.

Anarchistengruppe bekennt sich zu Anschlägen

In Rom schienen sich am Abend Spekulationen zu bestätigen, wonach die Täter in anarchistischen Kreisen zu suchen sind und dass ihre Motive nichts mit den aktuellen politischen Konflikten in Italien zu tun haben. Eine italienische Anarchisten-Gruppe bekannte sich offenbar zu den beiden Anschlägen. Ihr Bekennerschreiben habe sich in einer kleinen Schachtel befunden, berichtete die italienische Nachrichtenagentur "Ansa". Die Schachtel habe neben einem der beiden Botschaftsmitarbeiter gelegen, die bei den Explosionen verletzt worden waren.

"Wir haben uns entschlossen, von neuem unsere Stimme zu Gehör zu bringen, mit den Worten und den Taten", heißt es in dem Schreiben. "Wir zerstören das Herrschaftssystem." Unterschrieben wurde es von einer "Revolutionären Zelle der anarchistischen Gruppe".

In Italien erinnert man sich zum Beispiel an den Briefbombenanschlag, der zu Weihnachten 2003 Romano Prodi traf, den früheren italienischen Ministerpräsidenten. Prodi hatte damals selbst die Sendung geöffnet, aus der eine Stichflamme herausschoss, die ihn allerdings nicht verletzte. Der Anschlag gehörte zu einer ganzen Serie von Briefbomben, die allesamt an EU-Vertreter adressiert waren: Prodi war im Jahr 2003 Präsident der EU-Kommission.

Jetzt stützen sich die ersten Vermutungen auf die Tatsache, dass sowohl in der Schweiz als auch in Chile Anarchisten im Gefängnis sitzen. Die Online-Ausgabe der italienischen Tageszeitung "Il Sole 24 Ore" zitierte eine italienische Anarchisten-Website, die zur Solidarität mit "revolutionären Gefangenen" in den beiden Ländern aufruft; unter anderem berichtet die Website zustimmend von einer am 14. Dezember erfolgten "Attacke auf die Schweizer Botschaft in Lissabon", bei der "Tintenbomben" geworfen und das Tor zugeschweißt worden sei.

Und schon am 5. Oktober wurde vor der Schweizer Botschaft in Rom ein Brandsatz deponiert, der jedoch nicht hochging. Neben ihm fand sich ein Bekennerschreiben, das "Freiheit für Costa, Silvia und Billy" forderte: für drei zur öko-terroristischen Front zählende Anarchisten, die im April in Zürich festgenommen wurden, weil sie einen Anschlag auf das dortige IBM-Forschungszentrum für Nanotechnologie geplant haben sollen.



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
slider 23.12.2010
1. Sacco und Vanzetti
Zitat von sysopWer steckt hinter den Anschlägen auf die chilenische und die Schweizer Botschaft in Rom? Die italienische Polizei hält einen Zusammenhang mit den innenpolitischen Protesten der vergangenen Tage für unwahrscheinlich - und vermutet die Drahtzieher im anarchistischen Milieu. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,736481,00.html
"....- und vermutet die Drahtzieher im anarchistischen Milieu. " Also Sacco und Vanzetti waren es nicht, die sind schon tot.
tijeras 23.12.2010
2. Merkwürdig
Immer noch werden Pakete einfach so geöffnet in den Botschaften, Merkwürdig. Anarchisten sollen es gewesen sein. Mal sehen was da rauskommt, vielleich sowas wie in Bologna damals. tijeras
melvin2701 23.12.2010
3. Anschläge auf Botschaften in Rom
Wer außer Anarchisten hätte davon irgendeinen Nutzen? Al Qaida ja wohl eher nicht und mit innenpolitik haben Chile und die Schweiz ja wohl auch nichts zutun. Das würde ja keinen Sinn machen.
asharak 23.12.2010
4. Nicht zu früh urteilen
Zitat von slider"....- und vermutet die Drahtzieher im anarchistischen Milieu. " Also Sacco und Vanzetti waren es nicht, die sind schon tot.
Schreib die Zwei mal nicht zu früh ab, Berlusconi hat die bestimmt auch im Keller. Allerdings berichten BILD-Kreise, dass auch Malatesta und/oder der zeitweise in Italien wohnhafte Bakunin im Kreis der Verdächtigen sind.
loeweneule, 23.12.2010
5. nee
In der ukrainischen Botschaft wurde ein verdächtiges Paket als einfache Weihnachtsbotschaft enttart. Die Ukraine hat sich mittlerweile beschwert, nicht ernst genommen zu werden und behält sich diplomatische, wirtschaftliche, und wenn es sein muß, militärische Schritte vor.
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