Anschläge in Afghanistan Selbstmordattentäter reißen mehrere Soldaten in den Tod

Bei zwei Angriffen auf die afghanische Armee sind mindestens zehn Soldaten und Polizisten getötet worden. In Kunduz stürmte ein Selbstmordkommando ein Ausbildungslager. In der Hauptstadt Kabul sprengten Taliban-Kämpfer einen Bus in die Luft.

REUTERS

Kunduz - Kurz nach dem Truppenbesuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Kunduz hat in der Stadt ein Selbstmordkommando der Taliban ein Ausbildungslager der afghanischen Armee angegriffen. "Drei Armeesoldaten und zwei Polizisten wurden bei dem Schusswechsel mit den Selbstmordattentätern getötet", sagte der Polizeichef der nordafghanischen Provinz Kunduz, Abdul Rahman Sayedkhili.

"Am Sonntagmorgen gegen 6 Uhr stürmten ungefähr vier Angreifer in das Zentrum zur Rekrutierung neuer afghanischer Soldaten", sagte Mahbobullah Saidi, ein Sprecher der Provinz Kunduz, SPIEGEL ONLINE am Telefon. Die Männer sollen mit Automatikwaffen und Sprengstoff bewaffnet gewesen sein.

Der Angriff dauerte den Behörden zufolge am Mittag noch an. Mindestens ein Rebell lieferte sich noch Schusswechsel mit den Einsatzkräften.

Zum genauen Hergang des Angriffs gab es unterschiedliche Angaben: Laut Vize-Gouverneur Hamidullah Danischi wurden inzwischen drei Angreifer getötet; ein oder zwei von ihnen sollen während der Gefechte ihre Sprengstoffwesten gezündet haben. Dem afghanischen Verteidigungsministerium zufolge sind noch zwei der Angreifer am Leben und konnten in das Gebäude eindringen. Die anderen beiden seien bereits zuvor erschossen worden.

Zabiullah Mojahid, ein selbsternannter Sprecher der Taliban, sagte SPIEGEL ONLINE am Telefon, in Kunduz seien nicht vier Angreifer im Einsatz gewesen, sondern lediglich zwei. "Die beiden fuhren mit einem Motorrad zu dem Ausbildungszentrum und parkten das mit Sprengstoff versehene Fahrzeug vor dem Tor", so Mojahid. Als sich Soldaten dem Motorrad näherten, hätten die beiden Attentäter den Sprengsatz per Fernschaltung gezündet. Den Angreifern sei es gelungen, in das Gebäude zu kommen. Einer der beiden Taliban-Kämpfer sei inzwischen tot, der andere leiste noch Widerstand.

Anwohner gehen von weiteren Opfern unter den Sicherheitskräften aus. "Ich habe gesehen, wie die Leichen von drei afghanischen Soldaten und zwei Polizisten aus dem Camp gebracht wurden, aber die Gefechte halten an", sagte Jan Mohammad Amiry, der gegenüber des Zentrums einen Laden besitzt. Es seien auch mehrere US-Soldaten in die Kämpfe involviert. Bundeswehrangehörige seien nicht vor Ort.

Mindestens fünf tote Soldaten bei Attentat auf Bus

Ebenfalls am Sonntagmorgen kam es zu einem schweren Anschlag in der Hauptstadt Kabul, bei dem mindestens fünf Soldaten getötet und neun weitere verletzt wurden. Zwei Selbstmordattentäter eröffneten gegen 8 Uhr mit Automatikwaffen das Feuer auf einen mit afghanischen Rekruten besetzten Bus, wie der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Mohammed Sahir Asimi, sagte. Einer der beiden Angreifer sei erschossen worden, der zweite habe seinen Sprengstoffgürtel zünden und den Bus in die Luft sprengen können.

Der Vorfall ereignete sich an einer Straße, die von Kabul über die östlichen Provinzen an die pakistanische Grenze führt. Entlang der Strecke, an der es immer wieder zu Anschlägen kommt, liegen mehrere von ausländischen Truppen unterhaltene Ausbildungszentren für afghanische Soldaten. Es war der folgenschwerste Anschlag in der afghanischen Hauptstadt seit Mai, als bei einem ähnlichen Zwischenfall sechs ausländische Soldaten getötet wurden.

Die radikalislamischen Taliban bekannten sich zu beiden Taten. Ihr Sprecher Mojahid nannte jedoch wesentlich höhere Opferzahlen als die staatlichen Stellen. Laut Mojahid wurden in Kunduz 19 Soldaten getötet und weitere 15 verletzt. In Kabul seien 13 Soldaten gestorben und acht verletzt worden.

Bei Kämpfen in der östlichen Provinz Kapisa töteten Nato-Soldaten am Sonntag nach eigenen Angaben mehr als 20 Aufständische, darunter mehrere Taliban-Kommandeure. Eine Patrouille sei im Bezirk Tagab unter Beschuss geraten, die Soldaten hätten das Feuer erwidert.

Zwei ausländische Soldaten gestorben

Im Süden Afghanistans wurde am Sonntag ein ausländischer Soldat getötet, als ein am Straßenrand deponierter Sprengsatz explodierte. Ein Nato-Soldat war bereits am Samstag bei einem Angriff Aufständischer im Osten des Landes gestorben. Nähere Einzelheiten zu den beiden Todesfällen wurden nicht genannt.

Damit ist die Zahl der in diesem Jahr in Afghanistan getöteten ausländischen Soldaten auf 700 gestiegen - so viele Ausländer wie in keinem Jahr des 2001 begonnen Krieges. Im vergangenen Jahr waren es 521 Todesopfer. Insgesamt wurden 2270 ausländische Soldaten am Hindukusch getötet, darunter 45 Bundeswehrsoldaten.

Erst vor wenigen Tagen war ein deutscher Soldat im Norden Afghanistans gestorben. Der 21-jährige Hauptgefreite war in einem Außenposten nördlich des Regionalen Wiederaufbauteams Pul-i-Khumri mit einer Schusswunde schwerverletzt aufgefunden worden und während einer Notoperation verstorben. Im Oktober war dort ein 26-jähriger Bundeswehrsoldat bei einem Selbstmordattentat umgekommen.

Kanzlerin Merkel hatte am Samstag gemeinsam mit Bundesverteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg die in Kunduz stationierten Bundeswehreinheiten besucht. Die Visite war aus Sicherheitsgründen vorab nicht angekündigt worden. In Kunduz hatte die Kanzlerin im Zusammenhang mit dem Konflikt in Afghanistan deutlich wie nie zuvor von einem "Krieg" gesprochen. Das angegriffene Camp liegt in der Stadt Kunduz, das deutsche Feldlager außerhalb in der Nähe des Flughafens.

siu/dpa/dapd/Reuters/AFP

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