Anschläge in Afghanistan Selbstmordattentäter tötet Dutzende Menschen

Schwere Anschläge auf ein Krankenhaus und einen belebten Markt erschüttern Afghanistan. Vor allem bei einem Selbstmordattentat südlich von Kabul kamen viele Menschen ums Leben. Präsident Karzai sieht die Existenz seines Landes durch den Terrorismus bedroht.


Kabul/Kunduz - Bei drei Anschlägen sind am Freitagabend und am Samstag Dutzende Menschen ums Leben gekommen, darunter auch ein Nato-Soldat. Die verheerendste Bombenexplosion erschütterte den Osten des Landes: Ein Selbstmordattentäter riss in einem Zehn-Betten-Krankenhaus im Bezirk Asra in der Provinz Logar südlich von Kabul Patienten und Personal in den Tod.

Wer hinter dem Anschlag steckt, ist noch nicht bekannt. Die Taliban haben die Verantwortung für dieses Attentat zurückgewiesen: "Dieser Anschlag wurde nicht von unseren Kämpfern verübt", sagte ein Sprecher der Taliban, Zabiullah Mudschahid, am Samstag telefonisch der Nachrichtenagentur AP.

Unter den Todesopfern der Explosion seien auch Kinder, teilte das Gesundheitsministerium in Kabul mit. Zunächst hatten die Behörden die Zahl der Toten mit 60 und die der Verletzten mit 120 angegeben, korrigierten sie aber im Laufe des Tages auf 13 bis 25 Tote und rund 50 Verletzte. Unter den Trümmern des eingestürzten Krankenhaustrakts könnten allerdings noch weitere Opfer liegen. Der Sprecher der Provinzregierung von Logar, Din Mohammed Darwish, sprach auf SPIEGEL ONLINE ebenfalls von 25 getöteten Menschen, 40 seien verletzt worden. Der Anschlag sei um 10.30 Uhr mit einem mit Sprengstoff beladenen Auto verübt worden.

"Die Wächter des Krankenhauses wollten den Fahrer aufhalten, doch der Selbstmordattentäter hielt nicht an", sagte der Chef der regionalen Krankenhäuser, Mohammed Zarif Nayedkhel, SPIEGEL ONLINE, "er konnte das Hauptgebäude erreichen und sich mit dem Auto in die Luft sprengen." Die meisten Toten seien laut Nayedkhel Frauen und Kinder, die zur Behandlung in die Klinik gekommen waren, "alle - auch die Verletzten - sind Zivilisten: Klinikpersonal und Kranke".

"Das Ziel der Explosion ist nicht klar, aber es ist offensichtlich, dass ein Krankenhaus angegriffen wurde und Zivilisten getötet wurden", sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. Die Klinik wurde schwer beschädigt. "Im Moment helfen Anwohner, die Leichen oder Verletzten aus den Trümmern zu bergen", sagte Nayedkhel. Behördenvertreter wollten Rettungskräfte mit einem Hubschrauber in die entlegene Region bringen, um bei der Bergung der Verschütteten zu helfen und sie in andere Krankenhäuser zu bringen.

Karzai: Terrorismus breitet sich aus

Auch in der Provinz Kunduz explodierte am Freitagabend eine Bombe. Der Sprengsatz, der auf einem in der Nähe eines Eisladens abgestellten Fahrrad angebracht war, detonierte auf einem belebten Basar im Bezirk Chanabad. Dabei kamen mindestens zehn Menschen ums Leben, darunter auch ein Polizist, wie das Innenministerium am Samstag erklärte. 24 wurden nach den Angaben des Ministeriums verletzt.

Örtliche Behördenvertreter machten die radikalislamischen Taliban für den Anschlag verantwortlich. Die nordafghanische Provinz Kunduz liegt im Verantwortungsbereich der Bundeswehr.

Bei einem Anschlag in Ostafghanistan wurde am Samstag ein Nato-Soldat getötet. Das teilte das Militärbündnis mit, ohne Einzelheiten zu nennen. Damit kamen in diesem Monat in Afghanistan bereits 47 Nato-Soldaten ums Leben.

Nach Einschätzung von Afghanistans Staatschef Hamid Karzai breitet sich der Terrorismus in seinem Land und der umliegenden Region immer weiter aus. "Leider hat Afghanistan trotz der Errungenschaften in den Bereichen Bildung und beim Wiederaufbau der Infrastruktur noch nicht Frieden und Sicherheit erreicht", sagte Karzai am Samstag bei einer Pressekonferenz anlässlich einer regionalen Konferenz gegen Terrorismus in der iranischen Hauptstadt Teheran. "Der Frieden, die Stabilität unserer Länder sind bedroht (...) ihre Existenz und ihre Integrität sind wirklich bedroht", warnte Karzai.

Aus Sicht Karzais hat der Terrorismus eine solche Macht erlangt, "dass kein Land von diesem Übel verschont bleiben kann". Die Probleme seines Landes müssten "durch den Dialog und die Friedensbemühungen" gelöst werden. Karzai setzt sich seit langem für einen Dialog mit den radikalislamischen Taliban ein, um der Gewalt in seinem Land auf dem Verhandlungsweg ein Ende zu bereiten.

Gipfel zur Bekämpfung von Terrorismus und Drogenschmuggel

Der afghanische Staatschef war am Freitag in Teheran mit den Präsidenten von Iran und Pakistan, Mahmud Ahmadinedschad und Asif Ali Zardari, zu einem Gipfel zur Bekämpfung des Terrorismus zusammengetroffen.

Die drei Präsidenten hätten über "die Mittel zur Bekämpfung des Terrorismus, des Extremismus und des Drogenschmuggels" gesprochen, berichtete die amtliche iranische Nachrichtenagentur IRNA. Ahmadinedschad betonte nach Angaben seines Büros die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit der drei Länder in Sicherheitsfragen.

Karzai erklärte seinerseits, dass nach dem Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan Iran und Pakistan "eine wichtige Rolle für die Etablierung eines dauerhaften Friedens" spielen könnten. Zardari sagte, Iran, Pakistan und Afghanistan seien die ersten Opfer des Terrorismus und des Kriegs. Die "aktuelle Lage in der Welt" lasse ihnen "keine andere Wahl", als ihre Beziehungen und ihre Kooperation zu verstärken.

Die drei Präsidenten wollen am Samstag an einer internationalen Konferenz zur Bekämpfung des Terrorismus teilnehmen. Am Freitag trafen dafür auch der sudanesische Staatschef Omar al-Baschir, sein irakischer Kollege Dschalal Talabani sowie der tadschikische Präsident Emomali Rachmon in Teheran ein. Baschir wird vom internationalen Strafgerichtshof wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord in Darfur gesucht

abl/Shoib Najafizada/AFP/dapd/AP



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