Afghanistan Tote und Verletzte bei Präsidentschaftswahl

9,6 Millionen Menschen könnten heute in Afghanistan ihre Stimme abgeben - doch die Sicherheitslage ist prekär. Fast jedes dritte Wahllokal bleibt geschlossen, es gab bereits erste Anschläge.

Afghanische Beamte bei einem Sicherheitscheck von Wählern vor einem Wahllokal in Jalalabad
Noorullah Shirzada/ AFP

Afghanische Beamte bei einem Sicherheitscheck von Wählern vor einem Wahllokal in Jalalabad


In Afghanistan hat am Samstagmorgen die Präsidentschaftswahl begonnen. Bilder in sozialen Medien zeigten Menschen aus mehreren Provinzen, die ihre Stimme abgaben oder vor Wahllokalen warteten. Mehr als 72.000 Soldaten, Polizisten und Geheimdienstmitarbeiter sichern die Wahl, weitere 20.000 bis 30.000 stehen als Reserve bereit.

Wegen der prekären Sicherheitslage im Land konnte allerdings rund ein Drittel der Wahllokale nicht öffnen. Das liegt unter anderem daran, dass die islamistisch-militanten Taliban angekündigt hatten, die Wahl anzugreifen. Sie drohten mit Attacken auf Sicherheitskräfte und Wahlzentren und riefen dazu auf, am Wahltag Zuhause zu bleiben.

Es kam bereits in mehreren Fällen zu Gewalt:

  • Bei der Explosion einer Mine in einem Wahllokal in der östlichen Provinz Nangarhar im Bezirk Surchrod ist nach Behördenangaben mindestens eine Person getötet worden. Der Provinzrat Sohrab Kaderi sprach am Samstag außerdem von drei Verletzten.
  • In der nördlichen Provinzhauptstadt Kunduz kam derweil ein Wahlbeobachter beim Einschlag einer Rakete in der Nähe eines Wahllokals ums Leben. Das berichtet der Provinzrat Maulawi Abdullah.
  • Zudem wurden mindestens 13 Zivilisten und ein Polizist in der südlichen Stadt Kandahar verletzt, als eine in einem Lautsprecher einer Moschee versteckte Bombe detonierte. Die Moschee sei als Wahllokal genutzt worden, sagte ein Polizeibeamter. In Kandahar wurden Behördenangaben zufolge seit Freitagabend mindestens 31 Sprengsätze von den Sicherheitsbehörden entschärft oder kontrolliert gesprengt.
  • Auch aus der Hauptstadt Kabul gab es Berichte über kleinere Explosionen und Verwundete. Behördenvertreter sagten, sie wollten diese erst später kommentieren, man sammle noch Informationen.

Ashraf Ghani und Abdullah Abdullah als Favoriten

18 Kandidaten stehen bei der Wahl auf dem Stimmzettel, vier von ihnen haben ihre Kandidatur mittlerweile zurückgezogen. Realistische Chancen auf einen Sieg haben der amtierende Präsident Ashraf Ghani und sein Regierungsgeschäftsführer Abdullah Abdullah. Beide gaben ihre Stimme in Wahllokalen in Kabul ab. Ghani bedankte sich in einer kurzen Ansprache nach seiner Stimmabgabe bei den Menschen, die zur Wahl gingen.

Ghani und Abdullah waren nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl 2014, bei der sie bereits gegeneinander angetreten waren, unter Vermittlung der USA eine Regierung der nationalen Einheit eingegangen.

Analysten zufolge gibt es mindestens 13,5 Millionen Wahlberechtigte in Afghanistan. Mehr als 9,6 Millionen Afghanen sind zur Wahl registriert. In der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl im Jahr 2014 stimmten rund 8 Millionen Menschen ab.

Geringere Wahlbeteiligung als 2014 erwartet

Aufgrund der schlechten Sicherheitslage und Enttäuschung über die Regierung gehen manche afghanische Experten aber davon aus, dass bei dieser Wahl lediglich 1,5 Millionen Menschen ihre Stimme abgeben werden. Aktivisten, die der Ghani-Kampagne nahe stehen, würden eine Wahlbeteiligung von 4 bis 4,5 Millionen für einen Erfolg halten, schrieb die Kabuler Denkfabrik Afghanistan Analysts Network in einer Analyse vor der Wahl.

Bereits seit Dienstag hatten sich Sicherheitskräfte rund um die Wahlzentren in Stellung gebracht. In den meisten großen Städten wurde der Verkehr aus Sicherheitsgründen eingestellt oder massiv eingeschränkt und zusätzliche Kontrollpunkte wurden errichtet. Lastwagen und Kleinlaster durften bereits seit Donnerstagnachmittag nicht mehr in die Hauptstadt Kabul.

Ergebnisse im Oktober

Die Wahllokale sind bis 15 Uhr (12.30 Uhr deutscher Zeit) geöffnet. Erste vorläufige Resultate sollen am 19. Oktober veröffentlicht werden, die offiziellen am 7. November. Kann im ersten Wahlgang kein Kandidat mehr als 50 Prozent der Stimmen auf sich vereinen, geht es in eine Stichwahl der beiden bestplatzierten Kandidaten. Diese würde voraussichtlich Ende November stattfinden.

Es ist die vierte Präsidentschaftswahl in dem Land mit geschätzten 35 Millionen Einwohnern seit dem Fall der Taliban im Jahr 2001 und die zweite, die gänzlich von den Afghanen selbst durchgeführt und gesichert wird.

Schon der Wahlkampf war von Gewalt überschattet worden. Die Taliban hatten unter anderem einen Autobombenangriff auf das Büro eines Vizepräsidentenkandidaten verübt sowie einen Selbstmordanschlag auf eine Wahlveranstaltung mit Ghani. Bei den beiden Vorfällen wurden mehr als 50 Menschen getötet. Kandidaten drohten zudem mit Protesten und Gewalt nach dem Wahlgang, sollte es Wahlfälschungen geben.

Die Wahl ist rund einen Monat nach dem Abbruch der Gespräche zwischen den USA und den Taliban über Wege zu Frieden in Afghanistan. US-Präsident Donald Trump hatte ein geplantes Geheimtreffen mit den Taliban abgesagt, nachdem Anfang September bei einem Anschlag in Kabul zwölf Menschen getötet worden waren, unter ihnen ein US-Soldat. Die Gespräche mit den Taliban, die den Weg für einen US-Truppenabzug und für Frieden in Afghanistan bereiten sollten, erklärte Trump für "tot".

mbö/dpa/AP/AFP



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seneca55 28.09.2019
1. Abdallah oder Ghani - wen interessiert das heute noch?
18 Jahre "Nation-Building" in Afghanistan sind sbsolut gescheitert. Bis auf die Taliban, den IS und die Bundeswehr wollen die meistens raus aus Afghanistan. Immer noch sollen rd. 1/4-1/3 der von den NATO-Staaten ausgebildeten und bezahlten afg, Armee und Polizei pro Jahr zu ihren insgeheimen Freunden den Taliban überlaufen. Die verbliebenen US-Truppen würden lieber gestern als heute Afghanistan verlassen haben, aber Trump hat die Abzugsverhandlungen wegen zu vieler Attentate der Taliban für Null und Nichtig erklärt. Deutschland hat die Hälfte seiner Polizeiausbilder wegen verschärfter Sicherheitsprobleme nach hause geholt. Vielleicht sollte die NATO Afghanistan den Chinesen und/oder den Indern überlassen, die können offensichtlich die Islamisten besser befrieden wie sie es in Xinjiang oder Kashmir gezeigt haben, Statt wie heute für die Drogen könnten sie dann für die Neue Seidenstraße Chinas arbeiten. und dabei Chinesisch lernen. Im Herbst ihrer Kanzlerschaft sollte Merkel endlich Sorge tragen, daß unsere Bundeswehr schnellstens zurückkommt.und die Afghanen dann einen "Guten Moslem" sein läßt!
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