Presseschau zu Anschlägen in den USA "Vielleicht hat Amerikas Albtraum gerade erst begonnen"

Das Massaker von El Paso gilt als terroristischer Akt - doch wäre der Täter Islamist, sähen die Reaktionen anders aus, schreibt die "New York Times". Auch die "Washington Post" prangert Bigotterie an. Die Presseschau.


Was wird der US-Präsident zu den Anschlägen vom Wochenende sagen, bei denen insgesamt 29 Menschen getötet wurden? Noch steht die Stellungnahme von Donald Trump aus. Journalisten gegenüber sagte er bislang lediglich, Hass habe "keinen Platz" in den USA. Am Montag will er eine offizielle Rede dazu halten.

Die beiden Schusswaffenangriffe hatten die USA am Wochenende innerhalb weniger Stunden erschüttert. In einem Einkaufszentrum in der texanischen Grenzstadt El Paso erschoss ein 21-Jähriger am Samstagmorgen 20 Menschen. Bei ihm wird ein rassistisches Motiv vermutet. Das lässt sich unter anderem aus einem Manifest schließen, das er verfasst haben soll (mehr dazu lesen Sie hier). 13 Stunden nach der ersten Tat tötete ein 24-Jähriger in Dayton im Bundesstaat Ohio neun Menschen. Die Hintergründe sind noch unklar.

Mehrere Präsidentschaftsbewerber der Demokraten warfen Präsident Trump am Sonntag vor, mit seiner aggressiven Rhetorik Hass zu schüren und Gewalt zu begünstigen. Auch in den internationalen Medien wird die aktuelle US-Politik für ihre Reaktion auf die Tragödie kritisiert. Hier ist der Überblick.

"New York Times": "Wäre einer der Angreifer dieses Wochenendes ein radikaler Islamist gewesen, hätte die US-amerikanische Regierung all ihre Ressourcen zusammengezogen und hätte internationale Verbündete unverzüglich mobilisiert. Es wäre ohne Unterlass daran gearbeitet worden zu verhindern, dass sich mögliche Terroristen in Zukunft noch schwerer bewaffnen und ihre Ideologie verbreiten könnten. (...) Die Welt, und insbesondere der Westen, hat ein Problem: Nationalisten. Das Problem wurde viel zu lange ignoriert und entschuldigt. Würden die Vereinigten Staaten das Problem nur annähernd so ernsthaft angehen wie das der islamistischen Extremisten, wären wir alle sicherer. (...) Es kann keinen Mittelweg bei Nationalismus geben. Du bist entweder dafür oder dagegen."

"Washington Post": "Wenn die eine Seite versucht, Wege zu finden, um ein tödliches Problem zu lösen, und die andere es Gott überlässt, ist klar, welche Seite die richtige ist. Wenn der US-Präsident und die ihm wohl gesonnenen Medien Hass auf Nichtweiße schüren, während sich seine Widersacher dafür aussprechen, dass sich alle Menschen solidarisieren sollten, ist klar, welche Seite die richtige ist. (...) Unsere verkommene politische Kultur tötet unsere Nation. Und das Problem besteht nicht wegen einer abstrakten 'Polarisierung' oder weil sich beide Seiten missverstehen. Das sind die Alibis derer, die sich 'ausgeglichen' geben wollen, und die Augen vor der Wahrheit verschließen. Was ist die Wahrheit? Wenn es um Waffengewalt und Rechtsextremismus geht, gibt es eine richtige und eine falsche Seite."

"Independent" (Großbritannien): "Absichtlich und zynisch hatte Trump die Rassenkarte gezogen, als er beim Auftakt der Kampagne für seine Wiederwahl vier nicht weißen Kongressabgeordneten der Demokraten empfahl, in ihre vermeintlichen Heimatländer 'zurückzukehren' - wobei drei der vier Frauen in den USA geboren wurden. (...) Wenn Trump sich das nächste Mal in diese Richtung bewegt, was er ganz sicher tun wird, dann sollten seine Bewunderer daheim und im Ausland innehalten und an El Paso denken. Wir können über die Motive des Mörders noch nicht sicher sein. Aber wir können sicher sein, dass der US-Präsident die Debatte über Einwanderung so vergiftet hat (...), dass dies zu schwerwiegenden Konsequenzen führen kann."

"L'Opinion" (Frankreich): "Innerhalb von 13 Stunden haben 29 Menschen bei Angriffen in El Paso und Dayton ihr Leben verloren. Diese fatale Kette von Ereignissen wird wohl nicht dazu beitragen, die US-Waffengesetzgebung zu ändern, auch wenn der Wahlkampf für 2020 begonnen hat. Garantiert durch den zweiten Zusatz der US- amerikanischen Verfassung ist dieses Recht auf Waffenbesitz für viele Amerikaner so wertvoll wie die Meinungsfreiheit, die durch den ersten Verfassungszusatz geschützt ist. Es bräuchte einen Konsens, der in einem polarisierten Amerika unerreichbar erscheint."

"Tages-Anzeiger" (Schweiz): "'Eine unbequeme Wahrheit' heißt das rassistische Manifest, das vermutlich vom Mörder von El Paso stammt. Die unbequeme Wahrheit ist allerdings diese: Das Manifest ist nicht einfach die Hassfantasie eines Einzelnen. Vieles von dem, was dort steht, ist längst in den amerikanischen Mainstream eingedrungen. Beim Fernsehsender Fox News hört man fast jeden Abend, wie dunkelhäutige Einwanderer angeblich weiße Amerikaner bedrohen. Mit Donald Trump sitzt im Weißen Haus ein Präsident, der offen und immer schriller an rassistische Gefühle appelliert, der mit der Bewirtschaftung von Ressentiments auf Wahlkampf geht. Im Land gibt es viele, bei denen diese Töne auf Gehör stoßen. Militante Rassisten, die problemlos an Schusswaffen gelangen: Das ist eine tödliche Kombination. Vielleicht hat Amerikas Albtraum gerade erst begonnen."

"Der Standard" (Österreich): "Wie also der Entmenschlichung begegnen? Jedenfalls reicht es nicht, nach Anschlägen wie jenem von El Paso entsetzt zu sein und dann zur Tagesordnung zurückzukehren und den Diskurs, so wie er ist, als unvermeidlich hinzunehmen. Hingegen wäre schon einiges damit erreicht, sich der Prozesse wieder stärker bewusst zu werden, mit denen die Gesellschaft in willkürliche Einzelteile zerlegt wird, um politischen oder gar persönlichen Profit daraus zu schlagen. Dabei würde es zum Beispiel auch helfen, jene, die auf sie hinweisen und ihnen entgegentreten, nicht länger als weltfremde Gutmenschen zu diskreditieren."

vks/dpa



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