Anschläge in Mumbai Indische Attentäter spielen Bin Laden in die Hände

Steckt al-Qaida hinter den Anschlägen in Mumbai? Zwar hat sich das Terrornetzwerk bislang nicht zu der Bluttat geäußert, doch diese folgt einem Muster - und die Absicht der Attentäter deckt sich mit den Zielen al-Qaidas: Bin Ladens Organisation will die gesamte Region destabilisieren.


Hamburg - Die Moderatoren der indischen Nachrichtensender melden beinahe täglich Terroranschläge in ihrem Land, doch in der Nacht zum Donnerstag fehlten selbst ihnen die Worte. "Beispiellos" nannten sie die Terrorwelle, die über Mumbai hereinbrach. Nicht vereinzelte Bombenanschläge waren es diesmal - stattdessen gab es eine regelrechte Kommandooperation: Mehrere Gruppen bewaffneter Männer griffen mit Schnellfeuergewehren und Handgranaten etliche Ziele in der Innenstadt der Finanzmetropole an, darunter Luxushotels, den Hauptbahnhof und ein Kino. Dutzende Menschen starben, mindestens 200 sollen im Kugelhagel und bei Granatenexplosionen verwundet worden sein. Augenzeugen zufolge nahmen die Angreifer zudem zahlreiche Geiseln.

Eines der Ziele ist das Taj-Hotel, in dem viele Ausländer absteigen. Die Angreifer drangen in das Gebäude ein, kurz nach Mitternacht (Ortszeit) kam es zu einer heftigen Explosion. Über der Kuppel des historischen Baus stiegen Rauchwolken auf, in den oberen Stockwerken brach Feuer aus. Ein Augenzeuge sagte im Nachrichtensender NDTV, die Angreifer hätten Geiseln genommen. Sie hätten gezielt nach Amerikanern und Briten gesucht.

Wenig später bekannte sich eine bislang kaum bekannte Gruppe zu der Anschlagserie. Eine Organisation namens "Deccan Mudschahidin" habe in E-Mails an Nachrichtenorganisationen die Verantwortung für die Taten übernommen, berichteten Fernsehsender am Donnerstagmorgen.

Tatsächlich operieren in Indien mehrere islamistische Terrorgruppen. Die indische Regierung hat Pakistan in der Vergangenheit immer wieder vorgeworfen, diese Extremisten zu unterstützen. Nur wenige Stunden vor den Anschlägen war der pakistanischen Außenminister Shah Mahmood Qureshi nach Neu Delhi gekommen, um die schleppenden Friedensgespräche zwischen den beiden Atommächten voranzutreiben. Muslimischen Extremisten sind diese Verhandlungen, die die einstigen Erzfeinde vor knapp fünf Jahren aufnahmen, ein Dorn im Auge. Doch ob diese Verhandlungen tatsächlich der Anlass der Terroristen für ihre Bluttaten waren, ist bislang unklar.

Auch die naheliegende Frage, ob das Terrornetzwerk al-Qaida mit der Anschlagsserie zu tun hat, muss vorerst unbeantwortet bleiben. Vermutlich - so war es auch bei den letzten Terrorserien auf dem Subkontinent - wird sie sich auch später nicht definitiv beantworten lassen. Bislang liegt kein Bekennerschreiben von al-Qaida vor. Alles andere wäre auch ungewöhnlich. Das Netzwerk reklamiert Terrorattacken oft erst Monate später für sich, gerne in Form elaborierter Propagandavideos oder der Veröffentlichung von Abschiedsbotschaften der Attentäter.

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So war es auch bei dem Anschlag auf die dänische Botschaft in Pakistan im Sommer, bei dem lange unklar blieb, ob Osama Bin Ladens Kämpfer in die Attacke verwickelt waren - bis al-Qaida zum Jahrestag der Anschläge vom 11. September eine entsprechende Botschaft veröffentlichte.

Im Falle Indiens aber ist das Muster ohnehin ein anderes, wie mehrere fürchterliche Bombenserien der vergangenen Jahre zeigen. Oft bekannten sich indische islamistische Gruppen zu den Massakern. Und wenn sie es nicht selbst taten, zeigten Polizei, Politik und Geheimdienste mit ausgestrecktem Finger auf sie. Fast ein halbes Dutzend Terrorgruppen auf dem Subkontinent kommt als Drahtzieher in Frage, von ihnen wiederum haben nicht wenige enge Beziehungen zu al-Qaida - eine indirekte Mittäterschaft des Netzwerks ist also zumindest nicht unwahrscheinlich.

Klar ist vor allem eines: Das Muster des aktuellen Anschlags folgt dem der letzten Großanschläge in Indien, die islamistisch-dschihadistisch inspirierten Gruppen zur Last gelegt wurden. Das heißt, dass mehrere fast zeitgleiche Anschläge an einem Ort, aber mitunter mit verschiedenen Methoden ausgeführt wurden.

Ein weiterer Punkt liegt ebenso auf der Hand: Wer auch immer hinter den Anschlägen steckt - die Absichten der Terroristen decken sich mit denen al-Qaidas. Osama Bin Ladens Netzwerk hat ein Interesse an der Destabilisierung der gesamten Region. Nummer eins auf der Agenda ist zwar Pakistan, aber jede Bombe in Indien verschlechtert das Verhältnis dieses Staates zu Pakistan - und das ist im Sinne Bin Ladens. Unsicherheit und Unberechenbarkeit, instabile Regime und die damit verbundenen Wirren und Eingriffe fremder Mächte sind der Nährboden des Terrorismus.

Al-Qaida verfügt seit Jahren über gute Beziehungen zu Terrorgruppen in ganz Südasien, nicht nur in Indien. Auch pakistanische Taliban oder Extremisten aus Kaschmir oder Bangladesh kommen als Drahtzieher in Frage. Sie alle verfolgen lokale Ziele, die sich aber mit denen al-Qaidas decken. Kooperationen sind daher nicht selten, im Gegenteil: Viele Terrorexperten beschreiben dieses Modell fast als eine Art "Outsourcing".

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Zeitleiste: Islamistischer Terror seit 2001
Bis jetzt ist es den Terroristen durch die Serienanschläge der vergangenen Jahre nicht gelungen, das Land nachhaltig zu destabilisieren - aber je undurchschaubarer und riskanter die Lage in Pakistan wird, desto nervöser sind auch die Reaktionen im Nachbarland. Aus diesem Grund handelt es sich bei dem aktuellen Anschlag vermutlich durchaus um einen auch politisch kalkulierten und strategisch durchdachten Terroranschlag.

yas/har/dpa/Reuters



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