Terrorzelle von Paris und Brüssel
Kommandeure, Helfer, Hintermänner
Nach den Anschlägen in Brüssel wird immer deutlicher, wie groß das Terrornetzwerk des IS in Europa ist. Wer sind die Hintermänner, wer hat das Kommando? Eine Annäherung.
Die Brüsseler Zelle der Terrormiliz "Islamischer Staat" hat auf menschenverachtende Weise Geschichte geschrieben. Erstmals ist es einer Gruppe Dschihadisten gelungen, nach einem Anschlag (im November in Paris) in Teilen unterzutauchen und einige Zeit später erneut zuzuschlagen. Dieses hohe Maß an Konspiration, Planung und Disziplin beunruhigt die Sicherheitsbehörden. "Wir haben es mit einer neuen Qualität des islamistischen Terrors in Europa zu tun", sagt ein deutscher Staatsschützer.
Allmählich wird deutlich, welch hohen Organisationsgrad die Bande erreicht hatte. Nicht nur, dass sie über ein erhebliches Arsenal von Waffen und Sprengstoff verfügte, sie operierte auch klandestin und unterlief alle Überwachungsmaßnahmen. Die Terroristen koordinierten sich zudem auf verschiedenen Ebenen, um ihren Plan umzusetzen. Wenngleich die Hierarchien wohl eher flach und die Übergänge fließend waren.
Wer hatte welche Funktion in dem Terrornetzwerk? Der Überblick:
Die Kommandoebene
Abdelhamid Abaaoud
Foto: Islamistisches Propaganda-Magazin
Als Einsatzleiter des Terrorkommandos von Paris gilt der Extremist Abdelhamid Abaaoud, 28. Der Belgier marokkanischer Abstammung wuchs im Brüsseler Stadtteil Molenbeek auf, einer Hochburg der islamistischen Szene. 2013 schloss sich er sich dem IS in Syrien an. Unter seinem Kampfnamen Abu Omar al-Baljiki tauchte er seither in mehreren Propagandavideos der Dschihadisten auf.
Abaaoud soll bereits im Januar 2015 Anschläge in Europa geplant haben. Er galt als Anführer einer dreiköpfigen Dschihadistenzelle, die im belgischen Verviers aufflog. Abaaoud soll damals gemeinsam mit zwei Komplizen von Syrien nach Belgien gereist sein, um Attentate auszuführen. Abaaoud aber entkam und floh nach Syrien. Er starb wenige Tage nach den Anschlägen von Paris bei einer Anti-Terror-Razzia.
Najim Laachraoui
Foto: HANDOUT/ REUTERS
Ebenfalls von immenser Bedeutung für die Terrorzelle war der mutmaßliche Sprengstoffexperte der Zelle, Najim Laachraoui, 24, alias Soufiane Kayal. Nach Berichten belgischer und französischer Zeitungen bringen kriminaltechnische Untersuchungen den Elektrotechniker in einen Zusammenhang mit dem bei den Pariser Anschlägen verwendeten Sprengstoff TATP. Auch soll Abaaoud ihn am Abend der Anschläge von Paris angerufen haben. Laachraoui sprengte sich am Dienstag am Brüsseler Flughafen in die Luft.
Mohamed Belkaïd
Foto: Belgian Federal Police via AP
Unklarer ist die Rolle des am Freitag von einem Scharfschützen der Polizei getöteten Algeriers Mohamed Belkaïd, 35, der sich auch Samir Bouzid nannte. Ihn hatte der jüngst gefasste Salah Abdeslam Anfang Oktober in Budapest abgeholt. Zudem besteht nach Angaben der Polizei eine "hohe Wahrscheinlichkeit", dass er die SMS bekam, mit dem die Attentäter vom Konzertsaal Bataclan das Signal gegeben hatten, dass sie nun beginnen würden.
Die Logistiker
Khalid und Ibrahim El Bakraoui
Foto: AFP/ Interpol
Zur Ebene der Helfer und Unterstützer zählen unter anderem die Brüder Ibrahim und Khalid El Bakraoui, 29 und 27, die sich am Dienstagmorgen in Brüssel in die Luft gesprengt hatten, der eine ebenfalls am Flughafen, der andere in der Metrostation. Sie hatten unter anderem eine Wohnung angemietet, in der sich ihr zu diesem Zeitpunkt noch gesuchter Komplize Salah Abdeslam, 26, versteckt gehalten hatte.
Auch dessen Bruder Brahim Abdeslam, 31, wiederum, der sich am 13. November in einem Café am Pariser Boulevard Voltaire in die Luft jagte, war logistisch von Nutzen. So mietete er nach Erkenntnissen der Ermittler den schwarzen Seat an, der bei den Anschlägen auf Lokale genutzt wurde. Auch kümmerte er sich um eine Wohnung in Saint Dénis, in der die Terroristen unterkommen konnten.
Salah Abdeslam
Foto: DSK/ AFP
Der wahrscheinlich wichtigste Logistiker der Gruppe war der am vergangenen Freitag gefasste Salah Abdeslam. Er fuhr immer wieder in gemieteten Autos, am liebsten in deutschen Fabrikaten der oberen Mittelklasse, durch Europa, um Mitverschwörer abzuholen. Mutmaßlich waren diese als Flüchtlinge unter falscher Identität in die EU gekommen.
Anfang Oktober etwa holte er drei angebliche Syrer in einem Hotel in Ulm ab. Einen Monat zuvor hatte er Najim Laachraoui in Budapest abgeholt. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen fuhr er auch Mitte September 2015 noch einmal mit einem angemieteten Audi A6 in die ungarische Hauptstadt. Der Grund für den Trip ist bislang unklar.
Die Befehlsempfänger
Ahmad Almohammad
Foto: DPA
Mohammad Almahmod und Ahmad Almohammad nannten sich die beiden Männer, die sich am 13. November als Selbstmordattentäter vor dem Stade de France in die Luft gesprengt hatten. Sie waren mit gestohlenen syrischen Pässen als Flüchtlinge in die Europäische Union (EU) eingereist und über die Balkanroute weitergezogen. Zwei weitere Verschwörer, ebenfalls als Flüchtlinge unterwegs, konnte der Verfassungsschutz in Salzburg lokalisieren. Dort wurden sie festgenommen.
Mohammad Almahmod
Foto: DPA/ Französisches Ministerium
In einer Propagandaveröffentlichung gab der IS die beiden Selbstmordbomber als Iraker aus. Wer sie wirklich waren, ist bislang ungeklärt.
Von ihnen ist bisher auch nicht bekannt, dass sie tiefer in die Planungen oder die Organisation der Anschläge eingebunden waren. Womöglich bestand ihre einzige Aufgabe darin, am Ende möglichst viele Menschen mit in den Tod zu reißen.
Bilal Hadfi
Foto: AFP/ islamistische Propagandawebsite
Die
Sicherheitsbehörden nehmen an, dass die Männer den Flüchtlingstreck im Auftrag des IS bewusst hatten nutzen sollen, um Migranten in ihrer Gesamtheit zu diskreditieren.
Nachrichtendienste gehen davon aus, dass einer der wichtigsten Hintermänner der Anschläge von Paris der Franzose Salim Benghalem, 35, ist.
Der Dschihadist hat sich bereits 2013 dem IS angeschlossen und soll auch hinter der Entführung französischer Journalisten im Jahr 2014 stecken. In Abwesenheit wurde er im Januar von einem französischen Gericht wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Auch er hat eine schwerkriminelle Vergangenheit. Seine Radikalisierung vollzog sich in der Haft, die er wegen versuchten Mordes verbüßen musste.
Charaffe El Mouadan
Foto: AFP
Ebenfalls in Syrien hielten sich Charaffe El Mouadan, 26, und Samir Bouabout, 28, auf, die auch der Terrorzelle zugerechnet werden. Nach beiden, die zusammen mit dem in Paris gestorbenen Bataclan-Attentäter Samy Amimour in Drancy aufgewachsen waren und sich radikalisiert hatten, wird noch immer gefahndet.
Im Fall von El Mouadan ist das wohl eher eine Vorsichtsmaßnahme. Der Islamist soll im Dezember bei einem Drohnenangriff getötet worden sein.